Student, und darauf sieht dein Vater sehr. Ich will tun, was ich kann; aber ich kann nichts versprechen. Halt nur alles recht geheim, mit Siegwart! und vertrau auf Gott! das ist das Beste. Ich rate dir, wenn dein Herz noch nicht ganz an ihm hängt, so reiss dich los! Denn ich sehe nichts vor mir, als tausend Kummer und Verdruss. – O Mutter, sagt ich, tun Sie was Sie können, und entfernen Sie den Hofrat! Denn er ist mir unausstehlich. Gott erbarm sich meiner! Siegwart ist allein der Mann. Gott weis, dass ich ohne ihn nicht leben kann. – Hier sank Siegwart weinend, und halb ohnmächtig an ihr Herz. – Sie werden mich verlassen, und mir untreu werden, sagte er nach einiger Zeit. Nein, bei Gott nicht! war ihre Antwort. Lieber sterben! Aber, Teurer, vorsichtig müssen wir über alles sein! Sonst sind wir verlohren. Ach, es ist doch umsonst, sagte Siegwart. – Gott, wenn Sie verzweifeln wollen, siel sie ein, was soll dann ich anfangen? Bei allen Heiligen versprech ich Ihnen, dass ich ewig widerstreben will. Diese Hand soll nie ein andrer haben! Mich soll niemand zwingen. Lieber bleib ich ewig, wie ich bin. Sein Sie stark, und sprechen Sie mir Mut ein! Meine Mutter wird mir beistehn, und Gott! Mein Vater ist doch Vater, und ich bin sein Kind. Meine Tränen sollen vor ihm fliessen, bis sein Herz erweicht wird. Nur jetzt handeln Sie behutsam! Lieber jetzt auf eine Zeit getrennt, als ewig. Wenn Sie mich noch lieben, Siegwart, o so sein Sie stark! Meiden Sie mich jetzt! Es kann nicht anders sein. Ich geb ihnen Nachricht, wenn ich kann. Ich schwörs, bei der Mutter Gottes, dass ich standhaft bleibe. Bleiben Sie es auch! Aber gehen Sie jetzt! Wir sind nicht sicher. Kommen Sie das nächstemal nicht ins Konzert! – Er küsste sis noch einigemal mit feuervollen Küssen; konnte kaum vor Tränen und vor Schluchzen reden, und nahm Abschied. Um Gottes Willen, bat er, bleiben Sie mir treu, und geben Sie mir Nachricht, sonst vergeh ich. Bleiben Sie mir treu! Mit diesen Worten ging er, und lief auf einer andern Seite weit ins Feld hinaus. Seine Seele war in der fürchterlichsten Arbeit. Alles, was sagen konnte, war:
Verflucht seist du, betrügerische Liebe!
Von dir allein stammt unser Elend her!
Erst in der späten Dämmerung kam er zurück. Sein
Herz war jetzt wehmütiger geworden, und sein Schmerz goss sich in Tränen aus. Eine Stunde lang blieb er ohne Licht auf seinem Zimmer, ging schnell auf und ab, rang die hände, faltete sie zuweilen, und betete. Endlich schrieb er mit der heftigsten Bewegung, und mit tausend Tränen dieses Gedicht nieder: Im dunkeln Tale stand ich, und jammerte; Der Seele bange Leiden umwölkten mich; Verkannter Liebe Schmerzen hiengen
Fürchterlich über mein mattes Haupt her!
Da brach ein Glanz aus Wolken, da schimmerte Vor mir der Hügel; siehe, da standest du, O hoffnung, hell im Sonnonstrale,
Winktest mir armen Verlassnen freundlich.
Hinauf! Hinauf! Da wand ich durch Dornen mich; Des Bluts nicht achtend; lachte die Schlangen an, Die wütig zischten; sah den Glanz nur,
Und den eröfneten Arm der hoffnung! –
O Göttin, Göttin! Sage, was wandelt dort? Es kommt; es kommt! Es lächelt, o Göttin, mir! ist es Mariane? Mariane?
Birg mich, o Göttin! Es kommt; es lacht mir! –
In meinem Arm? Ich sinke vor Seligkeit! Am Herzen mir? O Heilige, steh mir bei! –
Mein bist Du? – Gott, und Engel Gottes,
Helft mir die lastende Freude tragen! – –
Wo bin ich, Engel? – Wieder ins Tal gestürzt? Umhüllt von neuer, dämmernder Traurigkeit? Der Hügel wieder trüb in Wolken? –
Engel, und Menschen! Wo bin ich, bin ich?
Ein Tränenstrom stürzte auf das Blatt hin, als er dieses ausgeschrieben hatte. Seine ganze Seele schien sich ausgiessen zu wollen. Der Klang von Marianens Klavier riss ihn aus dieser fürchterlichen Lage. Er legte sich ins Fenster, und lauschte. Sie spielte wehmütig. Er weinte; aber ruhiger; denn ihre sanfte stimme floss in seine Seele, wie das Lied der Nachtigall nach einem Sturm. Endlich sang und spielte sie ein Lied, voll Entschlossenheit, voll hoffnung, und Ergebenheit in Gottes Willen. Ruh und Zuversicht träufelte, wie Abendtau in sein Herz herab. Er sah zum Himmel auf. Die goldnen Sterne blinkten hell. – Gott, Gott! seufzte er; du Schöpfer aller! und du Vater aller! Jeder Stern in seiner Bahn! Jeden lenkest du, und siehst du! Siehst auch mich, und Marianen! Alles lebt, und jauchzt ob deiner Güte. Gott, du Vater aller! Sei auch mein, und Marianens Vater! – Der du diese Sterne schufest; hast auch mich, und sie erschaffen. – Gott! Barmherziger! Gnädiger! Mächtiger! Nein, du wirst, du kannst uns nicht verlassen! O, ich fühls, du kannst uns nicht verlassen! In deine hände geb ich mein, und Marianens Schicksal! Sei du