Konzert sehen, und vielleicht auch sprechen würde; denn, seit Kronhelm weg war, wagte er es nicht, so oft hinüber zu gehen. Er hatte auch gehofft, vielleicht einen Brief von seinem Freund anzutreffen, aber vergeblich.
Des Abends im Konzert vermehrte sich seine Unruhe noch mehr, als er seine Mariane sehr niedergeschlagen fand. Erst am Ende des Konzerts bekam er gelegenheit, sie auf einige Augenblicke allein zu sprechen. Mit etlichen Worten erzählte er ihr die Ursache seiner Reise, und von Kronhelms Unglück. Sie seufzte, und sagte: Ich hätt' Ihnen auch viel Unangenehmes zu sagen. Gehen Sie vielleicht morgen Nachmittags bei meinem Garten vorbei? Es wär möglich, dass ich da wäre. Eh sie weiter reden konnte, kam ein goldgestickter Herr dazu, der sich mit abgeschmackter Höflichkeit nach ihrem Befinden erkundigte.
Siegwart schlich sich auf die Seite, denn er ward vom Schmerz zu heftig überwältigt, und lief fort, eh noch das Konzert geendigt war. Sein Zustand zu haus war der grausamste. Gott, was ist das? dachte er, und sann hin und her, was sich zugetragen haben möchte? Seine Einbildungskraft stellte ihm alles Fürchterliche vor. Er sah nichts als Trennung und Elend vor sich. Marianen hielt er schon für verlohren; nur die Art, wie sies wäre? war ihm noch ein Rätsel. Die ganze Nacht konnte er nicht schlafen. Tausend Schrecken standen vor ihm; und, wenn er die Augen zuschloss, sah er Blut und Tod. Oft fuhr er auf, und schlug sich vor die Stirne; wälzte sich im Bette hin und her, stand auf, legte sich wieder, und ächzte, wie ein Sterbender. Endlich erweichte sich die ermüdete natur zu Tränen. Seine Seufzer wurden nun Gebet und heisses Flehen. Mit dem Tag stand er wieder auf, und sah aus dem Fenster nach dem Wetter, ob es gut bleiben würde? Der Himmel war etwas umzogen, aber nach und nach hellte er sich auf, so dass er hoffen konnte, Marianen heute zu sehen. Den ganzen Morgen sann er wieder nach, worüber Mariane so bestürzt sein möchte? Zuweilen dachte er an Kronhelm und seine Terese. Hier fand er wieder neuen Stoff zur Unruh. Er war noch nicht mit sich einig, ob er seiner Schwester Kronhelms Brief schicken, oder sie in ihrer frohen Hoffnung lassen sollte? Er wartete, da es heute Posttag war, mit sehnsucht auf Briefe; lief selbst ein paarmal auf die Post, aber es war nichts für ihn da.
Der sehnlich erwünschte Nachmittag kam. Mariane ging um drei Uhr allein aus dem Haus. Eine halbe Stunde drauf ging er mit bangem Zittern, und ängstlicher Erwartung, bei einem andern Tor hinaus ihrem Garten zu. Wie erschrack er, als der Garten und das Häuschen drinn noch zugeschlossen war! Mit banger Ahndung ging er in das, nah daran stossende Wäldchen, und warf sich unter einer Eiche nieder. Alle Blumen um ihn her, und alles Gras riss er mit der Wurzel aus; die Vögel, die im Gebüsche zwitscherten, verscheuchte er; sprang wieder auf, drängte sich durchs dichteste Gebüsch durch, und machte sich dann, seiner Ungeduld wegen, selbst wieder Vorwürfe. Endlich ging er wieder an den Garten; Mariane sah aus dem Häuschen, und sprang herab, ihm die tür aufzumachen. Ich kam spät, sagte sie, ich muste eine Freundin mit nehmen, es war nicht zu ändern. Wir können aber doch allein reden. Sie weis schon davon. – Ihre Freundin war ein Frauenzimmer, das Siegwart schon oft im Konzert gesehen, und singen gehört hatte. Sie sprach mit ihm von der Musik, und lobte sein Spiel, und seine stimme.
Nach einiger Zeit ging sie von selbst in den Garten hinunter, und liess unsre Liebenden allein. Siegwart sah Marianen traurig an, und wagte kaum, eine Frage an sie zu tun. Sie fragte erst noch nach einigen Umständen von Kronhelms und Teresens Schicksal, und sagte dann: Auch uns, lieber Siegwart, droht ein Unglück. Unsre Liebe ist so heimlich nicht mehr, als ich glaubte. Meine Schwägerin weis davon, und vor ihr war ich immer am meisten bange. Ich muss Ihnen nur gestehen; meine Mutter hat mit mir drüber gesprochen. Ich gestund ihr alles. Sie ist an sich nicht unzufrieden mit unsrer Liebe, aber sie sagt, dass sie voller Angst sei, wenn mein Vater es erfahre, und das werde durch unsre Schwägerin nur gar zu bald geschehen. Ich bedaure dich, meine Tochter, sagte sie. Ich habe eure Liebe lange schon gemerkt, und heimlichen Gram im Herzen drob getragen. Ich weis nicht, wie dein Vater von Siegwart denkt, aber du kennst ihn, dass man sich in nichts, ohne sein Vorwissen, einlassen soll; und ich kann dirs nicht verbergen, er hat Absichten mit dem Hofrat Schrager (der gestern zu mir kam, als ich mit Ihnen sprach). Wenn nun unsers Teodors Frau, die ihm gut ist, noch dazu kommt, dann weis ich nicht, wie es gehen wird? Prüf dich recht, meine Tochter, wie es um dein Herz steht; ob du den Antrag annehmen kannst? – Ich fiel ihr weinend um den Hals. Ach meine Mutter! sagte ich. – Ich weis wohl, meine Tochter, fiel sie mir ein, und weinte mit; Siegwart wäre besser. Aber denke, er ist ein