.
Er ritt bis spät in die Nacht hinein; schlief auf einem Dorf nur einige Stunden, und kam den andern Abend in München an; aber, weils schon spät war, wagte er es nicht mehr, zum geheimen Rat zu gehen. Den folgenden Morgen liess er sich durch einen Mietbedienten nach dem haus bringen und melden. Aber zu seiner grossen Bestürzung hörte er, der geheime Rat sei nicht hier. Er erkundigte sich bei einem Bedienten; dieser gab ihm kurzen Bescheid, und sagte, sein Herr sei schon vor drei Tagen mit seinem Kammerdiener unvermutet auf der Post abgereist, er wisse nicht, wohin? Mehr konnte Siegwart nicht erfahren. In der Betäubung lief er zu Kronhelms Schwester, die ihn sogleich vor sich liess. Er erzählte ihr, in der äussersten Verwirrung, fast ohne Zusammenhang die ganze geschichte ihres Bruders, sagte, warum er nach München gekommen sei, und fragte sie, wo der geheime Rat hingereist sei? – Sie war aufs äusserste betroffen, und hatte, wie versteinert, zugehört. Als sie etwas von ihrem Staunen zurückkam, und sich durch Tränen Luft gemacht hatte, sagte sie, sie wisse vom geheimen Rat und seiner plötzlichen Abreise nicht das mindeste. Seit seiner Zurückkunft habe sie ihn nur Einmal gesehen, und mit ihm von ihrem Bruder gesprochen. Er habe sie versichert, dass es alles gut gehen werde. Er sei bei ihrem Vater gewesen, dieser nehme durchaus keine Gründe an. Nun woll er sich seines Vetters ernstlich annehmen. Er kenne Teresen; sie hab ihm ausserordentlich gefallen, und sein Neffe soll sie haben. Diese Nachricht habe sie ganz beruhigt; sie hätte wirklich ihrem Bruder geschrieben, und gestern den Brief nach Ingolstadt geschickt; denn von seiner plötzlichen Abreise, und der vorgeblichen Krankheit ihres Vaters habe sie nicht das geringste gewusst. –
Nun fing sie aufs neue an, ihren unglücklichen Bruder zu beklagen, und bitterlich über sein Schicksal zu weinen. Endlich fing sie sich mit Siegwart zu beratschlagen an, was nun zu tun wäre? Er wollte selbst nach Günzburg reiten, aber sie widerriet es ihm. Wahrscheinlich, sagte sie, werden Sie meinen Bruder, nach seinem eignen Schreiben, nicht mehr da antreffen. Sollt er aber noch da sein, so können wir durch einen Brief, der ohnediess schneller hinkommt, eben das ausrichten. Wenn wir ihn versichern können, dass mein Onkel sich seiner ganz gewiss annehmen, und ihm Ihre Schwester geben will, so muss ihn das zurückhalten! Wir wollen ihm jetzt augenblicklich schreiben; denn in einer Stunde geht die Post ab. – Siegwart, der sich ohnehin sehr nach seiner Mariane zurücksehnte, liess sich diesen Vorschlag gefallen, und ging in ein Kabinet, wo er einen sehr beweglichen Brief an seinen Kronhelm schrieb, und ihn um alles in der Welt willen bat, in Günzburg zu bleiben, oder, wenn er schon abgegangen wäre, sogleich zurückzukehren, weil er von den Bemühungen seines Onkels alles hoffen, und gewiss mit Teresen vereinigt werden könne. Die Frau von Eller liess ihn ihren auch sehr rührenden Brief lesen, und schickte beide augenblicklich auf die Post. Sie bat ihn zum Mittagsessen. Er nahms an, sagte aber, er wolle heute noch wegreiten, um noch eine gute Strecke weges zu machen. – Ihrem Mann, bat sie, möchte er nicht sagen, warum er nach München gekommen sei? Weil er noch nichts davon wisse, und leicht Hindernisse in den Weg legen könnte. – Unserm Siegwart wurde nun wieder leichter ums Herz, weil er Einen Stral von Hoffnung für seinen unglücklichen Freund sah. Er ging in seinen Gastof, um sein Pferd auf den Nachmittag zu bestellen; nach einer Stunde kam er wieder zu der Frau von Eller, die indessen von ihrem Schrecken sich erholt, und wegen ihres Bruders gute Hoffnung hatte. Sie lobte unsern Siegwart sehr, dass er für seinen Freund so viel tue, und die Reise übernommen habe. Ihre Schwester, sagte sie, muss ein herrliches Mädchen sein, wenn sie Ihnen gleich ist. Ich kann meinem Bruder keine bessre Gattin wünschen, und sehne mich recht darnach, sie bald meine Schwagerin zu nennen. Wenn nur mein Onkel bald zurückkommt, dann soll, hoff ich, alles noch gut gehen. Indem kam ihr Mann, und empfieng unsern Siegwart freundlich. Er erkundigte sich nach seinem Schwager, und verwunderte sich über seine so beschleunigte Abreise von Ingolstadt. Bei Tisch wurde viel über den Junker Veit gesprochen. Sie beklagten sich alle über sein rohes Wesen, und dass er sich so von Kunigunden regieren lasse.
Bald nach dem Essen empfahl sich Siegwart, nachdem er erst noch einige Augenblicke mit der Frau von Eller allein gesprochen hatte, und ritt wieder nach Ingolstadt zurück. Unterwegs dachte er nur an Kronhelm, an Teresen, und an seine Mariane. Er dachte hin und her, ob er seiner Schwester etwas von dem unglücklichen Vorfall schreiben sollte? und konnte nicht mit sich einig werden. Den folgenden Tag kam er sehr spät wieder in Ingolstadt an, denn er wollte nicht noch eine Nacht weg bleiben; der Gedanke, seiner Mariane nah zu sein, hatte zu viel süsses für ihn. Den andern Tag stunde er etwas spät auf, und sah, nachdem er eine halbe Stunde vergeblich ausgeblickt hatte, seinen Engel endlich am Fenster. Es war ihm, als ob sie etwas traurig wäre; dieses beunruhigte ihn sehr, und er sehnte sich nach dem Abend, da er sie im