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trank ich ziemlich. Nach und nach fielen von Seiten Jobsts und meines Vaters, und des Amtmanns allerlei Anspielungen vor: Wir gäben so ein hübsches Paar ab, u.s.w. dass ich wohl merken konnte, es sei abgekartet, und auf mich gemünzt. Ich tat aber, als ob ichs nicht hörte, oder nicht verstünde. Ich sah immer auf der Uhr, und sehnte mich weit weg. Einmal ging ich in den Stall hinunter, sah nach meinem Pferd, und machte etwas am Gurt zurechte, das vorher auf der Jagd aufgegangen war. Ich hielt mich mit Fleiss lang auf, und kam erst nach einer Viertelstunde wieder aufs Zimmer. Da sassen sie all auf Einem Haufen, steckten die Köpfe zusammen, und fuhren auseinander, als ich herein trat. Das machte mich nun noch stutziger. Mein Vater sagte: Hör, Karl, das fräulein hier wollt ich dir eben wünschen! Sie ist schön, hat Geld, und ist von steinaltem Adel. – Verzeihen Sie, Papa, sagt ich, und zuckte die Achseln; Sie wissen ... Ei was? rief er, freilich weis ich! Aber, schlag mich der Donner, da wird nichts draus! Lieber zieh ich dir die Haut ab! – Es lebe fräulein Stellmann! Trinks mit! – Ich konnts, ohne die Höflichkeit zu beleidigen, nicht abschlagen. – So, Karl, das ist brav! Ihr müst ein Paar werden; nicht wahr, fräulein? – Sie sah mir unverschämt ins Gesicht, lachte, und gab mir die Hand. Ich liess es so geschehen, weil ich dachte, hier wird doch nichts ausgemacht, und allein will ich schon mir ihm reden. –

Schade, dass nicht gleich ein Pfaff bei der Hand ist! sagte mein Vater; man könnt sie gleich zusammengeben. – O, da ist Rat vor, sagte der Amtmann, hier ist schon ein Pfarrer! indem machte er ein Seitenzimmer auf, und ein dicker Pfaffe trat heraus. Ich riss mich von der Stellmann los, und sprang auf. Papa, rief ich, ist das Ernst? Freilich, Kerl, rief er, und riegelte die Saaltüre zu. Man wird dich schon kriegen, du vermaledeite Bestie! – Ich ward in dem Augenblick wie rasend, und sprang in das Zimmer hinter mir, das aus versehen offen geblieben war, und schlug die tür zu, dass das Sckloss zurückfuhr. Von da ging eine tür nach dem äussern Saal; ich hinaus, die Treppe hinunter, in den Stall aufs Pferd, und beim Hof hinaus! Vom Fenster herab geschah ein Schuss, der mir nichts tat. – Nach! Nach! schrie mein Vater. Ich flog beim Dorf hinaus, wie der Blitz. Beim letzten Haus hört' ich schon hinter mir her galoppiren. Mein Water war es, mit 3 oder 4 andern Reutern. Sie waren mir schon so ganz nah auf dem Hals, dass ich ihn fluchen hören konnte. Neber einen breiten tiefen Grafen setzt ich wie der Wind. Es geschah noch einmal ein Schuss. Mein Pferd wendete seitwärts. Auf Einmal entstand ein schreckliches Geschrei. Ich sah mich um, und sah eben noch meinen Vater in den Graben stürzen. Ich nahm mir nicht Zeit, nochmals umzusehn. Endlich, nach einer halben Viertelstunde merkt ich keinen Menschen mehr hinter mir. Vermutlich waren sie bei meinem Vater geblieben, um ihm aufzuhelfen. – Ich ritt links in einen dicken Wald hinein. Nach einer guten halben Stunde fand ich einen Holzweg, auf dein ich gerade fort ritt. Es ward schon sehr dunkel, und der Weg war mir gänzlich unbekannt. Endlich kam ich aus dem Holz, und ungefähr um elf Uhr in ein Dorf, wo ich noch in einer Hütte Licht sah, und mich erkundigte, wo ich wäre? Ein altes Mütterchen sagte mir, das Dorf heisse Reisensburg, und lieg eine gute halbe Stunde von Günzburg. Mit dem Namen: Günzburg fuhr der Gedanke durch meine Seele, unter die kaiserlichen Völker zu gehen, und mich bei unserm Hauptmann anwerben zu lassen. Bei dem Gedanken ward mir auf Einmal wohl, denn ich sah nun einen Ausweg, da mir es vorher war, als ob ich in einem Irrgang wandelte. Krieg und Tod war mir Eins; denn was kann ich anders wünschen, als den Tod? – Ich spornte mein Pferd, und kam nach einer Viertelstunde zu Günzburg an. In der Krone stieg ich ab, weil ich wuste, dass der Hauptmann da logirt; und als ich hörte, dass er noch nicht zu Bette sei, liess ich mich bei ihm melden, und trug ihm meine Absicht vor. Er nahm mich mit Freuden auf, und nun geh ich in vier oder fünf Tagen auf der Donau als Freiwilliger mit dem Transport nach Schlesien, wo vermutlich eine Kugel auf mich wartet, und meiner Qual ein Ende macht.

O Bruder, so weit ist es mit mir gekommen. Das sind nun meine Hoffnungen! Gott, was wird aus Teresen werden? Schick ihr diesen Brief, wenn dus für gut hältst, und schreibe ihr das übrige! Tröst sie, wenn du kannst! Ich bins nicht im Stand. An meinen Oakel hab ich vor 2 Tagen geschrieben, dass er sorge trägt, dass ihr mein Vater nichts tut, und dass er mir Geld schickt, denn ich hab nur 15 Gulden bei mir, und mein Pferd nehm ich