eben den Tod, daher war er so besorgt beim letzteren Anfall. O Bruder, was werde ich hier anfangen unter solchen Leuten? Du verstehst mich. Warum mussten wir uns trennen? Mein Herz ist voll von tausend Dingen, aber jetzt kann ichs nicht ausschütten vor dir. Nächstens einen grossen Brief! schreibe mir ja bald! Was macht Mariane? Tausend Grüsse an den Engel, und dem andern zehntausend! lebe wohl, Bester! Der Fuhrmann will weiter, und ich wollt ihn doch nicht
Ewig dein!
Kronhelm.
N.S. Mach über deinen Brief an mich zwei Kouverte, und auf das äussere die Aufschrift: Herrn Amtmann Friedrich. Der Brief wird mir richtig eingehändigt. Siegwart hatte nur auf diesen Brief und Nachricht von seinem Freund gewartet, um seinen Brief abschikken zu können; denn er hatte noch keine Adresse gehabt. Nun schrieb er umständlich und mit grossen Freuden alles, was ihm Terese berichtet hatte, wünschte seinem Kronhelm tausend Glück und schickte den Brief ab. Das wird eine Freude sein, dachte' er, wenn er noch nichts weiss, und diesen Brief erbricht! Nun wird er für alle seine Leiden getröstet werden. Zehn Tage lang wartete er mit der grössten sehnsucht, aber nur vergeblich, auf neue Nachrichten. Endlich kam an einem Mittewochen, welches nicht der gewöhnliche Posttag war, folgender Brief:
Günzburg den 21. May.
Liebster Bruder!
Seit drei Tagen bin ich hier, in der schrecklichsten Verfassung, die du dir denken kannst. Alles, alles ist verlohren! Meine Ruhe, meine Hoffnung, meine Terese, alles! O Bruder, es ist aus mit mir! Zwei Tage war ich bei meinem Vater, da gings an. Seine Krankheit war nur ein Vorgeben, um mich her zu lokken. Eines Abends war ich allein bei ihm auf dem Zimmer. Wie stehts mit deinem Menschen? sagte er; hängst du ihr noch an? Ich weiss nicht, ob sie die Jungfer Siegwart meinen? sagte ich. Ich habe noch alle Ursache, sie hochzuschätzen. – Was? Canaille! rief er, und das wagst du mir ins Gesicht zu sagen? Dass dich alle Teufel holen! Ich zertrete dich, du Rabenaas! – Mit diesen Worten kam er auf mich zu, packte mich bei der Kehle fest, und würde mich erwürgt haben, wenn ich mich nicht vorgesehn, und losgerissen hätte. Kaum konnte ich mich zurückhalten, mich an ihm nicht zu vergreifen. Als ich los war, sprang ich aus dem Zimmer aufs meinige, und schloss hinter mir zu. Ich hört ihn noch eine Stunde lang im Haus herum lärmen, und die Türen zuschlagen. Kurz vor Sonnenuntergang ritt er weg; ich wuste nicht, wohin? Meine Schwester kam erschrocken zu mir aufs Zimmer, weinte und schrie, und bat fast auf den Knien, dass ich mich doch geben sollte; sonst könns kein Mensch mehr aushalten bei dem Vater. Schon seit vierzehn Tagen sei man nicht des Lebens bei ihm sicher, seit mein Onkel weg sei. Dieser war nämlich bei ihm hier, und da gabs grossen Streit, vermutlich wegen meiner. Ich konnte nichts Gewisses erfahren, denn sie sprachen allein miteinander. Meine Schwester tat gar kläglich, aber ich sagt ihr: Ich könn es nun nicht ändern; Teresen könn ich nicht aufgeben, wenn es auch mein Leben kosten sollte, u.s.w. Du weist das alle selbst schon. Das Mädchen konnte mir nicht Unrecht geben, aber sie sagte nur: Ich stürzte mich, und Teresen, und sie alle in Lebensgefahr. Kunigunde stecke dahinter, und regiere meinen Vater ganz. Er sei wie rasend, und könn' alles tun, u.s.w. Ich beschloss also, wegzugehen; weiss der liebe Gott wohin? und machte meine Einrichtungen so, dass ich in drei oder vier Tagen aus die Jagd zu reiten, und nicht mehr zurück zu kommen dachte. Aber es ging anders.
Den andern Morgen kam mein Vater wieder, tat ganz freundlich, und stellte sich, als obs ihm leid wäre, dass er gestern so mit mir umgegangen war. Auf den Nachmittag, sagte er, wollen wir ein wenig auf die Jagd reiten, und das übrige, zu seiner Zeit, im Frieden mit einander abtun. Ich konnte mich in sein Betragen nicht finden, und vermutete nichts Gutes; doch konnte ichs auch nicht abschlagen, mit zu reiten. Wir ritten in einen Forst, eine Stunde weit vom Dorf, nur mit Einem Jäger; und, nach einigen Schüssen, sagte er: wir wollen aufs nächste Dorf zum Amtmann reiten; ich muss etwas trinken. Von der Sache sprach er gar nichts.
Beim Amtmann war der Baron Striebel; wie es schien, ganz von ungefähr. Der Amtmann sah aus, wie ein Spitzbube, dem ich keinen heller anvertrauen möchte. Nach drei Viertelstunden kam ein Wagen mit dem alten Seilberg, mit Regine Stellmann, und dem lüderlichen Jobst. Das kam mir bedenklich vor; aber ich merkte weiter nichts. Die Stellmann war mir jetzt mit ihrer buhlerischen Freundlichkeit noch unausstehlicher, weil ich von meiner Schwester wuste, was sie seit der Zeit mit dem süssen Silberling für einen ärgerlichen Liebeshandel gehabt hatte. Ich hätte sie lieber anspeien, als viel mit ihr machen mögen, und doch war sie so zutätig, dass ich nicht wuste, wohin? Man sprach mir stark zu, zu trinken, und im Aerger