meinen, meinen Kronhelm! Ich kann ihm noch nicht schreiben. Bruder, Gott weis, ich kann nicht! Mein Herz ist noch gar zu voll. Hilf mir beten, und Gott danken! Unser bester Vater ist wie neugebohren und grüsst tausendmal. Gott! wie hat sich alles mit uns verändert! – Ich weis, du nimmst an meinem Glück Anteil. O Bruder, Gott mache dich doch auch recht glücklich! schreibe mir doch bald
deiner unaussprechlich glücklichen Schwester
Terese Siegwart.
Siegwart konnte sich der Freunentränen nicht entalten, als er diesen Brief gelesen hatte. Gott, wie gut bist du! rief er einigemal aus. Dank! Dank! Du kannst mich auch nicht verlassen! O mein Kronhelm, o mein Kronhelm, du bist glücklich! O meine Schwester, meine Schwester! – Er warf sich auf seine Knie. Gott! Barmherziger, Gnädiger! O, auch mich, auch mich! Und Marianen! – Der halbe Tag zerfloss ihm unter einem fortdaurenden Taumel. Bald schrieb er etliche Zeilen in dem Brief an Kronhelm! Bald ging er wieder auf dem Zimmer auf und ab. Zuweilen grif er nach einem buch, wollte drinn lesen, und schlug es wieder zu; seine Seele war viel zu zerstreut, und ganz geteilt. Er sehnte sich nach jemand, dem er seine Freude mitteilen könnte; aber, ach, er hatte niemand, und nun fühlte er, mitten in seiner Freude, die Trennung von seinem Kronhelm doppelt wieder. Er sah Marianen am Fenster: er wünschte, ihr den Brief zeigen, und sie an seiner Freude mit Anteil nehmen lassen zu können; aber er wagte es nicht, sie wieder zu besuchen, da er erst vor zwei Tagen da gewesen war. Nach Tische sah er sie mit ihrem Bruder ausgehn, und vermutete, da sie einen Sonnenschirm trug, dass sie vor das Tor gehen werde.
Er zog sich auch an, und ging vor das nächste beste Tor, weil er nicht wuste, wo sie hingegangen war. Es war schon ein völliger Frühlingstag, die Sonne schien warm, alle Kräuter und Frühlingsblumen keimten schon hervor; die Lerchen sangen in der Luft, und die Aemmerlinge, Zaunkönige und andre Vögel im Gebüsch. Seine Seele schwang sich mit den Lerchen auf, und freute sich der reinen aufgehellten Luft. Freude und Wehmut gränzten aneinander; er war bewegt, dass sein auge in Tränen glänzte. Er sehnte sich nach Marianen, aber sie war nirgends. Von fern sah er ein Frauenzimmer gehen; sein Herz klopfte; er eilte, um sie einzuholen; aber es war nicht sein Engel, und er ward noch wehmütiger. An einer etwas erhöhten Stelle, die von einer Dornhecke geschützt war, fand er endlich blaue Veilchen. Er schrie laut auf, als er sie sah, pflückte, und band sie mit einem Grashalm in ein Sträuschen. Hätt' euch Mariane! sagte er halb laut; möchtet ihr an ihrem Busen blühn! – O Kronhelm, wärst doch du da! Aber du bist glücklich, und ich kann dich nicht beneiden! Singend, und mit sich selber sprechend ging er wieder nach der Stadt zu.
Nur so allein, Herr Siegwart? rief eine stimme aus einem Gartenhäuschen. Stutzend sah er auf, und erblickte Marianen. Sie rief ihm in den Garten. Sind Sie hier? sagte er; ich habe Sie gesucht. Ich sahs, dass sie ausgingen. Das ist mein Garten, antwortete sie. Ich hätts Ihnen gern wissen lassen, dass ich hier bin, aber ich konnte nicht. – Wo ist Ihr Bruder? fragte er. Auf die Jagd gegangen, war die Antwort. Das ist ja erwünscht, dass Sie hier sind. Was machen Sie? trauren Sie noch um Ihren Kronhelm? – Hierauf erzählte er ihr die freudige Nachricht, die er heute von seiner Schwester erhalten hatte, und gab ihr den Brief zu lesen. Sie nahm herzlichen Anteil daran, und freute sich über das Zutrauen sehr, das ihr Jüngling zu ihr hatte. – Darf ihr Bruder mich hier antreffen? fragte nachher Siegwart – O ja, antwortete sie. Er ist Ihnen jetzt recht gut. Man muss schon ein übriges bei dem Menschen tun. Wenn man nur ihm nicht im Wege steht, dann läst er einen schon zufrieden. Mein Vater ist Ihnen auch sehr gut, und besonders meine Mutter. Ich glaube, dass sie etwas merkt, und wenn sie mich drum fragen sollte, so wüst ich nicht, warum ich ein geheimnis draus Machen müste, wenn nur Sie mir gut sind. – Er sank in ihren Arm, küsste sie feurig, und schwur ihr ewig Liebe. Der ganze Abend war für unsre Liebende ein heiliges fest. Der Bruder kam erst nach zwo Stunden wieder, und war sehr vergnügt, weil er ein paar Hasen geschossen hatte. Siegwart begleitete sein Mädchen nach Haus, und hatte nie einen schönern Frühlingstag gehabt. zwei Tage drauf kam der Mietkutscher wieder, der Kronhelm nach Haus gebracht hatte, und brachte von ihm folgendes Briefchen an Siegwart:
Liebster Bruder!
Den Augenblick bin ich angekommen, und kann also noch nichts sagen. Die Reise war mir traurig, so allein, und von dir getrennt, den ich so sehr liebe! Mein Vater empfieng mich, nach seiner Art, freundlich, und ist lange so krank nicht, als ich glaubte. Er konnte im Zimmer auf und abgehn, als ich ankam. Er fürchtet