1776_Miller_071_171.txt

ihn aller Orten hin. Seine Mariane konnte er nur sehen, aber nicht sprechen. Abends fing er einen sehr wehmütigen Brief an Kronhelm an. Den Tag drauf erhielt er folgenden Brief von Teresen.

Allerliebster Bruder!

Ich eile, dir die angenehmste Nachricht zu schreiben. Vor drei Tagen liess sich ein fremder Herr bei unserm teuren Vater melden. Wir machten uns so schnell als möglich auf seine Ankunft gefasst. Er war sehr höflich, und bat sich, auf eine angenehme Art, selbst zu Gast. Er hatte aber seine eigne Küche und drei Bediente bei sich, die ihn Herr geheimer Rat nannten. Ich war in der Küche, und machte einige Zurüstungen. Er fragte aber nach mir, und sagte, dass ich notwendig mit bei Tische sein müsse. Du kannst dir nicht vorstellen, wie leutselig und herablassend der Aber ob er gleich so vornehm aussah, so must ich ihn doch lieb haben, denn er hatte nicht den geringsten Stolz an sich. Mit mir gab er sich viel ab, und fragte mich allerlei aus. Sie sind ja so blass, liebes Jungferchen, sagte er; in Ihrem Auge sitzt so etwas; ist es vielleicht unglückliche Liebe? Ich ward feuerrot, und konnte ihn lange nicht mehr ansehn. Er lobte mich auch gegen unsern l. Vater so, dass ich gern weit weg gewesen wäre, ob mir es gleich im Herzen wohl tat, von einem so braven Mann gelobt zu werden. Mit dem l. Vater ging er auf einen recht vertraulichen Fuss um, dass dieser ganz vergnügt und offenherzig wurde. Einmal, als die Bedienten weg waren, wendete er sich schnell zu mir, und sagte: kennen Sie nicht einen jungen Kronhelm? dabei sah er mich so steif ins Auge, als ob er mir durchsehen wollte. Gott weis, wie mir da auf Einmal wurde? Mein Gesicht brannte. Ich weis nicht, was ich zur Antwort gab? Ich glaube, ich sagte: Ja, ich kenn ihn. Er ist mein Neffe, sagte er; ich heiss Kronhelm. Unser Vater stand auf, weil der Herr sehr viel in München gilt, und wollte sich wegen seiner Vertraulichkeit entschuldigen. Er muste aber gleich wieder nieder sitzen. Wir sind gute Freunde, Herr Amtmann, sagte er, und müssen uns noch näher kennen lernen. Keine Komplimente! – So kennt Sie meinen Neffen, gutes Mädchen, und liebt ihn auch? Nicht wahr? Scheuen Sie sich nur nicht, es zu sagen! Ich bins wohl zufrieden! Er verdient Sie, und ist Ihnen auch gewiss recht gut. Fassen Sie sich nur! Es ist mir recht lieb. Mein Wort haben Sie. – O liebster Bruder, es war mein Glück, dass er so freundlich war, und dass ich weinen konnte; sonst wäre mein Herz zersprungen. Ich muste mein Schnupftuch vors Gesicht halten, so sehr weint ich. – Diese Tränen sind alles wert, sagte er; und dann zu unserm Vater: Unsre Kinder sind einander auch wert; nicht wahr, lieber Herr Amtmann? Mein Neffe hat eine gute Wahl getroffen. Ein solches Mädchen hätt ich in meiner Jugend auch geheiratet, wenn ich eins gefunden hätte. Ihr sollt mir an Kindesstatt sein! Sie lieben ihn doch noch recht herzlich? – Hier nahm er mich bei der Hand. O Bruder, ich dachte, ich hätt in Tränen zerfliessen mögen. So ein Herr ist mehr wert, als die ganze Welt! Unser bester Vater sprach kein Wort, und ward ganz blass. – Mein Bruder ist ein harter Mann, sagte der geheime Rat. Ich will ernstlich mit ihm reden. Morgen reis ich zu ihm. Wenn er nicht nachgiebt, so nehm ich mich meines Vetters an; ich kann ihm schon Vermögen geben, denn ich habe keine Kinder. – Dann redete er mit unserm Vater allerlei ab. Mir sagte er, ich sollte guten Mut fassen, und mich gar nichts anfechten lassen; sein Vetter müsse mein sein! und was er sonst noch schönes sagte, das ich vor Freuden nicht alle merken konnte. Er versprach, in etlich Wochen Richtigkeit zu machen, und dem lieben Vater, und mir selbst zu schreiben. Gegen Abend fuhr er wieder weg. Unsern Vater umarmte er, wie ein Bruder den andern; und mich küsste er auf die Backe, und sagte: Mein Vetter wird doch nicht eifersüchtig werden? Wir schickten ihm 1000 heisse Segenswünsche nach.

O Bruder, ich kann dir nicht sagen, was alles in mir vorgeht? Es ist, als ob ich ein ganz neues Leben anfienge. Die Welt hat sich um mich her verändert. Die Tränen stehen mir immer in den Augen, und ich kanns noch kaum glauben, was sich mit mir zugetragen hat. Meinen Kronhelm, meinen ewig, ewig teuren Kronhelm soll ich wieder haben! grosser Gott! Meine Leiden waren zwar sehr gross, aber diesen Lohn, dieses alles überwiegende Glück hab ich nicht verdient. O mach michs würdig! Mach wichs würdig! – Bruder, was ist alles Leiden dieser Zeit gegen so eine Stunde? – Und dochist mir oft so bang! Ich habe so schwarze Ahndungen, so schwere Träume! Ich fürcht immer noch, ich verlier es wieder. – grosser Gott, vergib mir, wenn es Undank oder Mistrauen ist! Hilf mein Glück mir ertragen! Mir ist es noch zu schwer! – Tausend, tausend Grüsse und Umarmungen an