1776_Miller_071_170.txt

hielt der Fuhrmann, um die Pferde zu füttern. Siegwart und Kronhelm assen etwas weniges zusammen, und sprachen nur sehr selten. Vielleicht ist diess das letzte Mittagsessen, sagte Siegwart seufzend. – Nicht so zaghaft, Bruder, versetzte Kronhelm; man sieht sich immer wieder, hat einmal ein weiser Mann gesagt; seitdem ist diess mein Trost bei jeder Trennung. Wer weis, ob ich nicht in wenig Wochen oder Tagen wieder in Ingolstadt bin? Und dann sind wir ja nicht so weit von einander. – hoffnung ist freilich das beste, wenn man sonst nichts hat, sagte Siegwart.

Endlich sagte der Fuhrmann: Er habe angespannt. Kronhelm, der eben ein Glas Mallaga in der Hand hatte, und trinken wollte, stellte das Glas wieder hin, ohne einen Tropfen zu trinken, stand auf, legte seinen Ueberrock an, gab seinem Bedienten seinen Stock und Degen, und umarmte seinen Siegwart. Keiner konnte ein Wort sprechen. Sie gingen aus der tür, und umarmten sich noch einmal. Gott sei mit dir! sagte jeder! – Grüss Teresen tausendmal, und Marianen! lebe wohl, Bruder, vergiss meiner nicht, schreibe mir fleissig, und sei glücklich! Mit diesen Worten stieg Kronhelm in den Wagen. Siegwart eilte, tränenlos, an den Schlag, drückte seinem Freunde noch einmal die Hand. Marx nahm den Hut weinend ab, und der Wagen schwand aus Siegwarts Augen.

Die Wirtsleute stunden da, und wisperten zusammen. Die Herren müssen recht viel auf einander halten, sagte die Wirtin; sie machen, dass einem das Weinen ankommt. Ja, ja, das scheint ein braver Herr zu sein, der da fortgefahren ist. Er war so still und freundlich, dass man ihm nicht bös sein konnte. Nun, Gott geb ihm Glück auf den Weg! Diese Rede voll Einfalt rührte unsern Siegwart so sehr, dass ihm nun erst die Tränen in die Augen schossen. Er trank noch ein paar Gläser Wein, bezahlte, und ritt fort.

Auf dem Wege brach sein Herz ganz. Nun allein zurück zu reiten, sich mit jedem Schritte mehr von dem Freund seiner Seele zu entfernen, der Gedanke begleitete ihn unaufhörlich. Gott segne ihn! war alles, was er denken konnte. Gott! ich hab ihn durch Mistrauen so beleidigt! O vergib mir, wenn es möglich ist! Weiter fühlte seine Seele nichts. – An Marianens Busen seinen Schmerz auszuweinen, war der Wunsch, der ihn beflügelte, dass er in drittehalb Stunden zu Ingolstadt ankam. Der Hofrat Fischer sah aus dem Fenster, als er abstieg, und fragte, ob er den Herrn von Kronhelm glücklich verlassen habe? Ich komm hinüber, sagte Siegwart, wenn Sie es erlauben wollen. Nach einer halben Stunde ging er hinüber, und brachte dem Hofrat tausend Empfehlungen von Kronhelm. Der Hofrat lobte ihn sehr. Mariane war nicht gegenwärtig. Siegwart war darüber innerlich sehr unruhig, aber seine Verwirrung schien von der Trennung von Kronhelm herzurühren. Nach andertalb Stunden wollte er wieder gehen. Der Hofrat sagte aber, ob er nicht noch auf seine Tochter warten wolle? Sie müsse alle Augenblicke von einem Besuch bei einer Freundin zurückkommen. Diess war eine Herzstärkung für unsern kranken Jüngling.

Nach einer Viertelstunde kam sein Engel. Verzeihn Sie! war ihr erstes Wort. Ich vermutete Sie hier, aber ich konnte mich nicht losreissen. Ist er glücklich fortgekommen? – Tausend Grüsse, sagte er; der Abschied war unendlich schmerzlich für uns beide. Ach, ich glaube es; versetzte sie, und seufzte. Nach einigen Erzählungen ging der Hofrat auf sein Zimmer, weil er Geschäfte hatte. Siegwart sank in Marianens Arm, und weinte. Eine Stunde lang konnte er nichts, als seufzen. Sein Mund hing fest am ihrigen, und Tränen mischten sich in ihre Küsse. Verzeihn Sie, Teure! sagte er, ich kann heute nicht sprechen. Gott weis, wie mir zu Mut ist! Hätt' ich Sie nicht, ich verginge. – Sie streichelte ihm die Tränen von den Wangen, oder küsste sie weg. Nach einer halben Stunde hörten sie ein Geräusch. Mariane sprang ans Klavier und spielte eine Phantasie. Es kam niemand auf das Geräusch. Sie spielte eine traurige Opernarie von Hasse. Es war ein Abschiedslied. Das Wort: Adio! war drinn ausserordentlich ausgedrückt. Sie hatte ausgespielt, und sah ihn an. Er wollte eben an ihr Herz sinken, als der Hofrat wieder ins Zimmer kam. Nach einer Viertelstunde ging Siegwart weg. Zu haus machte er ein Lied:

Nach Kronhelms zweiten Abschied.

Gränzt die Freude denn hienieden

Immer nur an Traurigkeit?

Ist uns denn kein Glück beschieden,

Das sich ohne Tränen freut?

Kronhelm, ach, und du, Erwählte,

Schmerz und Wonne schafft ihr mir!

Kaum dass Liebe nicht mehr quälte,

Quälet Freundschaft mich dafür.

Kaum dass Sie dem wunden Herzen

Endlich Linderung erteilt,

Wird mit neuen bangen Schmerzen

Die zerrissne Brust zerteilt.

An die Eine Seite sinket

Das erflehte Mädchen hin;

Ach, und von der andern winket

Unerforschte Schickung ihn.

Weindl', o Freund! nach tausend Tränen,

Dem erweinten Mädchen zu!

Erndte, nach so langem Sehnen,

Der erweichten Liebe Ruh!

Und Du, Mariane, eile,

Segen lächelnd, an mein Herz,

Und umarme mich, und heile

Der verlassnen Freundschaft Schmerz!

Den andern Tag ging Siegwart traurig und niedergeschlagen umher. Der Schmerz um seinen verlohrnen Freund begleitete