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gehandelt, dass ihr mich so von ihr losrisset, und ich werde es nie vergessen. Es tut mir nur leid, Kronhelm, dass wir dich so bald verlieren sollen. – Siegwart lenkte das Gespräch, mit Vorsatz, auf etwas anders, und Kronhelm ward nach und nach ziemlich zerstreut, und, nach Umständen, munter.

Dahlmund blieb noch ein paar Stunden da, und nahm von Kronhelm mit vieler Rührung Abschied. Siegwart bat seinen Freund, frühzeitig zu Bett zu gehen, weil sie morgen bald aufstehen wollten. Er war besorgt, sie möchten beide wieder in den schwermütigen Ton herab sinken, und sein Freund möchte Zweifel aufwerfen, die er nicht im Stand wäre, umzustürzen; denn er schloss wirklich aus dem Schreiben des Junker Veit wenig Gutes. Kaum war er allein auf seinem Zimmer, so brach sein Schmerz mit aller Gewalt aus. Er fühlte den Verlust, den er leiden sollte, in seinem ganzen Umfang. Es war ihm jetzt gedoppelt schmerzhaft, seinen einzigen und besten Freund zu verlieren, da er kaum einen Vertrauten seiner Liebe entbehren konnte, und doch keinen Menschen auf der Welt wuste, dem er sich so ganz anvertrauen könnte, denn mit Dahlmund war er nicht vertraut genug. Nach vielen Tränen, und tausend ausgestossnen Seufzern legte er sich endlich zu Bette.

Um 4 Uhr weckte ihn Kronhelm wieder, und war so bewegt, dass er kein Wort sprechen konnte. Sie tranken stillschweigend mit einander Kaffee, packten das noch übrige zusammen, und reisten um 5 Uhr ab. Mariane trat in ihrem Nachtzeug ans Fenster, grüsste Kronhelm noch einmal halb freundlich und halb traurig; auf ihren Siegwart warf sie einen schmachtenden und liebevollen blick. Vor dem Tor fragte Siegwart: Weis sies, dass ich dich nur etliche Stunden weit begleite, und heute wieder zurückkomme? Ja, ich hab ihrs gestern gesagt, antwortete Kronhelm. Weil Siegwart im Reiten neben der Kutsche nicht gut mit seinem Freunde sprechen konnte, so liess er den Marx auf sein Pferd sitzen, und setzte sich zu ihm hinein, denn jetzt, in der freien Luft, wurden ihre Herzen leichter, und sie konnten eher mit einander sprechen. Ihre Unterhaltung war, wie natürlich, traurig. Ihre Blicke sprachen mehr, als ihre Zunge. Grüss Teresen tausendmal! sagte Kronhelm; schreibe mir alles, was du von ihr weist! Unser Schicksal muss sich nun bald entwickeln. Wenn sie nur Mut genug hat, alles zu erwarten! Zwar ich hoffe viel; aber, Bruder, unser Schicksal steht in Gottes Hand; wir können nichts tun, als ihm willig folgen ohne Murren. Ich habe doch bei allem, was mir noch bisher begegnete, erfahren, dass es nichts als weise Güte ist, wodurch uns Gott regiert. Dieser Grundsatz kann mich allein bei allen Widerwärtigkeiten trösten. Lass ihn in dir leben und weben, und sorg, dass ihn auch mein Engel sich ganz zu eigen macht! Ich schreibe dir, sobald als möglich. Lieber Freund, dass wir uns trennen müssen, ist sehr hart, und doch werden wir noch einsehn, dass es auch weise Güte war, die uns trennte. – Wir hätten uns weit besser geniessen können. Jeder Augenblick, der uns ungenossen hinfloh, schmerzt mich jetzt. Wie oft sassen wir eine Stunde lang beisammen, ohne zehn Worte zu sprechen. O, wenn doch der Mensch die Zeit recht zu geniessen wüste! Aber hinter drein wird man weise. – Desto besser, sagte Siegwart, werden wir die Zeit benutzen, wenn uns Gott wieder zusammen führen sollte. O Freund, wird es wohl geschehen? – Ja, ich hoff es, hoff es, sagte Kronhelm. Ohne diese Hoffnung wäre mir die Trennung unerträglich. Aber schreibe mir fleissig. Lass mich nicht in meiner Einsamkeit verschmachten! – Du mich auch nicht, Kronhelm! Du weist, wie ich ohnehin zur Schwermut geneigt bin. Wenn ich dich nicht hätte, und es ginge mir in meiner Liebe widerwärtig! Bruder, Bruder, schreibe mir! – Du must glücklich werden, sagte Kronhelm, du, und Mariane! Wenn ein Mensch es wert ist, so seid ihrs. Aber, Bruder, du must dich bald entschliessen, welche Lebensart du wählen willst. Ein Geistlicher wirst du nun doch nicht, und das ist recht gut, ich war nie damit zufrieden. Aber, da Mariane weis, was du bisher studirt hast, so könnte sie leicht unruhig werden. Reiss sie bald aus ihrer Unruhe! – Ich wills tun, Bruder! versetzte Siegwart. Es geht mir schon lang im Kopf herum, und quält mich heimlich. Ich bin selber noch nicht schlüssig; so bald ichs bin, schreibe ich dir davon. Ein Geistlicher kann ich freilich nicht werden. Gott wird mir es vergeben, und ich hoffe, mein Vater wird es auch zufrieden sein. Ich muss mich erst an Teresen wenden. – Tu es bald! sagte Kronhelm du weist, wie der Engel denkt. –

So fuhren sie unter freundschaftlich wehmütigen Gesprächen noch drei Stunden fort. Kronhelm fragte seinen Freund etlichemal, ob er nun nicht aussteigen und umkehren wollte? Aber Siegwart wollte gar nichts davon hören. Lass mir noch die Freude, sagte er, dich ein paar Stunden länger zu haben! Wer weis, wenn wir wieder so beisammen sind. Zuletzt wagte Kronhelm nicht mehr, etwas zu sagen, bis sie endlich in ein Dorf, 5 Stunden von Ingolstadt kamen.

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