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in der Kirche. Ihre festliche Kleidung, ihr aufgeheitertes Gesicht, die hohe Andacht, die draus hervorleuchtete, bezauberten sein Herz mehr als jemals. Als er in seiner Freude nach haus ging, und sich im Taumel seiner Wonne kaum fassen konnte, da ward er auf Einmal durch Kronhelms Anblick drinn gestört. Dieser kam ganz bestürzt, mit einem Brief in der Hand zu ihm aufs Zimmer. Ich muss fort! sagte er, und warf den Brief auf den Tisch. Siegwart sah ihn betroffen und stillschweigend an. Lies nur! sagte Kronhelm. Siegwart las:

Lieber Son.

Dass Zibberlein hat mich abermalen hingeworfen, dass einmal den Fang geben. Will mich in Goddes Nammen darauf vorbereiten tun, und mein Schloss bestellen. Du muost darbei sein, darum komm! hast meiner Seel gnuog Gelt an das verdrakte Stuttieren verwendt, dass ich denke, es sei genuog. Du weist wohl, dass bei einem Junker bei den Büchern nigs herauskommen tut. Pack also auf, und komm bälder als balt, oder 's geht nicht guot. Wenn du kommen tust in fier Tägen, so bin ich dein gedreuer Vatter

Veit Kronehelm.

Was hältst du von dem Brief? sagte Kronhelm. Ich halt ihn für so schlimm nicht, antwortete Siegwart. Dass du fort must, das ist freilich traurig, und für mich am meisten, aber sonst sehe ich nichts Böses bei der ganzen Sache. Wenn dein Vater, wie es scheint, so schwach ist, dass er bald sterben könnte, so wirst du dein eigner Herr, und dann ... Schon gut, fiel hier Kronhelm ein; aber ich habe eine Ahndung ... Ich weis selbst nicht. Mein Vater könnte leicht andre Absichten haben. Er wird wieder von Teresen anfangen, und da zittr' ich, wenn ich dran denke. – Siegwart suchte ihn, so viel als möglich, zu beruhigen, und ihm allen Argwohn zu benehmen. Er suchte ihm grössre Hofnungen einzuflössen, als er selber hatte, und sprach ihm Mut ein, da es ihm doch selbst daran gebald zu verlieben, beugte ihn tief nieder. Wenn alles fehlschlägt, sagte er, so hast du ja deinen Onkel, auf den du dich verlassen kannst. Er wird sich der Härte deines Vaters gewiss widersetzen, und sich deiner annehmen. Durch diese und andre Vorstellungen wurde Kronhelm etwas ruhiger, und beschloss, gleich den andern Tag abzureisen. Ich will meine meisten Sachen hier lassen, sagte er; vielleicht komm ich wieder. Wenigstens will ich alles tun, was ich kann; denn was soll ich bei meinem Vater machen, zumal wenn er krank und verdriesslich ist?

Siegwart bestellte für seinen Freund einen Mietkutscher, und für sich ein Pferd, um ihn einige Stunden weit zu begleiten. Er verbarg seine Traurigkeit sorgfältig, um ihm nicht den Abschied schwerer zu machen, oder seine traurige Vorstellungen und Ahndungen zu vergrössern. Kronhelm packte indessen seine nötigsten Sachen zusammen, und nahm dann beim Hofrat Fischer, und einigen wenigen Freunden Abschied. Seine ökonomischen Umstände waren bald in Richtigkeit gebracht, da er jedermann sogleich bezahlte. Gegen Abend war er fertig, ohne dass er selber wuste, wie er dazu gekommen war. Nun konnte er sich erst besinnen, und an sich selber denken. Nun fiel ihm erst die nahe Trennung von seinem Siegwart schwer aufs Herz. Nun sollte er zum zweitenmal, und, Gott weis wie lange? sich von seinem Herzensfreund, von dem Bruder seiner Terese, der ihm, nach ihr, alles auf der Welt war, trennen. Nun sollt' er einem Vater entgegen gehen, der wenig oder gar kein menschliches Gefühl hatte, der ihm das Kleinod seines Herzens rauben wollte. Er sass in der Dämmerung, sah seinen Siegwart an, und versank in die tiefste Nacht des Kummers. In seiner Seele wälzten sich tausend Zweifel hin und her. Seine Phantasie türmte Gefahren auf Gefahren vor ihm auf. Siegwarts Gesicht kam ihm in der Dämmerung wie Teresens ihres vor. Die tiefe Traurigkeit, die drinn sass, schien ihm eine ewige Trennung anzukündigen. Er konnte sich nicht länger halten, sprang auf, drückte seinen Siegwart fest ans Herz, und rief: Bruder, Bruder, was wird aus uns werden! Unserm Siegwart stürzten die Tränen aus den Augen; er konnte nichts sprechen, und schloss seinen Freund noch fester ans Herz. – Wir werden gar zu traurig, sagte er endlich; lass uns etwas anders sprechen, oder uns ein wenig ausgehen.

Ich kann zu keinem Menschen gehen! sagte Kronhelm; ich weis nicht, wie mir ist? Ich bin für alle Gesellschaft unbrauchbar. Das ist ein erschrecklicher Zustand! Ich sehe nichts vor mir, als Trennung und Elend. Indem ward an die tür geklopft, und Dahlmund kam. Ich konnte heute nicht genug mit dir reden, Kronhelm! sagte er, weil jemand bei mir war. Dir und Siegwart hab ichs zu verdanken, dass ich von der Weissin los bin, und mit ihrem liederlichen Kerl mich nicht geschlagen habe. heute ist er durchgegangen, und hat ein paar hundert Gulden Schulden hinterlassen. Kürzlich hat er noch beim Kaufmann etliche Ellen Stoff zu einem Kleid ausgenommen, und ihr verehrt. Nun will der Kaufmann von ihr die Bezahlung, oder seinen Stoff wieder, und drüber wird sie das Gespräch der ganzen Stadt. O, ich bin so froh, dass sie mich nicht mehr in ihren Klauen hat. Ihr habt brav an mir