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von Allegri angestimmt. Das Gemurmel schwieg; alle Gesichter wendeten sich nach dem Chor hin, und glänzten im Schein der Wachslichter. Jede Brust war von Bangigkeit beklommen. Aus allen Mienen sprach allgemeine Wehmut. Die Instrumente klangen dumpf wie aus dem Grab. Die tiefe Demut und die Traurigkeit der Singstimmen ergoss sich in jedes Herz. Ein allgemeines Sehnen nach Erbarmung atmete aus jeder Brust. In Siegwarts Seele war es wie das Sehnen nach der Auferstehung. Er weinte, denn er dachte sich die Liebe Christi, die für uns gestorben ist, dachte alle die unabsehlichen Folgen dieses Todes die in alle Ewigkeit fortströmen; sah seinen Heiland am Kreuze hangen, und mit Heiterkeit hinab ins Grab blicken; sah die Augen aller auf ihn gerichtet, die im Elend schmachten; sah die Dunkelheit der Gräber, und das ängstliche Harren der Kreatur nach der Erlösung und der Auferstehung; sah auch seine Mariane mit schon halbgebrochnen Augen zu ihm aufblicken. Seine Seele bat zu ihm für sie, für sich, und alle Menschen. Lass sie Alle Eins werden! dachte' er, mach sie Alle selig! – Zum Schluss ward noch ein herrliches Oratorium aufgeführt, das aller Herzen hob, und mit Aussichten in die Ewigkeit erfüllte.

Marx ging mit Kronhelm und Siegwart heim. Er sprach lange nichts. Endlich sagte er: Er glaube, im Himmel werde einst lauter Musik gemacht werden, denn schöners könne man wohl nichts erdenken. Siegwart und Kronhelm legten sich noch in den Kleidern drei oder vier Stunden zu Bette, und mit Sonnenaufgang ritten sie aus der Stadt weg. Siegwart freute sich unaussprechlich, seine Mariane bald wieder zu sehen. Sein Pferd lief ihm viel zu langsam, und er konnte den Abend kaum erwarten. Auf dem ganzen Wege fiel nichts wichtiges vor. Die beiden Freunde unterhielten sich wechselsweis von ihrem Glück, und kamen, mit dem Bedienten, Abends ziemlich früh in Ingolstadt an, weil Siegwart so sehr getrieben hatte. Seine Mariane lag im Fenster, und winkte ihm mit den Augen, dass er sie besuchen möchte. Er hatte auch kaum seine Reisekleider ausgezogen, so ging er mit Kronhelm hinüber. Der Hofrat Fischer war allein bei seiner Tochter im Zimmer, weil die Mutter zu der Schwiegertochter gegangen war, die sich nicht recht wohl befand. Die Liebenden sahn einander mit einer sehnsucht an, als ob sie sich Jahre lang nicht gesehen hätten. Gern wären beide einander in die arme geflogen, und hätten sich ans Herz gedrückt, wenn nicht die Gegenwart des Vaters sie zurückgehalten hätte. Kronhelm und Siegwart mussten viel von München, von der Prozession, und der Trauermusik erzählen. Mariane hieng an den Augen ihres Jünglings, wie die Seele eines Inbrünstigbetenden am Krucifix. Sie schenkte ihm Kaffee ein. Er bemerkte die Stelle, wo sie die Schaale gehalten hatte, und drückte sie, mit einem blick auf seinen Engel, an den Mund. Nach einer halben Stunde ging der Hofrat auch zu seiner Schwiegertochter, und entschuldigte sich bei Kronhelm und Siegwart, dass er sie allein lassen müsse. Mariane leuchtete ihrem Vater die Treppe hinunter. Als sie wieder zurück kam, sah sie ihren Siegwart zärtlich an gab ihm die Hand, und sank in seinen Arm. Er konnte vor Entzücken so wenig sprechen, als sie. Nur Küsse und seelenvolle Blicke drückten die Empfindüngen ihrer Herzen aus. – Haben Sie zuweilen auch an mich gedacht? fragte Siegwart endlich. Immer, immer! gab sie zur Antwort. Ich sah hundertmal des tages nach Ihrem Fenster, ob ich Sie nicht sehe? Und dann fiel mir erst ein, dass Sie weit von hier wären, und da ward ich traurig und weinte. Vorgestern und gestern Abend sah ich unaufhörlich aus dem Fenster, ob Sie noch nicht kommen? und als ich mich in meiner Erwartung betrogen fand, hatte ich tausenderlei traurige Vorstellungen, dass Ihnen ein Unglück begegnet sein möchte. So oft ich in der Ferne ein Pferd kommen hörte, fing mein Herz laut zu schlagen an, weil ich dachte, nun kommt er. heute, als ich Sie kommen sah, war ich so ausser aller Fassung, dass ich fürchte, meine Mutter habe es gemerkt. Das Beste ist, dass sie auch aus dem Fenster sah, und also meine Bewegung nicht wahrnehmen konnte. – Er schloss sie fester an sein Herz, und belohnte mit dem heissen Kuss der Liebe ihre Zärtlichkeit. Dann fragte sie, was Kronhelm ausgerichtet habe? und freute sich über die frohen Aussichten, die er hatte. – Alles Glück der Zärtlichkeit ergoss sich diesen Abend über unsre beide Liebende. Sie empfanden die Seligkeit, einander zu besitzen, nun noch mehr, weil die kurze Trennung sie gelehrt hatte, wie unentbehrlich eins dem andern sei. Marianens Bruder kam ihnen nur allzufrüh, nach Haus, und das Gespräch ward gleichgültiger, ausser dass die Liebenden sich zuweilen mit dem beredten blick der Liebe seitwärts ansahn. Die Hofrätin kam bald darauf auch nach Haus, und hatte eine herzliche Freude über die glückliche Zurückkunft unsrer Jünglinge. Beim Weggehn leuchtete Mariane ihrem Siegwart und seinem Freund die Treppe hinunter, und erzählte ihm, wie gut ihm ihre Mutter sei, und wie vorteilhaft sie sehr oft von ihm spreche. Eine Nachricht, die unserm Siegwart ausserordentlich angenehm war. Nach etlichen Küssen und Umarmungen trennten sich die Liebenden, weil sie fürchteten, der Hofrat möchte bald zurückkommen, und sie in der Haustüre überraschen.

Den andern Morgen, welches der Ostertag war, sah Siegwart seine Mariane