1776_Miller_071_166.txt

besehen wollten? und gab ihnen seinen Kammerdiener mit. Sie besahen die Residenz und besonders den Prinzenhof, wo sie die vielen metallenen Bildsäulen, die zum teil sehr gut gearbeitet sind, bewunderten; das Antiquarium, mit den vielen marmornen Bildsäulen der ältern römischen Kaiser, und die Kunstkammer. Sie bedaurten nur, dass man alles nur so flüchtig besehen kann, und von der Menge der Merkwürdigkeiten mehr betäubt wird, als dass man das, sich besonders auszeichnende, studiren, und seinem Gedächtniss' einprägen kann. Auch gingen sie in einige Kirchen, wo die Menge von Gemälden, Kostbarkeiten und Schätzen sie blendete, und kamen um Ein Uhr zum Essen zurück. Herr von Eller fragte sie nach verschiedenem, was sie gesehen hatten, und freute sich, dass sie auf die Altertümer und die römischen Bildsäulen am aufmerksamsten gewesen waren, denn er selbst war ein guter Altertumskenner, und ein Freund der alten Litteratur. Bei Tisch sprach er viel von römischen und griechischen Schriftstellern, und war über die Einsichten, die Siegwart und sein Schwager hatte, nicht wenig entzückt. Er riet ihnen, sich in Ingolstadt, wegen des Griechischen, an den alten Ickstadt zu wenden, der es in diesem Fach ausnehmend weit gebracht habe, und zuweilen privatissima über den Homer, oder andre Griechen lese. Auch rühmte er ihnen den Prof. Lory (der jetzt geadelt und geheimer Rat zu München, auch Präsident über die Universität Ingolstadt ist), als einen Mann, dessen Herz und Verstand, und Gelehrsamkeit gleich gross sei. Ich kenn ihn sehr genau, sagte er, und hab in der Jugend mit ihm studirt. Er war im Studiren unermüdet, forschte selbst, und prüfte alles, was er hörte. Im Griechischen, Lateinischen, Italiänischen und Französischen war er schon dazumal zu haus, und setzte sich noch immer mehr drinn fest. Alles Wissenswürdige machte er sich zu eigen, und erweiterte nachher seine Kenntnisse in den Wissenschaften noch mehr zu Gottingen, wo er, ausser den andern berühmten Lehrern, sich besonders an den, in seinem Fache grossen Pütter hielt, und sich seine ganze Freundschaft,die er jetzt noch durch Briefe unterhält, erwarb. Er ist ein treflicher Mann, der alle Weisheit der Alten und der Neuen aus ihren Schriften sammelt, und auf sich und den Zustand seiner Mitbürger anwendet, denn er ist ein ächter deutscher Patriot, der auf seinen Reisen nach Frankreich und Italien nicht, wie gewöhnlich, Torheiten oder Laster, sondern Wissenschaften, Menschenkenntniss und Weltklugheit eingeerndtet hat, und sie nun unter seine Mitbürger und in seine Schriften ausstreut. Er hat bei seinem standhaften, deutschen, männlichen charakter, die uneingeschränkteste Menschenliebe und Rechtschaffenheit. Kurz er ist ein Mann, wie es heute zu Tage wenig mehr gibt. Machen Sie ihm nur eine Empfehlung von mir! Er wird Ihnen auch um meinet willen viele Freundschaft erweisen. – Nach Tische zeigte Herr von Eller unsern Jünglingen seine ansehnliche Kupfersammlung, und verwunderte sich über den natürlich guten Geschmack, den sie zeigten. Er war aufmerksam, als er sie mit so vieler Wärme von neuern deutschen Schriftstellern reden hörte, und liess sich sogleich einige Trattnersche Nachdrücke von deutschen Dichtern aus dem Buchladen holen.

Kronhelm und Siegwart blieben diesen Abend bis zehn Uhr da, und gingen sehr vergnügt nach ihrem Gastof zurück. Den andern Morgen, am Karfreitag, gingen sie in die Jesuiterkirche, wo sie mit der grössten Andacht eine sehr schöne und rührende Trauermusik anhörten, und einen grossen teil des vornehmen Münchner Adels sahen. Siegwart wünschte nichts, als dass seine Mariane auch da sein möchte, denn unter der Menge von Frauenzimmern, die er sah, konnte keine sein Auge lange auf sich ziehen. Er dachte nur, wie seine Mariane in ihrem schwarzen Kleid, und das himmlische Gesicht mit Flor bedeckt, jetzt auch im Chor knien, und über die Leiden ihres Heilandes heilige und unschuldsvolle Tränen vergiessen werde.

Nach dem Essen sahen sie die grosse Prozession, und die Kreuzigung, die das Jahr darauf auf kurfürstlichen Befehl, zum Triumph der gesunden Vernunft, abgeschafft worden ist. Der Geissler und Büssenden war eine fast unzählige Menge. Ganz München, auch der Hof, war an Einem Ort versammelt, und die Büssenden waren mehr zum Gepränge, als aus Andacht da. Marx sagte nachher: das Geisseln hab ihm so wohl gefallen, dass er beinahe Lust bekommen habe, auch mitzumachen, wenn er nur gleich ein leinenes Kleid und eine Geissel gehabt hätte.

Den Abend assen Siegwart und Kronhelm noch einmal beim Herrn von Eller. Kronhelm sprach mit seiner Schwester nochmals allein wegen Teresen, und erhielt die wiederholte ernstliche Versicherung von ihr, sie wolle sich seiner aufs möglichste annehmen, und gewiss ein kräftiges Vorwort bei ihrem Onkel einlegen. Um zehn Uhr nahmen die beiden Jünglinge Abschied, denn sie wollten den andern Morgen, mit dem Tag, wegreiten. Um 11 Uhr gingen sie in die Frauenkirche, um die grosse Trauermusik, die zum Andenken der Kreuzigung des Erlösers aufgeführt wird, mit anzuhören. Die ganze kurfürstliche Kapelle war zugegen. Der Anblick der Kirche war der feierlichste. Eine grosse Menge von Wachslichtern erleuchtete die Dunkelheit der Kirche. Oben im Gewölbe schwebte der Weihrauchsdampf wie eine Wolke. An den Wänden glänzten die vergoldeten Altäre, Gemälde und der Marmor. Die Volksmenge drängte sich, und ihre Stimmen, und der Schall der Gehenden machten ein dumpfes, fürchterliches Gemurmel. Die schwarze Kleidung der meisten Frauenzimmer machte die Scene noch feierlicher. Auf Einmal wurde das wehmütige Miserere