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habe? Sie sagte aber, Nein: sie hab alles angerechnet; Sie tu sich nicht Unrecht, aber andern Leuten tu sies auch nichs. Wie gewonnen, setzte sie hinzu, so zerronnen. Sie dankte auch Siegwart noch einmal für die 2 Kreuzer.

Auf dem Wege erzählte der neue Bediente, Marx, fast seine ganze Lebensgeschichte mit vielen Umschweifen, und der, dem Schwaben so gewöhnlichen gewissenhaften Aufrichtigkeit. Man sah ihms an, wie viel er auf seinen neuen Herrn halte; er war besorgt, sobald das Pferd stolperte, und stieg ab, sobald es scheute. Neugierig war er auch, wie die meisten Schwaben sind, und fragte Kronhelm und Siegwart mit der treuherzigsten Einfalt, die ein Sachse für Beleidigung halten würde, um alles, was sie anging.

Ziemlich spät am Abend kamen sie in München an, und stiegen, weil Kronhelm seinen Onkel und seine Schwester nicht mehr überraschen wollte, in einem Gastof ab. Marx war ausserordentlich besorgt, seine neue herrschaft und unsern Siegwart zu bedienen, und lauerte auf alle ihre Winke. Wenn einer nur eine Bewegung machte, so fragte er sogleich, ob man etwas zu befehlen habe? und verrichtete jeden Auftrag mit der geschwindesten Genauigkeit. Den folgenden Morgen schickte ihn Kronhelm sogleich aus, ihn bei seinem Onkel zu melden. Marx kam bald wieder mit der Nachricht zurück, der geheime Rat sei gegenwärtig nicht in München. Kronhelm, der darüber sehr betroffen war, ging selbst nach seinem haus, und erfuhr: sein Onkel reise schon seit acht Tagen in Churfürstlichen Geschäften im Land herum, und werde vor 14 Tagen nicht zurückkommen. Kronhelm kam voll Unmuts wieder in den Gastof, erzählte Siegwart den verdriesslichen Umstand, und liess sich nun bei seinem Schwager und seiner Schwester melden. Als er angenommen wurde, ging Siegwart indessen aus, um die Stadt zu besehen. Er erstaunte über die vielen schönen Häuser und Palläste, und noch mehr über die Volksmenge, die ihm auf allen Strassen entgegen wimmelte. Alles, was er sah, war ihm neu. Anfänglich gefiels ihm, bald aber ärgerte er sich, zu sehen, wie hier immer ein Mensch dem andern im Wege steht; wie sich so viele tausende zusammentun, ein jeder in der Absicht, von dem andern zu zehren. Eins Baurenhütte, dachte er, ist mir lieber, wo sein Besitzer ruhig drinn sitzt, sich nur um sich selbst bekümmert, von keines andern Hülf' oder Gnade abhängt, und im Frieden für sich und seine Kinder sein Feld baut. Am meisten ärgerte er sich über die vielen Müssiggänger, die, wie Puppen, die Strassen auf und ab tanzten, denen man den Müssiggang ansah, und die, um den Müssiggang noch zu vermehren, eben so grosse Müssiggänger, als Bediente, hinter sich drein gehen haben. Es schmerzte ihn, so viel Leute in zerlumpten Kleidern, mit ausgehungerten Gesichtern, und mutlosen, niedergeschlagnen Mienen zu sehen, die, von den goldbedeckten Herren umbemerkt, wie Gewürm unter den Füssen des Wanderers herum kriechen. Gott, dachte er, das sind doch auch Menschen, die auch Seelen haben, wie die Herren, und sie werden nicht geachtet! Gibts denn keine Grösse, und kein Glück, wenn ihm nicht Niedrigkeit und Elend zur Seite steht? Hier vergisst man ja sich selber vor dem ewigen Gelärm der Kutschen, und den stillen rechtschaffenen Bürger muss man auch vergessen. Leute mit den frechsten Gesichtern und dem aufgeblasensten Wesen sah er zwischen andern, und besonders alten Mütterchen sich brüsten, die mit der andächtigsten, oft bigottesten Miene, und dem Rosenkranz in der Hand, nach den Kirchen zuschlichen. Aberglauben und Unglauben schien sich hier ewig zu durchkreuzen. Als er eine Kirche vorbeikam, ging er hinein. Auf einmal dachte er an Marianen, ging in einen Stuhl, warf sich auf die Knie, und betete mit heisser Innbrunst, und mit Tränen in den Augen. Nun fühlte er erst ganz das Glück der Ruhe und der Liebe, das er in ihrem Arm genossen hatte, und jetzt entbehren muste. Mit ungewöhnlich starker sehnsucht sehnte er sich nach ihr zurück. In der Kirche sah er noch mehr die grosse Kluft zwischen Andacht und Frechheit. Das gemeine Volk lag in tiefster Demut vor Gott, und die vornehmen jungen Herren und Frauenzimmer stunden frech in ihren goldnen oder seidnen Kleidern da, begafften sich mit stolzer Selbstzufriedenheit; warfen sich, anstatt zum Himmel zu blicken, und in Demut vor Gott zu erscheinen, buhlerische Blicke zu, und vergassen alle Ehrerbietung, die man in einem Gotteshause zeigen sollte. Siegwart ging, mit einem schweren Seufzer aus der Kirche, und nach seinem Gastof zurück.

Kronhelm schickte seinen Bedienten dahin, und liess ihn zu seiner Schwester zum Mittagsessen bitten. Er ward von ihr gütig aufgenommen. Ste war ein Frauenzimmer von 25 oder 26 Jahren, das in den Gesichtszügen, das feine weibliche abgerechnet, ihrem Bruder ganz ähnlich sah. Sie hatte viel Anmut in der Miene, etwas schwärmerisches im Auge, und viele Lebhaftigkeit und Munterkeit in ihrem Wesen. Ihr Mann war auch da; er war schon in den dreissigen, hatte eine ziemlich angenehme Bildung, die er aber durch ein angenommnes, kaltes, steifes Wesen sehr verstellte. Sein Betragen gegen Siegwart war höflich, aber doch von einer Feierlichkeit und Entfernung begleitet, die alles Zutrauen verbannte. Vor Tisch wurden die Kinder ins Zimmer gebracht, zwei Mädchen von 6 und 7 Jahren, und ein Knabe von 9 Jahren,