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gab ihm völlig Recht. Kronhelm spielte indessen mit einem von den Hunden. Das ist ein treues Tier, Herr! sagte der Fleischer. Der liesse sich eher tot schiessen, als mir was tun. Nun erzählte er mit treuherziger Geschwätzigkeit die geschichte und die Tugenden seiner beiden Hunde. Sehen Sie, sagte er, die Tiere horchen auf, als ob sies verstünden. Ja, es ist ein gescheides Tier um einen Hund. – Siegwart liebkoste ein paar Kinder mit einem offenen Gesicht, und grossen blauen Augen. Er fragte sie nach ihrem Alter, und nach ihrem Namen, und gab jedem einen Kreuzer. Die Kinder sprangen mit dem Geld zu ihrer Mutter, wiesen es ihr, und dann wieder auf Siegwart, dass er es ihnen gegeben habe. Die Mutter kam zu ihm her, gab ihm die Hand, und sagte: O Herr, warum machen Sie sich Unkosten? Das ist gar zu viel. Drauf mussten ihm beide Kinder die Hand küssen.

Indem kam ein Bedienter in abgeschabter Livree mit verweinten Augen ins Zimmer, und setzte sich an den Ofen. Er machte einige Bewegungen mit der Hand, als ob er mit sich selber spräche, und dann zählte er etwas an den Fingern ab. Was fehlt denn ihm, Marx? sagte die Wirtin. Ei, was wird mir fehlen! antwortete er; sie haben mich im Schloss fortgeschickt, und nun kann ich betteln. Das ist mir eine Haushaltung! Da ist ein welscher Hahn aus dem schloss weggekommen, und weil ich nichts davon wissen wollte, und auch meiner Treu nichts wuste; da geben sie mir meinen Abschied. Ist das auch erlaubt? Aber ich weis schon wo das her kommt. Die gnädige Frau kann mich eben nicht leiden, und das hat auch seine Ursachen. möchte ich nur Händel anrichten, und dem gnädigen Herrn ein paar Stückchen vom Jäger und von ihr erzählen! Aber das mag ich ihm nicht zu leid tun. Er ist ein kreuzbraver Herr, der so schon seine liebe Not hat. Nur das ist unverantwortlich und himmelschreiend, dass man einem armen Dienstboten seinen Lohn nicht gibt. Ich hatte zwanzig Tälerchen zu fodern; da kam die gnädige Frau mit ihrer grossen Schreibtafel, und hatte, der Henker weiss, was all? drauf geschrieben. Da war Porcellain zerbrochen, das ich nie gesehen hatte, da war diess und jenes am Sattelzeug zerrissen; ein Füllen war gestorben, und da sollt alle ich Schuld dran sein, und das Ding bezahlen. Ich mochte sagen, was ich wollt; es half alles nicht, sie summirte, und siehe da: Summa summarum war 19 Taler 46 Kreuzer, dass mir also gerad noch 44 Kreuzer heraustrafen. Ich dachte, ich hätte Blut weinen müssen, wie ichs hörte. Ich wollt ihr zu Füssen fallen, und ihr meine Unschuld dartun; aber sie gab mir noch harte Reden, warf mir das Geld in lauter Zweiern hin, und schlug die Tür zu. Ich wollt vor den gnädgen Herrn, und ihm meine Not klagen, aber sie stand bei ihm im Hof, und da durft ich nichts sagen. Die Livree gehört auch noch uns, sagte sie. Ach, mein Schatz, lass ihm das, sagte er; es ist doch nicht viel mehr dran! Nun, so kann er sich aus dem Schlosshof packen, rief sie, und sich nie mehr drinn erblicken lassen! – So hat man mir es gemacht, und Gott weiss, ich hab meinem Herrn treu gedient, das wisst ihr, Wirtin, und alle leute im Dorf wissens. Nun weiss ich nicht wo naus. Auf dem Leib hab ich nichts als diesen Kittel, an dem man alle Fäden zählen kann. Kein Attestat hab ich auch nicht, darf mich nicht drum melden. Und ohne Attestat nimmt mich keine herrschaft an. Und, Gott weiss, meints einer mit seiner herrschaft ehrlich, so tus ich. Ich wollte gleich mein Leben lassen, wenn mein Herr in Gefahr kommt; Ich wollt ihm dienen, dass er mir wie seinem Kind trauen könnte. Ehrlich währt am längsten. Das hab ich noch von meinem Vater gelernt, der war auch Bedienter, bis er 70 Jahr alt war, und nicht mehr dienen konnte. Drauf zog er seine 44 Kreuzer heraus, und zählte 32 davon ab, die er, wie er sagte, noch dem Jäger schuldig war für ein Gebetbuch.

Kronhelm, der, wie Siegwart, von dem Schicksal des Bedienten sehr gerührt war, zog die Wirtin auf die Seite, und erkundigte sich bei ihr nach ihm. Sie gab ihm mit der guterzigsten Miene, und mit vieler Wärme das zeugnis eines frommen und rechtschaffenen Menschen. Drauf ging Kronhelm zu dem Bedienten, der ihm, seiner guten, ehrlichen Bildung wegen, gleich gefallen hatte, fragte ihn, was er monatlich fodre? und nahm ihn zu seinem Bedienten an. Der Kerl war vor Freuden ganz ausser sich, und konnte kaum Worte finden, seine Dankbarkeit auszudrücken. Kronhelm sagte ihm, er soll sehen, dass er ein Pferd geliehen kriege, um nach München mitzureiten; in einer Viertelstunde kam er mit einem Pferd wieder. Der Wirtin gab er das Geld für den Jäger, und bat sie, alle gute Freund' im Dorf noch einmal zu grüssen. Als sich Kronhelm die Zeche machen liess, foderte die Wirtin so wenig, dass er sie ausdrücklich fragte, ob sie nichts vergessen, oder zu niedrig angerechnet