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. Er küsste sie auf ihre schönen Augen. Sie sah auf, erhub sich etwas und küsste seine offne, hochgewölbte Stirne. Wenn ihre Blicke sich begegneten, wenn ihr Auge scharf in seines sah, dann schoss ihm eine Träne drein, und er und sie lächelten, und ihr Gesicht sank wieder an sein Herz, das so laut schlug, dass sies hörte. – Morgen, morgen! sagte Siegwart traurig. Sis hub ihr Gesicht langsam auf, sah ihn schweigend, lang, und wehmütig an! Ein Seufzer bebte ihre Brust herauf, und sie verbarg sich wieder an der seinigen. – Traurig! traurig! rief sie Kronhelm zu, der eben ein Allegro spielte. Auf Einmal sank er ins Moll herab, in eine Düsternheit, dass den Liebenden schauerte. – Gedenke meiner, sagte Siegwart, wenn ich fern bin! Sie drückte ihren Mund fest auf den seinigen; wendete sich eilig weg, nahm ihr Schnupftuch, und wischte sich das Auge. – Nur etliche Tage! sagte Siegwart. – Kann ich Ihnen schreiben? Sie schüttelte stillschweigend mit dem Kopf. Ich habe niemand, sagte sie nach einer Pause. Dann drückten sie einander fest ans Herz, und küssten sich, als ob sie den Atem und die Seelen austauschen wollten. – Man läutete an der Glocke. – Schon vorbei? sagte Siegwart seufzend, und stand auf. Joseph kam, und sagte, dass das Wetter sehr schlecht und ungestüm sei. Man hörte auch stark stürmen, und der Regen wurde heftiger. Wenn es so fort macht, sagte Mariane, und sah unsern Siegwart bittend an, so reisen Sie Morgen doch nicht! Ich bitte Sie. Kronhelm versprach, noch einen Tag zu warten, wenn das Wetter sich verschlimmre. – Um acht Uhr nahmen er und Siegwart Abschied. Sie leuchtete ihnen hinunter. Der Wind löschte das Licht aus. Sie stand noch einige Augenblicke bei ihnen. Siegwart küsste seinen Engel noch aufs zärtlichste, nahm mit vielen Tränen Abschied, und versprach, bald wieder zu kommen. Den andern Morgen stürmte und regnete es noch so stark, und das Gewässer vom zerflossnen Schnee war so häufig, dass sie unmöglich wegreiten konnten. Auch am folgenden Tage war es noch so, und sie konnten erst am Anfange der Charwoche abreisen.

Mariane sah mit ihrer Mutter aus dem Fenster, als sie zu Pferd stiegen. Sie sah traurig aus, und schmachtend. Siegwart blickte noch einmal zärtlich hinauf, nahm den Hut ab, und ritt mit seinem Freund um die Ecke hinum. Mit schwerem Herzen kam er auf das Feld hinaus, und sah sich noch einigemal mit Tränen nach der Stadt um, die seine Mariane einschloss. Der Morgen war sehr heiter, und die Sonne ging golden auf. Der Schnee war gröstenteils zerschmolzen, nur noch an den Rainen, und Hecken, und in den Gräben lag ein wenig, wo die Sonne nicht so frei hin scheinen konnte. Die Wiesen waren schon grün, besonders an den Quellen; das junge Gras, und die Gänseblümchen keimten schon hervor. Die Lerchen schwangen sich das erstemal in diesem Frühjahr in die Luft, und sangen. Es war, als ob ein himmlisches, überirdisches Konzert über unsern beiden Jünglingen schwebte. Ihre Seelen erweiterten sich, und lebten in der frischen Frühlingsluft, die um sie her spielte, wie neu auf. All ihr Gefühl wurde geschärft; jeder dachte an sein Mädchen und schwieg. Um Mittag kamen sie in ein Dorf, wo sie ihre Pferde fütterten, und assen. Ein Fleischer sass in der stube mit zwei grossen Hunden. Er erzählte von einer Frau im nächsten Dorf, die närrisch geworden sei, und nun gebe man ihr Schuld, sie habe ihren Mann umgebracht. Dann erzählte er von einem alten Mann von 73 Jahren, den man draussen im Bach tot gefunden habe. Vermutlich sei er selbst hineingesprungen, denn sein Sohn, der nun auf seinem Handwerk sei, und bei dem der Vater aus Gnad und Barmherzigkeit gewohnt habe, sei ihm hart und grausam begegnet, hab ihm täglich vorgeworfen: Er esse Gnadenbrod, sei der Welt nichts mehr nütz, und dürfe wohl machen, dass er bald draus fort komme. Diesen Morgen noch hab er ihn einen alten Narren gescholten, ihm gedroht, er woll ihn noch aus dem haus stossen, und drauf habe der alte Mann geweint, und gesagt: Gott soll unter uns richten! Hab sein altes zerrissenes Wamms angezogen, sei an seinem Stab aus dem Dorf gegangen, und habe sich am Bach niedergesetzt. Ich hab ihn selber angetroffen, sagte der Metzger; er gab mir noch einen guten Morgen, und nahm die Mütze ab, dass ich seine Handvoll weisser Haare und seine Glatze sah, und bei mir selber dachte: Lieber Gott, was es doch um einen Alten für ein Elend ist, wenn sich niemand seiner annimmt, selbst die Kinder nicht, die er gross gezogen hat! – Da hat sich eben der arme Mann hingesetzt, halb kindisch war er, wuste sich selbst nicht mehr zu helfen, und sprang in das wasser. Gott verzeih es ihm, er war sonst ein guter Christ, der niemand nichts zu leid tat. Aber so Kerls, wie sein Sohn ist, liess' ich spiessen, die verdienen nicht zu leben, wenn sie Leuten nicht das Leben gönnen, denen sie doch alles zu verdanken haben. Das ist so meine einfältige Meinung. Hab ich Unrecht, Herr? Siegwart