hatte Siegwart nie noch genossen. Er schlang seinen Arm um sie, und sah sie seitwärts an. Ihr Gesicht hatte eine Wehmut, die über Tränen erhaben war. Zuweilen blickte sie zu ihm herum, und schlug schnell das Auge nieder. Seine Brust war gespannt, er atmete schwer, und konnte kaum den Seufzer zurückhalten. Es war ihm nicht möglich, ein Wort hervorzubringen. Er sah nichts mehr um sich her. Ihr Gesicht zerfloss vor ihm, als ob nur ein leichter Rosenduft vor ihm schwebte. Sie drückte ihm mit unaussprechlicher Zärtlichkeit die Hand. Er konnte die Empfindung nicht mehr zurückhalten, und küsste sie, mit einem heissen Seufzer, auf die Wange. Indem kam ein Student, und foderte sie zum Tanz auf. Sie entzog ihm, nach einem sanften Druck, die Hand, legte ihre Handschuh an, sah ihn an, und ging, halb unwillig, mit dem Studenten weg. Er blieb unbeweglich, rückwärts an den Stuhl gelehnt, sitzen. Endlich sah er sich nach ihr um; sie tanzte, und hatte ihr schönes Auge immer auf ihn geheftet. Er konnts nicht aushalten; Tränen schossen ihm in das seinige; er eilte in die Vertiefung des Saals ans Fenster, sah durch die Scheiben nach dem hellen Mond, und weinte. Nach etlichen Minuten kam sie, ohne dass er es merkte, zu ihm, legte ihre Hand auf die seinige, sah ihn an, und sagte: Sie sind traurig? – Ja, vor Freuden, antwortete er. Lieber, lieber Engel, sind Sie mein? – Auf ewig! sagte sie, und sank ihm mit dem Gesicht an die Brust. Er küsste sie feurig, und empfieng von ihr den ersten heiligen Kuss der Liebe. – Drauf folgte eine sprachlose Scene, die sich nicht beschreiben läst. Erst nach einiger Zeit gingen sie, mit nassen Augen, um eine Menuet zu tanzen. Dann gingen sie wieder ans Fenster, sahn den Mond an, sahn, wie er sich spiegelte in ihren Tränen, küssten sie sich von den Wangen, und waren überschwenglich glücklich. Siegwart tanzte fast mit keinem Mädchen, als mit ihr. Wenn sie mit einem andern tanzte, so stellte er sich in eine Ecke, und hatte fast immer Tränen in den Augen, denn das Maass der Freuden war für ihn zu gross. Sie kam immer, wenn sie ausgetanzt hatte, wieder zu ihm hin, nahm ihn bei der Hand, und sah ihn unaussprechlich zärtlich an. – Nun müssen Sie mich oft besuchen, sagte sie. Meine Mutter liebt Sie, mein Vater ist Ihnen gut, und mein Bruder denkt auch wieder besser von Ihnen, seit Sie auf sein Spiel zu achten scheinen. Etwas behutsam müssen Sie nur sein, doch das sind Sie selbst. O, der heutige Tag ist doch gar zu herrlich! Nicht wahr, Sie sind auch vergnügt, mein lieber Siegwart? Ein feuriger Kuss auf ihre Lippen gab ihr die Antwort. – Wenn wir doch immer beisammen sein könnten! fuhr sie fort; das Tanzen ist mir heute ganz verdrüsslich. Kaum hatte sie ausgesprochen, so ward sie wieder aufgezogen. Siegwart ging zu seinem Kronhelm, der in einer Ecke des Saals wehmütig und nachdenklich da sass. – Wenn nur du auch glücklich wärest! sagte Siegwart; ich wollt' Alles geben! – Lieber Schwager! – sagte Kronhelm, und küsste ihn. Da hab ich einen Gedanken, den ich, glaube ich, Morgen oder Uebermorgen ausführe. Ich will nach München zu meinem Onkel; du must auch mit! – Und was da machen? – Um Teresen anhalten. Er kann und wird sich meiner annehmen! Von ihm kann ichs ganz allein erwarten. So halt ichs nicht länger aus. Dein Glück hat alle meine Empfindungen wieder aufgeweckt; ich fühle meinen Verlust wieder stärker, und mein Zustand wird mir unerträglich. Nicht wahr, Bruder, du gehst mit mir? Du must bitten helfen. Er wird deine Schwester auch um deinetwillen schätzen, wenn ich sage: dass du ihr Ebenbild bist. – Wenn ich etwas dazu beitragen kann, sagte Siegwart, so weist du schon, dass ich für dich ins Feuer ginge.
Sie erlaubens doch auch? sagte Kronhelm zu Marianen, die eben zu ihnen kam, dass ich Herr Siegwart mitnehme? – Wohin? fragte sie rasch und ängstlich, und sah ihren Siegwart an. Nach München, antwortete Kronhelm; nur auf etliche Tage. Er kann mir einen grossen Dienst tun. Es betrifft mein und Teresens Schicksal. – Ja, wenn das ist ... sagte sie, sonst ... Ich will bei meinem Onkel, dem geheimen Rat, anhalten, sagte Kronhelm, ob ich Teresen heiraten darf? und Siegwart soll meine Bitte unterstützen. Er kann viel ausrichten, das weis ich. – Nur auf vier, oder fünf Tage. – Tausend, tausend Glück! sagte Mariane, aber kommen Sie bald wieder! Und Sie, Herr Siegwart, Sie vergessen mich doch nicht? – Gott im Himmel! könnten Sie das glauben? rief Siegwart aus. O Sie kennen mich noch nicht! Ich werde an keine Seele denken, als an Sie. – Ein Kuss versiegelte das Versprechen.
Sie war nun auch traurig, dass sie ihren Siegwart so bald – wärs auch nur auf einige Tage – verlieren sollte. Sie sass traurig neben ihm, als sie Kaffee tranken, und konnte die Tränen nicht zurückhalten