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still. Es ist sehr schön, sagte sie, dass sie nun auf Gutfrieds Zimmer wohnen, so kann ich sie doch oft Violine oder Flöte spielen hören. – Und ich Sie oft sehen und oft hören, fiel ihr Siegwart ein. Diese wohnung ist mir mehr wert, als wenn man mir das ganze Schloss schenkte. – Sie sind gar zu gütig! sagte sie. – Gar zu eigennützig, sollten Sie sagen, versetzte Siegwart. – Sie sprachen auf dem ganzen Weg hin nach dem dorf, und zwar so, als ob sie miteinander völlig ausgemacht hätten, dass sie sich liebten; sie nahmen es stillschweigend für bekannt an, und sprachen vertrauter, als sie selbst zu wissen schienen. Aus dem dorf liess er ihre Hand fast niemals los, schenkte ihr Chokolade ein, und trank weil Mangel dran war, mit ihr aus einer Schaale. Kronhelm selbst muste sich über die Herzhaftigkeit seines Fueundes, und über ihre Offenherzigkeit wundern, da sie sonst etwas zurückhaltend, und dem Scheine nach stolz war. So eine mächtige Veränderung in ihrem beiderseitigen charakter hatte die Liebe, die stumme Augensprache, und der Zwang, sich einander nicht entdecken zu dürfen, hervorgebracht. Auf dem Rückwege sagte Siegwart: dieser Abend ist noch schöner, als der letztere; Sie sind noch gütiger und freundlicher. – Sie sind auch noch ungezwungener und munterer, sagte sie, und das lieb ich. Solche Tage muss man ganz der Freude weihen, denn sie kommen selten. Siegwart liess sich nun von ihr feierlich versprechen, dass sie auf den Abend länger beim Ball bleiben wolle, und sie tat es gerne. So fuhren sie im roten Duft des Winterabends nach der Stadt. Vor ihnen stieg der Rauch von den Schornsteinen säulengerad in die Höhe, und ward von der, hinten untergehenden Sonne vergüldet und gerötet. Das Gesicht der Liebenden war heitrer als der Abend. Sie sahn zur Seite schon den Abendstern blinken, zeigten ihn einander, und sahn ihn mit heitern Blicken an: dann blickten sie einander wieder ins Gesicht, und lächelten mit namenlosem Ausdruck. Das ist der Stern der Liebe, sagte Siegwart. Ein herrliches Gestirn, sagte Mariane, sah ihren Jüngling schmachtend an, und er küsste sie. – Schade, dass nicht auch Terese bei uns ist! sagte sie. Ich lieb ihre Schwester sehr, und wünschte sie so gern glücklich! – Sie wirds werden, versetzte Siegwart. Kronhelm meint es ehrlich, und sie liebt ihn treu. Das gute Mädchen muss noch glücklich werden; sie hat gar zu viel gelitten. – Wird man immer glücklich, wenn man leidet? fragte Mariane, und ward wehmütig. Siegwart schwieg, und sah gegen Himmel.

Sie kamen nun in der Stadt an. Beim Umkleiden teilte Siegwart seine Freude mit Kronhelm auf die heftigste Art. – Ich bin alles, alles! Ewig! Unsterblich! Alles! sagte er. Freu dich doch, Kronhelm! Du bist ja so kalt. denke, sie ist mein, auf ewig mein! Kannst du nicht begreifen, was das ist? Mein, mein! – Wenn man doch sagt, man sei nicht glücklich, und hat nur so Einen Augenblick! – denke nur erst den Abend! Die ganze lange Nacht mit ihr tanzen, mit ihr sprechen! O ich möchte sterben, so wohl ist mir! – Nun sag mehr: Ich sei nicht kühn! Alles, alles soll sie heute erfahren! – denke, auch Teresen wünscht sie her, und wünscht sie glücklich! Siehst du, was der Engel für ein Herz hat? – Sei nur gutes Muts! Es muss euch auch noch glücklich gehen! Kein Mensch kann auf der Welt unglücklich sein! Gott hat uns all zur Freud erschaffen! – So sprach er in lauter Ausrufungen fort, bis es Zeit war, Marianen wieder abzuholen.

Er führte sie im Triumph auf den Tanzsaal, und fing gleich mit ihr zu tanzen an. Sie schwebte, wie eine Göttin zwischen Himmel und Erde. Ihre Blicke waren immer auf ihn gerichtet. Er glaubte, in dem Saal der Seligen zu sein. So oft er sie bei der Hand fasste, gab sie ihm einen Händedruck, der durch Mark und Knochen schauderte. Beim Essen sprach sie nur allein mit ihm, und zuweilen mit Kronhelm, der in tiefer Wehmut da sass, weil er an Teresen dachte, und doch zwang er sich, an dem Entzücken seines Freundes teil zu nehmen, und lächelte zuweilen wie die Frühlingssonn' im Regenschauer. Mariane trank ihm Teresens Gesundheit zu, und bat ihren Siegwart, es seiner Schwester zu schreiben, dass sie eine unbekannte Freundin habe, die ihr Schicksal oft beseufze, und für sie bete. – O dann muss sie glücklich werden, sagte Siegwart, wenn ein Engel für sie betet. – Und beten sie denn auch für mein Glück, lieber Engel? Würden Sie mich auch wohl glücklich machen? – Ob ichs würde? sagte sie, und sah ihn zärtlich an. Könnt ichs nur! – O sie könnens! Bei Gott! Sie könnens, wenn Sie mir nur gut sind! Sind Sies, lieber Engel? – Herzlich! Herzlich! sagte sie; mehr, als ichs sagen kann! – Er schwieg, und drückte ihr die Hand. – Sie hatte ein Stück Torte vor sich auf dem Teller liegen. Er schnitts entzwei. Sie gab ihm ein Stück davon, und ass das andere. Süssre Kost