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und sich täglich innerlich vollkommener zu machen sucht! – Statt Eroberungen zu machen, und von hunderten begafft, und angestaunt, und bewundert zu werden, statt ihre Eitelkeit zu nähren, sitzt das fromme Mädchen da, von ihrem Engel, und von dem nur gesehen, der sie so heiss und heilig liebt, und bildet sich zu einer treuen Gattin, zu einer weisen Hausfrau, und zu einer frommen Mutter. – Gott! wenn ich es wert bin, so erbarm dich mein, und schenk mir diesen Engel, dass ich in ihrer Gegenwart täglich besser, täglich heiliger, dir täglich angenehmer und meinem Nebenmenschen nützlicher werde! Gott, du kannst mich nicht verdammen, wenn ich in der Welt bleibe; diese Welt ist ja dein Tempel, und ich will dir dienen drinn mit diesem Engel. – So ward die Empfindung über ihr Anschauen oft bei ihm Gebet. Einmal sah er sie spinnen. Dieser Anblick rührte ihn ungemein. Er erinnerte sich aus seinem Homer, den er mit P. Philipp gelesen hatte, an die Töchter der Könige, wie sie spannen und Gewebe webten, und sich nicht der gemeinsten Weiberarbeit schämten; er erinnerte sich der Töchter der Patriarchen, die sich auch zur ländlichen Arbeit nicht zu vornehm däuchten. Ein andermal sah er sie im Kleist lesen, und gerührt zum Himmel blicken. Wie beneidenswürdig war ihm da das los des Dichters, der das fromme Herz eines Mädchens zur Bewunderung und zum Dank hinreist; ihre Seele zu zärtlichen Gesinnungen erweicht, Tränen in das schönste Auge lockt, und nach seinem tod noch für seine frommen Lieder gesegnet wird. – Des Abends hörte er sie oft noch am Klaviere singen, ward bald zu hoher Andacht mit ihr aufgehoben, und betete mit einer Innbrunst, die er sonst nie erreicht hatte; bald ward er zu Seufzern und zu Tränen herabgestimmt, und zerschmolz in süsser Wehmut. Kurz seine neue wohnung machte ihm jeden Tag zu einem Festtag; alles um ihn her war feierlich, denn alles erinnerte ihn an Marianen. Im Konzert spielte er oft; fand sie immer freundlich, und erhielt manchen liebenden und zärtlichen blick von ihr. Mit ihrem Bruder suchte er, so viel als möglich, Freundschaft zu erhalten, und bat ihn zuweilen zu sich. Der Mensch tat äusserlich freundschaftlich, aber die geheime Tücke, die er auf Siegwart hatte, liess sich doch nicht ganz verbergen. Endlich wagte er es auch einmal, Marianen und ihre Eltern mit seinem Kronhelm zu besuchen. Er ward aufs freundschaftlichste empfangen; man tat ihm viele Ehre an, und Mariane sah so heiter aus über seine Ankunft, wie der junge Tag, wenn die Sonne eben aufgeht. Siegwart und Kronhelm liessen ihre Violinen holen, und machten ein Konzert, bei welchem Mariane Klavier spielte, und himmlisch sang. Beim Weggehen bat sie unsern Siegwart, künftig nachbarlicher zu handeln, und sie öfter zu besuchen. Er küsste ihr die Hand, und sie drückte ihm die seinige.

So wahrscheinlich, und beinahe zuversichtlich Siegwart nun hoffen durfte, dass ihn seine Mariane liebe, so ward ihm doch die ewige Entfernung, und die, doch immer nur halbe Gewissheit, täglich unerträglicher. Er schmachtete darnach, sie einmal allein zu sprechen, ihr Herz noch genauer auszuforschen, und ihr das seinige mehr zu entdecken. Die grössere Freimütigkeit, die sie jetzt gegen ihn, und er zum teil auch gegen sie beobachtete, erregte diesen Wunsch in ihm noch mehr. Nun, dachte er, würde er ihr alles sagen, was ihm auf dem Herzen liege. Daher sann er Tag und Nacht auf gelegenheit, sie allein zu sprechen. Seine Einbildungskraft kam ihm zu hülfe. Er stellte sich schon in Gedanken den künftigen Frühling vor, wie er sie auf einem Spatzierwege allein antreffe, sich anbiete, sie zu begleiten, ihr die Hand reiche, und im Schatten eines Wäldchens ihr sein ganzes Herz aufschliesse. Er hielt in Gedanken lange zärtliche gespräche, führte sie und sich redend ein, sank ihr endlich in den Arm, und empfieng mit dem ersten heiligen Kuss die Versiegelung einer ewigen Liebe. Aber diess waren alles nur Träume, und wenn sie verflogen waren, sehnte sich sein Herz desto mehr nach der Wirklichkeit. Oft wollte er sie besuchen, wenn sie allein zu haus war, aber er fürchtete der Bruder möchte kommen, oder sie möchte es übel nehmen. Er sah vorher, dass er doch nicht würde reden können, wenn die Sache so vorbereitet wäre, und dann wollte er auch allen Schein einer heimlichen Zusammenkunft vermeiden, wogegen sein zartes Gefühl stritt. Oft dachte er, er woll' ihr schreiben, aber wie sollte er ihr den Brief beibringen?

Kurz, alle seine Entwürfe zerfielen wieder von selbst, bis ihm endlich ein Ungefährdas Beste in der Liebeseinen heissen Wunsch erfüllte. Wider alles Vermuten, selbst wider seine Hoffnungund ein Liebender hofft doch gewiss nicht wenigfiel, noch kurz vor Ostern, ein sehr tiefer Schnee, und zwei Tage drauf ward eine Schlittenfahrt angestellt, bei welcher Siegwart Marianen fuhr.

Nun sprach er schon mehr, und tat minder schüchtern. Er und Mariane teilten ihre Freude mit einander über die unvermutete gelegenheit, einen Abend mit einander zuzubringen. Sie gestand ihm frei, es hätt' ihr nichts angenehmers begegnen können, und sah ihm dabei mit einem unaussprechlichzärtlichen Lächeln ins Gesicht. Er beugte sich auf dem Schlitten vorwärts, um ihr einen Kuss zu geben, und sie hielt willig