sein; und wer sie schlechterdings verdammt, der begeht einen Hochverrat gegen die Menschheit, denn er will die Quelle der Empfindung und so vieler Tugenden ableiten, oder austrocknen, und dafür eine dürre Sandwüste anlegen! –
Um 11 Uhr kamen sie wieder zu Haus an, und spielten miteinander auf der Violine. Den Nachmittag ritten sie mit Dahlmund spatzieren, der auch sehr vergnügt war, weil er seine Brünette ziemlich kirr gemacht hatte. Er erzählte ihnen: Gutfrieds Vater sei gestorben. Als er nach Haus gekommen war, kündigte er seiner Beischläferin sogleich an, sie könne sich innerhalb zwei Tagen aus dem haus packen. Das Mensch gab ihm spitzige Reden, begegnete ihm grob, und machte grosse Forderungen an ihn. Er erzürnte sich darüber, und legte sich den Abend drauf krank zu Bette. Er bekam eine hitzige Krankheit, deren Samen er vermutlich von seinem Sohn eingesogen hatte, als er ihm den letzten Hauch von den Lippen küste. Vier Tage drauf starb er, nachdem ihm die Metze drei Tage vorher eine ansehnliche Summe Gelds, und seine besten Kostbarkeiten mitgenommen hatte. – So gehts mit den Huren, sagte Kronhelm.
Kronhelm und Siegwart legten sich Abends bald zu Bette, weil sie die vorige Nacht wenig, oder nichts geschlafen hatten. Den folgenden Abend sprach Mariane im Konzert viel mit Siegwart, und bestärkte ihn, durch ihr gefälliges Betragen, immer mehr in der hoffnung, dass sie ihn liebe. Er schwamm jetzt immer in einem Meer von Wonne; nur zuweilen unterbrach ihn ein Anfall von Wehmut in seiner Freude. Es stiegen ihm oft wieder Zweifel auf, ob sie ihn auch wirklich liebe? Vor einiger Zeit wäre ein blick, wie sie ihm jetzt viele gab, sein gröster Wunsch, und der höchste Grad von Glückseligkeit für ihn gewesen; aber jetzt verlangte sein Herz schon mehr; er wollte nun tätige und mündliche Versicherungen von ihrer Liebe haben. Sie weis vielleicht noch nicht, dachte er, wie sehr ich sie liebe. Wie leicht könnte ein andrer kommen, der mehr Kühnheit, und vielleicht auch grössere Ansprüche hat, als ich, und den kleinen Funken von Liebe auslöschen, der vielleicht für mich in ihrem Herzen glimmt. Bei ihren Vorzügen kann es ihr nicht lang an Freiern fehlen. Ich habe nichts, keinen Stand, kein Vermögen, kein Amt, wenig äusserlich empfehlendes; warum sollte sie mich andern vorziehen? oder mich nicht alsobald vergessen, wenn ein, dem äusserlichen Scheine nach, besserer und vorzüglicherer Mann kommt, u.s.w.
So quälte er sich oft ganze Stunden lang, und türmte Berge von Zweifeln gegen seine eigne Ruhe auf. Aber wenn er Marianen wieder sah, und sie ihm mit dem blick der Liebe begegnete, dann verschwanden diese Zweifel wieder, wie Nebelwolken vor der Sonne. – Etliche Tage nach dem Konzert schickte sie an Kronhelm den Gessner wieder, und liess ihn, oder Siegwart um ein anderes Buch bitten. Sigwart schickte ihr den Kleist, und sprang mit dem Gessner auf sein Zimmer, wo er ihn hundertmal an den Mund drückte und küsste. Das Buch war ihm nun ganz heilig geworden. Er blätterte es durch, und verweilte sich bei jedem Blatt. Jegliches schien ihm zu glänzen, weil ihr Auge drauf geruht hatte. Wie gross war seine Freude, als er ein klein Stückchen blauer Seide drinn liegen fand, von der Farbe, wie sie zuweilen ein Kleid trug. Dieses Stückchen war ihm mehr wert, als dem Abergläubigen das Stückchen vom Gewand eines Heiligen. Nachdem er es lange gnug betrachtet hatte, schloss er es sorgfältig in seinen Schreibpult; holte es aber alle Augenblicke wieder heraus, um es von neuem wieder anzusehen. – Als er noch weiter blätterte, fand er auch ein Schnippelchen Papier, auf welchem Marianens Name stand. Er sprang hoch auf, hub es in die Höhe, drückte es hundertmal an seinen Mund, und an sein Herz, und betrachtete jeden Zug unzähligemal.
Endlich entdeckte er auch seinem Kronhelm einen Entwurf, den er schon lang bei sich selbst gemacht hatte, ob sie nämlich nicht Gutfrieds Zimmer beziehen wollten? Er hatte schon Erfahrung eingezogen, dass in dem haus noch ein andres Zimmer ledig sei, worauf also Kronhelm wohnen könne. Es tut mir zwar leid, unsre Hausleute zu verlassen, sagte er, weil es ehrliche und brave Leute sind; aber ich will ihnen gern noch ein halb Jahr Hausmiete bezahlen, um nur bald meiner Mariane näher zu kommen. Kronhelm, der seinem Freund alles zu Gefallen tat, willigte sehr gern in diesen Vorschlag, und nach wenig Tagen bezogen sie das Zimmer. Nun sah Siegwart sein geliebtes Mädchen täglich, und fast stündlich. Er hatte seinen Schreibepult am Fenster stehen, und merkte jede Bewegung, die auf Marianens Zimmer vorging; sie stunde auch sehr oft am Fenster, und setzte sich, wenn sie allein zu haus war, so, dass er sie, und sie ihn sehen konnte. Er sah sie stricken, nähen, Stickereien machen, und alle häusliche Geschäfte verrichten. Oft standen ihm Freudentränen in den Augen, wenn er das liebe Mädchen, so mit sich vergnügt, der Welt unbekannt, sich in der Stille, in jeder Pflicht, in jeder Tugend üben sah. Mit Tränen blickte er zum Himmel. Gott! dachte er, welch ein Glück ist dem bereitet, dem du eine solche Gattin gibst, die, mit jeder Anmut geziert, noch mehr für die Schönheit ihrer Seele sorgt,