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. – Kalt? rief Siegwart voll Verwunderung aus. So muss die Sonne auch kalt sein! Ich weis gar nicht, wie du so reden kannst? Freilich, da hast du Recht, reden konnte ich wenig; oder, wenn es was war, so bracht ich dummes Zeug vor. Da hab ich mich schon gnug drüber geärgert. Ich weis nicht, wenn ich so allein bin, da hätt ich ihr tausend Dinge zu sagen; und kaum steh ich vor ihr, da ist es, als ob mir aller Sinn genommen wäre. Gestern auf dem Schlitten hätt ich nun nichts reden können, wenn ich mich Stunden lang besonnen hätte. Sie wird mich wohl für einen dummen Einfaltspinsel haltenDas gewiss nicht, Bruder! sagte Kronhelm. Die Liebe hat ihre eigne Sprache; das Auge hat da mehr zu tun, als die Zunge. Und Mariane hat dich ganz gewiss verstanden. Man hält alles, was man spricht, für dummes Zeug, weil man fühlt, dass man das noch lang nicht ausdrückt, was das Herz fühlt. Man will lauter Empfindungen und Göttersprüche sprechen, und da ist unsre Sprache viel zu arm dazu. Jedes Wort soll so voll und warm sein, wie das Herz ist, und das ist unmöglich. Weil man nun doch sprechen will, da kommt man auf allerlei entfernte und gleichgültige Dinge, die nichts sagen. Die Empfindung ist einsylbig, oder stumm. Ich habe das bei Teresen oft gefühlt. Waren wir allein, so schwieg ich ganz; und wenn andre da waren, so macht' ich Spass; das ist noch das Beste. – Mariane hat dich gewiss gefühlt. Wärst du wortreich gewesen, so wärs mit deiner Liebe nichts. Redseligkeit ist Larve der Liebe, nicht die Liebe selbst. – Bruder, sieh! wie die Sonne so hell aufgeht! Ich denke, wir gehen spatzieren. Mit deinen teologischen Kollegien hats nun doch wohl in Ende? – Erinnre mich daran nicht! sagte Siegwart. Aber, zieh dich nur an! Wir wollen spatzieren gehen.

Sie gingen mit einander aus. Als sie an die Strasse kamen, wo man nach Marianens Haus hinauf geht, da stellte sich Kronhelm an, als ob er in eine Seitenstrasse gehen wollte. Siegwart sah ihn halb bittend an. Er lächelte, und ging mit ihm bei Marianens Haus vorbei. Sie sah erst auf der Einen, und dann auf der andern Seite des Hauses aus dem Fenster, und grüste unsre beiden Jünglinge sehr freundlich. Siegwart ward auf Einmal wehmütig. Wir wollen vor das Tor gehen, sagte er, wo wir gestern gefahren sind. Hier erinnert' er sich an jede Rede, an jede Empfindung wieder, die er gestern hier gehabt hatte. Kronhelm sprach viel von Teresen, und sagte, dass er gestern wieder besonders lebhaft an sie gedacht habe. Er fühle es mit jedem Tage mehr, dass er ohne sie nicht leben könne. Es sei ihm unerträglich, dass er an sie nicht schreiben dürfe, und nicht das geringste von ihr erfahre. Nächstens wollt' er wieder an sie schreiben, es möge daraus kommen, was wolle! u.s.w. Siegwart suchte ihn mit der Vorstellung zu beruhigen, dass Terese ihm gewiss treu bleibe, sie möge schreiben oder nicht. Es könne nur einen neuen Lärm bei seinem Vater abgeben, wenn er den Briefwechsel wieder anfange, u.s.w.

Nun kamen sie auf die Würkungen der Liebe in dem Herzen eines Verliebten zu sprechen. Siegwart sagte: Ich bin, seit ich liebe, ein ganz andrer Mensch. Ich glaubte vorher, gut zu sein, aber die Liebe hat mich noch weit besser gemacht. Ich bin frömmer, andächtiger, mitleidiger, und duldsamer geworden. Ich bin auf fremdes Elend aufmerksamer, und fühl es tiefer. Wenn ich ein blasses Gesicht, und ein trübes Auge sehe, so vermut ich sogleich unglückliche oder hoffnungslose Liebe, und nehme an dem Schicksal dieser person Anteil. Ich würde alles tun, um ihr eine gefälligkeit zu erweisen, die ihr Elend lindern, oder heben könnte. Jeder Liebender, und Leidender wird auch mein Bruder. Ich teilte gern mit jedem Armen mein Vermögen. Die Glückseligkeit aller Menschen liegt mir nah am Herzen. Ich wäre fähig, alles für andre zu tun. Jede Pflicht, und jede Tugend wird mir leichter.1 So glaube ich auch, sagte Kronhelm, und eben deswegen ist es ungerecht und töricht, auf die Liebe loszuziehen, wie viel hochgelahrte, sich weise dünkende Leute tun. Es ist Undank gegen Gott, einen Trieb, den er mit dem Leben uns ins Herz pflanzt, zu verdammen, und den Aufruf zu mancher hohen Tugend für stimme der Sinnlichkeit, oder gar des Satans auszugeben. Dass die Liebe oft gemisbraucht, oder misverstanden wird, soll doch wohl nichts gegen sie beweisen? Denn sonst wäre die Religion auch ein Uebel, die, wenn sie misverstanden und gemisbraucht wird, oft grössere Verwüstungen anrichtet, als misverstandne Liebe. Anstatt dass man die Liebe mit Gewalt und stolzer Verachtung zu unterdrücken, und aus dem Herzen der Jugend zu verdrängen sucht, sollte man sich nur bestreben, sie durch Vernunftgründe zu leiten, und auf den rechten Gegenstand zu lenken. Diess würde viele Leute besser machen, als sie bei ihrer angenommenen, oder erzwungenen Kälte sind. Wer nicht lieben will, und verächtlich von der Liebe denkt, der schämt sich auch ein Mensch zu