1776_Miller_071_152.txt

gern, wenn sie gleich mehr schöne Träume, als Würklichkeiten darstellen. Man sieht doch, was die Menschen sein könnten, und fühlt sich dabei. Ich würde gern recht viel solche Bücher lesen, aber ich behalte sie immer so lang zurück, denn mein Bruder fängt sogleich an zu schmälen, wenn ich etwas lese, und da tu ichs nur, wenn er nicht zu Haus ist. Wenn Sie wieder einmal ein Buch eine Zeitlang entbehren können, so wollt ich Sie wohl darum bitten. Siegwart war über diese Bitte sehr erfreut: und versprach, ihr alle Bücher zu geben, die er von der Art hätte. Dann fragte sie mit vielem Anteil nach Teresen, und war bei seinen Erzählungen von ihr sehr aufmerksam. Das wär ein Frauenzimmer für mein Herz, sagte sie, hier kann ich keine solche Freundin finden. Meine Vertrauteste ist jetzt aufs Land verheiratet, und da lebe ich so in der Einsamkeit; und das ist mir manchesmal sehr traurig. Wenn ich nicht noch meine Mutter hätte, so wär ich hier sehr ungern, aber sie ersetzt mir alle Bedürfnisse.

Nachdem die Frauenzimmer mit Kaffee und fremdem Wein bedient waren, wurde noch einmal deutsch getanzt. Endlich sagte Mariane, nun muss ich doch wohl nach Haus, mein Bruder macht sonst morgen grossen Lärm. Es schien unserm Siegwart noch viel zu früh zu sein, aber er wagte es doch nicht, sie länger aufzuhalten. – Wie doch die Zeit so schnell verfliegt! sagte er. Mir ist es, als ob wir erst eine Stunde da wären. – Mir ist es auch so, sagte sie, und drückte ihm sanft die Hand. Ich bin noch nie so vergnügt gewesen, wie heute. – möchte' ich doch auch etwas dazu beigetragen haben! sagte er schmachtend. – Vieles, vieles! sagte sie mit tiefem Ausdruck. Er ward wie von einer unsichtbaren Gewalt hingerissen, und küsste sie auf den Mund. Sie hielt willig still. In dem Augenblick fühlte er sich über alles erhaben. Welt und alles schwand vor seinen Blicken. Der fatale Mensch, der schon mehrmals mit ihr getanzt hatte, wollte sie wieder aufziehen. Ich tanze mit Herrn Siegwart, sagte sie, sah ihn zärtlich an, und drückte ihm die Hand. Er stürmte mit ihr in den Reihen hinein, flog mit ihr herum, als ob ihn Wolken trügen. Alle andre hörten auf, und sahn unserm Paar verwundernd zu. Hier und da ward ein Gelipsel: Da wird wohl ein Liebeshandel draus werden; die sind immer bei einander, u.s.w. Endlich tanzte man den Kehraus, den Mariane und Siegwart anführten, und die Gesellschaft ging gröstenteils auseinander.

Auf dem Heimweg küste Siegwart seine Mariane noch ein paarmal. Sie war ausserordentlich vergnügt über diesen Abend, dankte ihm für das viele Vergnügen, das er ihr gemacht hätte; freute sich, mit ihm genauer bekannt worden zu sein, und bat ihn, sie nur recht bald zu besuchen. Er wuste vor Entzücken nicht, was er reden sollte? Alle Worte fehlten ihm. Er drückte ihr nur die Hand, und gab ihr noch einmal einen heiligen Kuss zum Abschied.

Als er aus ihrer Strasse kam, hüpfte und sprang er mehr, als dass er ging. Zu Haus blieb er noch eine halbe Stunde auf; Kronhelm war schon zu Bette gegangen. Alle begebenheiten des vorigen tages und des schönsten Abends schwebten in glänzendem Gemisch vor ihm herum. Wenn er sich einen Umstand besonders denken wollte, so fielen ihm zwanzig andre ein. Es war ihm, als ob er ein buntes Tulpenbeet vor sich sähe, deren jede schön ist, aber er konnte keine einzeln betrachten. Sein Geist irrte, wie sin Schmetterling von einer Blume zu der andern. Zuletzt ward ihms vor den Augen dämmerig. Er sah nur noch Farben vor sich. Alle flossen in einander. Mariane war der Hauptgedanke, den er sich unter tausenderlei Gestalten dachte. Er wiederholte alle gespräche, die er mit ihr geführt hatte, und ärgerte sich, dass er so wenig gesprochen hatte. Jetzt, dachte er, jetzt sollte sie da sein! Jetzt wollt' ich ihr alles sagen, ihr mein ganzes Herz ausschütten, u.s.w.

Im Bette konnte er nicht schlafen. Der Tanz, den er mit ihr zuerst getanzt hatte, schallte ihm immer in den Ohren. Wenn er die Augen zumachte, so war ihms, als ob er mit ihr im Kreis herumflöge, vor ihr stünde, ihr ins Auge blickte, und sie bei der Hand fasste. Aus dem leisesten Schlummer fuhr er wieder auf, denn es dauchte ihm, ein Gelispel, wie Marianens stimme, flüstr' ihm in die Ohren. Er hielt ganze lange gespräche mit ihr, streckte seine hände nach ihr aus, wachte auf, und sah sich getäuscht. Morgens um acht Uhr stand er, fast müder, wieder auf, als er sich niedergelegt hatte, und ging auf Kronhelms Zimmer. Dieser lachte ihm sogleich entgegen, und wünschte ihm zu Marianens Liebe Glück. Dann nun, sagte er, wirst du doch nicht mehr ungläubig sein? Sie hat sich zu viel verraten. – Siegwart sagte ihm, er müste mehr beobachtet haben, als er selbst. – Das hab ich auch, versetzte Kronhelm. Ich bin in dieser Schule länger schon erfahren, und ein Dritter Unparteiischer sieht immer mehr. Aber, Bruder, du schienest mir so kalt zu sein