ihn, dass er so den Stummen spielen sollte; er besann sich hin und her, was er sagen wollte? Es fiel ihm nichts ein, und doch war ihm das Herz so voll. Endlich kam er aufs Konzert zu sprechen. Er fühlte, dass sein Gespräch kalt und gleichgültig sei; er wollte was anders anfangen, und unterhielt sich doch davon ganz allein mit ihr, bis sie an das bestimmte Dorf kamen. Hier blieben sie nur eine kleine Stunde, und bedienten das Frauenzimmer mit Kaffee. Die Studenten trunken ein Glas Wein. Dieses machte, dass Siegwart auf der Rückfahrt etwas minder schüchtern war. Er führte seine Mariane an den Schlitten, und wagte es, ein paarmal ihr die Hand zu drücken. Sie sah ihn an, und lächelte mit einer Wehmut, die schnell, wie ein Blitz, in seine Seele überging, und ihn die Augen niederzuschlagen zwang. Der Abend war der schönste. Die ganze Gegend war ins weisse schweigende Gewand des Winters eingehüllt, und stimmte die Seele zum wehmütigfeierlichen. Die Sonne ging, wie das reinste, durchsichtigste Gold am Horizont hinab, und breitete am Himmel eine unbeschreibliche Heiterkeit aus. Als sie, am schwarzen Wald hinab, tiefer in die Dünste sank, ward sie blutrot, und färbte durch ihren Wiederschein den halben Himmel mit Violet und Rosenrot. Marianens Gesicht glänzte in dem sanften Wiederschein des himmels. Ihre Miene war voll Heiterkeit, und ihr helles braunes Auge voll süsser Wehmut. Ein paarmal sah sie sich nach Siegwart um, der, in ihrem Anschaun ganz versunken, fast vergass, sein Pferd zu lenken. Alles war ihm so feierlich; die ganze Flur umher schien ihm ein Tempel. Ein paarmal sah er gegen Himmel, und sein blick, und die Träne drinn, ward ein Gebet um Marianens Liebe. Anfangs sprach er wenig. Nur zuweilen rief er aus: Was das doch alles schön ist! sehen Sie dort am Schloss die Fenster! Wie sie glänzen, als obs Gold wär! sehen Sie das herrliche, überherrliche Abendrot! Und die Waldung dort im Golde! Und das Dunkel dort am Berg! Und die Stille! O, der schönste Tag in meinem Leben! – Kronhelm, der vor ihm fuhr, und sich ein paarmal nach ihm umsah, merkte ihm die Freude an, wie sie ihm aus den Augen blitzte, und in jeglichem Gesichtszuge sich ausdrückte. Er freute sich im Innersten darüber, und sah ihn mit einem vielbedeutenden Lächeln an.
In der Stadt fuhr die Gesellschaft noch einmal die Hauptstrassen durch, und dann nach dem haus, wo der Ball gehalten wurde. Mariane liess sich erst nach haus führen, um sich umzukleiden. Siegwart führte den Schlitten weg, und eilte auch nach Haus, um ein andres Kleid, und seidne Strümpfe anzulegen. Er war vor Freuden über Marianens Betragen ganz ausser sich, hüpfte hin und her, sang laut, und sprach mit sich selber. Als Kronhelm, der sein Frauenzimmer auch nach Haus geführt hatte, kam; sprang er ihm entgegen, drückte ihn fest an sich, dass er hätte schreien mögen, und frohlockte gegen ihn über sein Glück und über seine Mariane. Bruder, Bruder! sagte er, das ist ein Engel, wie es keinen gibt! Nun fang ich erst recht zu leben an. Vorher war es alles nichts! Wenn sie so bleibt, so bin ich ganz im Himmel! Meinst du nicht, sie sei mir gut? – Ganz unstreitig, sagte Kronhelm! O die Liebe läst sich gar nicht lang verbergen, zumal vor einem Liebenden. Mach deine Sachen nun klug! Sei nicht allzuschüchtern! Sie muss es merken, was du für sie fühlst! Siegwart machte wieder einige Einwendungen: Sie könn' es übel nehmen, und ihm böse werden, wenn er so gerade zu geh, u.s.w. Kronhelm aber fiel ihm in die Rede; Da kennst du die Mädchen schlecht, wenn du glaubst, sie nehmen so etwas übel. Warum sollten sies auch tun? Es schmeichelt ihnen ja, und muss sie freuen, wenn ein braver Kerl sie ins Auge fast. Du nimmst's ja auch nicht übel, wenn du einem Mädchen wohlgefällst, zumal wenn es von Liebe von der rechten Art herkommt. Fang nur keine Grillen! Das ist bei der Liebe, und zumal im Anfang so gewöhnlich. Wenn du Marianen, wie ich glaube, wirklich wohlgefällst, so kann ihr dein geständnis nicht misfallen. Wart nur den rechten Zeitpunkt ab, und sprich mit ihr aus dem Herzen!
Siegwart versprach, zu tun, was er könnte, und ging nun, Marianen zum Ball abzuholen. Er ging aufs Wohnzimmer, wo ihre Eltern waren, die ihm beiderseits sehr höflich begegneten. Die Mutter tat besonders ausserordentlich freundschaftlich, und bat ihn, sie und ihren Mann und ihre Tochter zuweilen am Abend zu besuchen. Wenn Sie den Herrn von Kronhelm mitbringen, und mein Joseph (so hiess Marianens jüngster Bruder, der auch im Zimmer war) zu Haus ist, so können Sie, wenn es Ihnen gefällig ist, zuweilen ein kleines Privatkonzert machen. Siegwart nahm den Antrag mit Freuden und einer tiefen Verbeugung an. Der Hofrat Fischer sagte eben dieses, und war überhaupt ungewöhnlich höflich, erkundigte sich sehr sorgfältig nach seinem Vater, trug ihm ein höfliches Kompliment an ihn auf, und bedaurte, dass er noch nicht Zeit gehabt, selbst an ihn zu schreiben. Marianens Bruder