1776_Miller_071_148.txt

entdeckte ihm so gar seine ehemaligen Grillen, und auch Sophiens unglückliche Liebe zu ihm. Sie machten mit einander aus, so bald wieder ein Schnee fiele, eine Schlittenfahrt und einen Ball anzustellen, wobei Siegwart seine Mariane bedienen sollte. Dieser machte zwar anfangs tausenderlei Einwendungen, die ihm seine Schüchternheit eingab, aber Kronhelm zerstreute seine Zweifel und ängstliche Bedenklichkeiten.

Den nächsten Sonntag ging Kronhelm mit Siegwart in die Kirche, und wollte in Marianens Blicken und Betragen viele Teilnehmung an Siegwarts person bemerkt haben. Siegwart machte ihm tausend Einwürfe, um sie nur widerlegt zu sehen. Im folgenden Konzert sang er mit Marianen das Duett zum Erstaunen aller Zuhörer. Ihre Stimmen waren wie das Lispeln der Liebe; stiegen mit einander in den Himmel, und wieder mit einander in das Grab herab, und klagten. Jedes Herz fühlte Zärtlichkeit und Liebe, doch das ihrige am meisten. Man hätte wenig scharfsinnig sein dürfen um zu hören und zu fühlen, dass weit mehr aus ihnen sang, als Kunst. Bei einem Triller sah sie unsern Siegwart so schmachtend und beweglich an, dass ihm Tränen in die Augen kamen, und sein Herz im seligsten Gefühl schwamm. Die ganze Gesellschaft klatschte noch so lang, als sonst gewöhnlich, als die beiden ausgesungen hatten. Sie lobte seinen richtigen Gesang und seinen tiefen Ausdruck mehr mit Blicken, als mit Worten. Wir müssen öfter singen, sagte sie. Ich sang noch nie mit solchem Eifer und mit solchem Anteil. Ich gewiss auch nie! sagte Siegwart, und seufzte. – Kronhelm kam dazu, und sagte: Hab ich nicht Recht, Jungfer Fischerin, dass er gut singt? – O, sie haben mir nicht halb so viel gesagt, war ihre Antwort. Herr Siegwart singt ausserordentlich. Endlich ward das Gespräch, durch andre, die dazu kamen, allgemeiner.

Siegwart war nun so froh, dass er alles um sich her vergass. Er glaubte nun selber, dass ihn Mariane liebe, und wünschte nur bald gelegenheit, sie allein zu sprechen, und ihr sein Herz ganz entdecken zu können! Beim Weggehen, als er von ihr Abschied nahm, sah sie ihn mit dem zärtlichsten schmachtendsten blick, in dem eine Träne schwamm, an. Zu Haus machte er sogleich in seiner Freude folgendes Gedicht:

Der blick der Liebe.

War das nicht ein blick der Liebe.

Der aus ihrem Auge sprach?

Sah es nicht betränt, und trübe

Mir mit stiller sehnsucht nach?

Ja, bei Gott! Sie muss es wissen,

Dass ich so verwundet bin;

Muss, von Mitleid hingerissen,

Auch für mich im Stillen glühn! –

O ihr Liebesengel, rühret

Euch das Flehn des Leidenden,

O so steigt herab, und führet,

Mich zu meiner Heiligen!

Dass ich ihr zu Füssen sinke,

Meine Leiden ihr gesteh,

Und durch Einen ihrer Winke

Mich zu euch erhoben sehe!

Mit diesem Gedichte ging er gleich zu seinem Kronhelm, der damit zufrieden war, und sagte: Die Zeit, die du dir in diesen Versen wünschest, kann bald kommen. Sie liebt dich, daran zweifle ich gar nicht mehr; und bei der ersten Schlittenfahrt sollst du mit ihr fahren, und den Abend drauf beim Ball kannst du ihr dein Herz entdecken. – Siegwart war über diese hoffnung und das Versprechen seines Freundes ganz ausser sich. Er ging nun täglich mehr als zwanzigmal zu seinem Barometer, ob der Merkurius drinn noch nicht falle, und Schnee verkündige? Er blickte immer nach dem Himmel, ob noch kein Gewölk sich aufziehe? und freute sich über jedes aufsteigendes Wölkchen, das ihm Schnee zu tragen schien.

Endlich umzog sich am Sonnabend der Himmel ganz, und in der Nacht drauf fiel ein tiefer Schnee. Als er am Sonntag Morgens aufwachte, und alles weiss sah, da war es ihm so wohl, als ob der Frühling angebrochen wäre.

Auf den folgenden Tag ward sogleich eine Schlittenfahrt fest gesetzt. Kronhelm ging zu Marianen und ihren Eltern, um anzuhalten, ob Siegwart sie fahren dürfe? Denn dieser war zu furchtsam, um selbst anzuhalten. Mariane, nebst ihren Eltern, willigten mit Freuden in den Antrag. Siegwart, dem sein Freund diese Nachricht brachte, war darüber ganz ausser sich. Doch klopfte ihm das Herz, je näher die Zeit kam, da er Marianen abholen sollte. Er wünschte oft den so sehnlich erseufzten Augenblick weit weg, und zögerte, als die Stunde kam, mit dem Schlitten vor ihr Haus zu fahren. Endlich muste er doch hinfahren. Zitternd ging er die Treppe hinauf in ihr Zimmer; machte vor ihr und ihren Eltern eine tiefe Verbeugung, und tausend Entschuldigungen, die man aber nicht verstehen konnte, so leise und verwirrt sprach er. Der Hofrat Fischer und seine Frau waren gegen ihn sehr höflich, und Mariane tat gegen ihn sehr offenherzig und freundlich. Mit bangem Zittern ergriff er ihre Hand, und führte sie die Treppe hinunter. In der freien Luft ward ihm wieder wohl, und er fuhr zu der übrigen Gesellschaft. Mariane sagte ihm im Fahren: Es sei ihr sehr angenehm, in seiner Gesellschaft zu sein. Er stotterte: Ihm seis noch angenehmer, und er habe sich schon lange dieses Vergnügen gewünscht etc. Nachdem die Gesellschaft in der Stadt herum gefahren war, so fuhr man auf ein benachbartes Dorf. Siegwart wuste nichts zu sprechen; er lobte nur das Wetter, und die angenehme Wintergegend, und freute sich, dass ein so schöner Schnee gefallen sei. Es ärgerte