nun hab ich keinen Sohn mehr! habe keine Freunde mehr im Alter! Ach, nun möchte ich sterben, weil er tot ist! – Du lieber, todter Sohn! Eine Hure hat dir deines Vaters Herz gestohlen! Und du bist gestorben; konntests länger nicht mehr ansehn! Sags deiner Mutter nicht, Karl! Um Gottes willen nicht! – Ach, dass du so früh gestorben bist! Die Hure soll mir es büssen! – Siehst wie deine Mutter aus, als sie gestorben war! – Hat er mich gesegnet, Herr? Mein Weib hats auch getan! Aber kann beim Ehebruch auch Segen wohnen? – Dass du mich gesegnet hast, das hat dich deine Mutter wohl gelehrt; wenn sie mit dir weinte in der kammer. – Nun sprang er auf: Aber, lieben Herren, sagts der Welt nicht! Ich will selber meine Schande aufdecken! – Lieber Karl! Ich kann dich nicht mehr ansehn. Es ist gar zu fürchterlich! –
Indem kam der Arzt herein mit Boling. Der Vater ging in einen Winkel, sah beständig starr auf einen Platz, und schwieg, solang der Arzt da war. – nachher sagte er zu Kronhelm: Lassen Sie meinen Karl begraben! Ich kann nichts tun.
Kronhelm machte Anstalten, dass sein Freund in zwei Tagen begraben wurde. Der Vater verschloss sich gröstenteils auf dem Zimmer seines Sohnes, und liess sich nur von Siegwart und von Kronhelm sprechen. Sie mussten ihm seine ganze geschichte erzählen. Er hörte stillschweigend, und mit niedergeschlagnen Augen zu. Nur zuweilen seufzte er tief auf, oder klagte sich selber, wegen seines Betragens gegen ihn, an. Ich vermutete, sagte er, dass ihn etwas anders auf der Universität zurückhielte, so wie mir es ehemals ging. Wenn man schlechte Streiche macht, so vermutet man sie bei andern auch. An eine so heilige und keusche Liebe, wie die gegen Marianen war, dachte' ich gar nicht. War denn gar keine hoffnung da, dass ihn das Mädchen wieder lieben werde? – Wenig, oder keine; antwortete Kronhelm. Eben jetzt sagte mir Boling, sie werde' einen hiesigen Assessor heiraten. – Siegwart wurde über diese Nachricht plötzlich blass, und lief weg. Zu Haus sank er in einen Stuhl, blieb eine Stunde lang so sitzen, seufzte, weinte; und verwünschte sein Geschick.
Den andern Tag wurde Gutfried begraben. Der Vater ging stumm hinter dem Sarge drein. Es folgten die Freunde seines Sohnes; alle voll tiefen Grams. Siegwart war am meisten bewegt. Der Gedanke an den Verlust eines solchen Freundes, und der Gedanke an sein eigenes trübes Schicksal zerfloss in seiner Seele in einen einzigen, und lag schwer auf ihm. Stumm und starr sah er auf den Sarg ins Grab hinab; bittre Tränen flossen drauf, und sein Herz ward voll von dem Wunsch, wie sein Freund zu sterben; denn zuweilen tat er, aus seinem kummervollen Leben einen blick in die Wonne, der sein Freund nun genoss. Den Abend drauf schrieb er aus dem kummervollsten Herzen diese Verse nieder:
An Gutfrieds Begräbnistage.
würde' ich doch, wie du, begraben!
Sänk' ich auch in Todesnacht!
Zärtlichkeit und Jammer haben
Mich dem Grab' auch reif gemacht.
Deine Leiden sind vorüber,
Ausgeweinet hat dein blick;
Aber trauriger und trüber
Wird mir jeder Augenblick.
Stimmet keine Trauerlieder
Auf des Freundes Hügel an!
Segnet sein Geschick, ihr Brüder!
Er betrat des Lebens Bahn.
Wisst: Der schönste Tag des Lebens
Ist der nächste an der Gruft.
Ach, dass doch mein Wunsch vergebens
Ihn, herbeizueilen, ruft!
Kronhelm hielt den Kummer seines Freundes für Schmerz über Gutfrieds Tod, und vereinte sich mit ihm zu klagen. Den nächsten Sonntag sah Siegwart seine Mariane in der Kirche. Sie grüsste ihn freundlich, und sah heiter aus. Er hielt diese Heiterkeit für Freude über ihre nahe Verbindung, und ward darüber noch unruhiger, und trauriger. Im nächsten Konzert merkte er wohl, dass sie ihn sehr fleissig beobachtete, aber seine Furcht liess ihn auf nichts vorteilhaftes schliessen. Sie sang eine obligate Arie, und bat Kronhelm, ihr dabei zu akkompagniren. Diess brachte ihn noch mehr auf, und erfüllte ihn mit dem bängsten Schmerz. Der halbverborgene Funken von Eifersucht glimmte wieder frisch in ihm auf. Seine Vernunft mochte ihm sagen, was sie wollte; sein Herz stritt dagegen. Er merkte kaum auf ihren himmlischen Gesang, und fühlte nichts von der herzschmelzenden Zärtlichkeit, mit der sie sang. Indem er so, von tausend kämpfenden Leidenschaften bestürmt, in einem Winkel stand, und nicht bemerkte, dass die Arie ausgesungen war, trat Mariane zu ihm, und bat, er möchte ihr bei einer zweiten Arie akkompagniren. Er stunde da, wie vom Grab erweckt, in der staunendsten Bewegung; neigte sich gegen sie, und nahm zitternd seine Violine. Seine Töne rangen mit den ihrigen um den Vorrang des Ausdrucks; endlich strömten sie in einander, wie die Empfindung zwoer Seelen, die sich nun zum erstenmal ihr Gefühl entdecken, und es ganz in Seufzer und in Worte ausfliessen lassen. Als er ausgespielt hatte, verneigte sie sich tief vor ihm, mit einem Lächeln und einem Ausdruck ihres Auges, der durch sein ganzes Wesen eine, nie gefühlte Wärme ausgoss. In dem Augenblick vergass er aller Zweifel, aller Schwierigkeiten; sie war ganz sein. Es fühlt' er wohl, und wust' es nicht