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und gewiss wäre, dass er bleiben würde' in seiner Reinigkeit und Unschuld.

Erst nach etlichen Minuten ging er wieder ans Krankenbette. Gutfried gab ihm seine Hand. Lieber Freund, sagte er mit sanfter stimme, wir könnten so viel reine Freuden auf der Welt geniessen, dass wir solcher Ausschweifungen nicht nötig hätten. Wie viel frohe himmlische Abende gab uns, dieses letzte halbe Jahr, die Freundschaft! Gott! wie sassen wir oft so vergnügt zusammen, und fühltens erst am Ende, dass die Zeit so schnell verstrichen war. Welche reine, unverfälschte Freuden gab uns die Musik! Wie erhub sie unser Herz zu himmlischen Empfindungen; zu Entschlüssen, etwas Grosses und Edles für die Welt zu tun. Wie erquickte sie uns nach unserm Studieren! Am Abend war es uns, als ob wir den ganzen Tag in reiner Wollust zugebracht hätten. Und die schönen Wissenschaften! – Ihnen verdank ich, nächst der Liebe zur Tugend und zu Marianen, mein verfeinertes, veredeltes Gefühl am meisten. Ich liebte Marianen, und durch sie, die Tugend schon eine geraume Zeit; aber in meinem äusserlichen Wesen war immer noch viel Rohes und Unbehagliches. Nun sah ich bei ihr einmal ein Buch von Kronhelm liegen; es waren Kleists Werke. Ich sah hinein; und es gefiel mir. Mariane lehnte mir das Buch mit Kronhelms Vorwissen. Freund! wie war mir das so neu! Wie viele, vorher nie gefühlte Empfindungen füllten da mein Herz! Wie ward es oft zur Anbetung des Schöpfers hingerissen! Ich sah nun die natur mit ganz andern Augen an. Jede Blume, jeder Vogel, jede schöne Gegend ward mir wichtiger, und lehrte mich den Schöpfer im geschöpf bewundern. Mein Herz ward reizbarer und empfindlicher fürs Gute und fürs Schöne. Ich sah die Harmonie der Schöpfung, trug sie auf meine Handlungen über; schätzte sie im Leben und der denkart andrer Menschen mehr; sah bei mir selbst mehr auf äusserlichen Anstand; und ward gegen jedes Elend mitleidig.

Sein Gespräch ward durch die Ankunft Bolings unterbrochen. Dieser erbot sich, mit Siegwart zu wachen, damit der Eine etwas schlafen könnte, während dass der andre wachte. Unser Siegwart erwählte die Vormitternacht zum Wachen, denn er sah beim Hofrat Fischer Licht, und hoffte, seine Mariane noch einmal zu sehen. Als Gutfried etwas einschlummerte, setzte sich Boling in den Lehnstuhl, um zu schlafen, und Siegwart legte sich ins Fenster, ob er Marianen nicht erblicke? Ein paarmal sah er etwas am Fenster hin und her gehen, aber er konnte nicht genau unterscheiden, ob es sie sei, oder ihre Mutter? Er war halb freudig, und bald traurig; bald fürchtete er alles Traurige, und hoffte dann auf Einmal wieder nichts als Gutes. So stand er, in süsser Wehmut, und voll schwärmerischer Entwürfe eine ganze Stunde da. Endlich hörte er das Klavier anstimmen, riss das Fenster eilig auf, und lauschte, dass er kaum zu atmen wagte. Erst spielte Mariane eine ernstafte, langsam gehende Phantasie; dann eine schmelzend zärtliche Sonate, und endlich einen feierlichandächtigen Choral, und sang dazu. Siegwart kam über den empfindungsvollen Ton ihrer Silberstimme ganz ausser sich, dass er kaum mehr wuste, wo er war. Er hatte tausend Empfindungen, deren er sich kaum selbst bewust war, und die sich erst nach und nach entwickelten, als sie lange schon schwieg. Er lag noch lang im Fenster, als ob er ihr zuhorchte, ob sie gleich schon das Licht ausgelöscht hatte. Endlich ward er wehmütig, setzte sich an den Tisch, und schrieb, als er Dinte und Papier vor sich sah, folgendes Gedicht nieder:

Alles schläft! Nur silbern schallet

Marianens stimme noch!

Gott! von welcher Regung wallet

Mein gepresster Busen hoch!

Zwischen Wonn' und bangem Schmerz

Schwimmt mein liebekrankes Herz.

Schwind, o Erde! Lass mich fliegen

Zu des Hochgelobten Tron;

Mich mit ihr im Staube liegen,

Seufzen mit in ihren Ton:

Gott, du hörst es, was sie fleht;

Acht' auch mit auf mein Gebet!

Dass ich lang um sie mich quäle,

Ist der Holden unbewust;

Send', o Gott, der frommen Seele,

Lieb' und Mitleid in die Brust!

Wär' ihr nur mein Leid bekannt,

Wär' auch meine Qual verbannt. –

Gott! ich sehe den Himmel offen!

Freud und Leben winken mir!

Dass mein Herz darf wieder hoffen,

Mariane, dank ich Dir.

Sing, und zaubr', o Sängerin,

Ganz ins Paradies mich hin!

Siegwart sass noch eine Stunde da, und überliess sich seiner Phantasie, als endlich Boling aufwachte, um ihn abzulösen. Gutfried schlief sehr ängstlich, und unruhig; fuhr oft auf, und sprach oft mit sich selbst. Sie befürchteten den Ausbruch eines hitzigen Fiebers, das der Arzt den Abend vorher ziemlich deutlich vorausgesagt hatte. Boling versprach, unsern Siegwart sogleich zu wecken, wenn die Krankheit steigen sollte, und nun schlief er im Lehnstuhl ein. Vor Tag weckte ihn Boling durch einen heftigen Schrei auf; denn Gutfried hatte angefangen, zu phantasiren, war aus dem Bett gesprungen, und hielt ihn an der Kehle fest. Lass mich los! rief Gutfried, reiss mich nicht von Marianen, Vater! sonst erwürg ich dich! Siegwart sprang hinzu, und riss ihn endlich mit aller Gewalt von Boling weg. Sie hatten Mühe, ihn ins Bett zu bringen; seine Augen funkelten und rollten fürchterlich