Gnade noch bewahrt; mir hab ichs nicht zuzuschreiben. Ich wär bei meinem tollen, heftigen Temperament, und bei meinen grundsätzen zu allem fähig gewesen. Zweimal ward ein Freund in meiner Gegenwart erstochen; ich sehe noch ihr Blut mit Schrecken rauchen. Dem Boling, der sonst noch weit schlechter war, wie jetzt, hab ich zweimal das Leben gerettet. Der Umgang mit liederlichen Menschern entkräftete mich so, dass ichs jetzt noch fühle; und ich hätte mich zuletzt ganz zu Schanden gerichtet, wenn nicht der Engel Mariane, wie vom Himmel herab, gekommen wäre. Das erstemal sah ich sie auf einem Ball wo mich Dahlmund mit Gewalt hinschleppte; denn es ging mir da viel zu ehrbar zu. Sie sehen, und weg sein, war Eins! Aber, Gott! was das für eine Empfindung war! Ich bebte, wie ein Sünder, der vor Gott steht, und schämte mich vor mir selbst. Anfangs wagt' ichs kaum, sie anzusehen, denn es war, als ob sie mich durchblickte, und den schlechten Kerl in mir entdeckte. Aber weg war ich ganz, und konnte auf der Welt an nichts mehr denken, als an sie. Alles war mir ekelhaft; ich hätt in das Lumpengesind und meine liederlichen Saufbrüder spucken mögen! Sie lachten mich aus, als ich nicht mehr mitmachte, ich liess sie lachen. Ich blieb allein, ärgerte mich über mein vergangnes Leben, und schmachtete um Marianen. Dass sie mich lieben sollte, konnte' ich noch nicht wünschen, denn ich kannte mich selbst zu gut, was ich für ein Kerl gewesen war; ob gleich jetzt jeder Schatten von Begierde aus mir weg wich. – Aber sie war doch für mich' zu heilig; ich sah zu ihr hinauf, wie zu der Mutter Gottes, und wünschte nichts, als einen einzigen Gnadenblick von ihr. Ich kriegte sie selten zu Gesicht. Einmal sah ich sie, an Allerheiligen, in der Kirche. Ihr auge und Herz betete voll Andacht. Nun wagt ichs auch zum erstenmal wieder, meine Augen aufzuheben, und Gott um Erbarmung anzuflehen. Ihre Andacht gab der meinen Mut und Flügel. Es war mir, als ob ein Stral von göttlicher Barmherzigkeit sich in mein Herz herab senkte, und es stärkte. Mir ward so wohl, dass ich weinen konnte. Dieser Augenblick bleibt mir unvergesslich; er ist der Anfang meines wahren Glücks. Ich ward nun wirklich fromm, denn ich handelte nach grundsätzen. Zu Haus warf ich mich nun nieder, und zerfloss in Tränen. Das Gefühl der göttlichen Begnadigung goss sich wieder durch mein Herz; ich las auch in der Bibel, und ganz anders, als im Kloster ehmals. Ihre Kraft, und der heilige Gedank an Marianen unterdrückte, oder mässigte meinen wilden, unbändigen charakter; obgleich noch – das weis der liebe Gott – unendlich viel davon zurück blieb; denn oft will es wieder in mir aufbrausen, und ich habe gnug mit mir zu kämpfen. Mit meiner Besserung keimte auch der Wunsch auf, Marianens Herz zu gewinnen. Ich konnte mich ihr nun eher ohne Zittern nahen, denn ich fühlt es, dass ich besser war. Im Konzert hatte ich gelegenheit, mit ihr bekannt zu werden. Sie begegnete mir immer freundlich und gefällig; aber niemals hab ich einen Funken von Liebe an ihr wahrgenommen. Ich fürchte, sie weis meinen vorigen Lebenswandel, und kann deswegen kein rechtes Zutrauen zu mir haben. O Freund, diess ist die gröste Strafe meiner schändlichen Verblendung! Diese, und dass ich einen ausgemergelten Körper davon getragen habe, der mich wohl in wenig Wochen oder Tagen ins Grab stürzen wird. Dass mir Gott vergeben habe, hoff ich um der Leiden seines Sohnes willen, sonst müst ich gar verzweifeln. – Ich beschwöre Sie um Gottes willen, teurer Freund! Sie sind noch jung, und mancherlei Verführungen ausgesetzt. O behalten Sie ihr Herz rein! Sie wissen nicht, was das für ein Kleinod ist, denn ich hoffe, dass Sies nie verlohren haben. Glauben Sie mir, dass beim Laster nichts als Unruh ist, und Höllenreue hintennach. Ich schwör Ihnen, dass ich nicht nur jetzt so rede, weil ich krank bin, und den Tod näher vor Augen sehe, als Sie. Ich hab in gesunden Tagen eben so gedacht, und bin wahrhaftig überzeugt, dass nichts auf der Welt ganz glücklich macht, als Kenntniss und Ausübung unsrer heiligen Religion, und Rechtschaffenheit, und Reinigkeit des Herzens. Ich hab alles versucht, bin alles gewesen, Religionsverächter, Spötter, Zweifler, Taugenichts, und Christ, und nichts hat mich beruhigt, als das letzte. – Noch einmal, ich beschwöre Sie, Freund! bleiben Sie auf dem guten Wege, auf dem Ihnen so wohl ist! Bleiben Sie ein rechtschaffener Mann, ein Christ! Denken Sie an meine Worte! Ich bin jetzt glücklich, und wärs noch mehr, wär ich immer gut geblieben. –
Hier konnte der gerührte und entkräftete Jüngling nicht mehr reden. Ein heisser Strom von Tränen stürzte ihm aus den Augen, er schluchzte, und verhüllte sein Gesicht ins Kissen. – Siegwart konnte sich nicht länger halten; das Herz brannte ihm im leib. Tränen schossen über seine Wangen; er lief weg ans Fenster, und schluchzte laut. – Gott, erhalt mich fromm und rein! Mehr konnte er nicht seufzen; aber ihm war es, als ob er Gott von Angesicht zu Angesicht erblickte,