niemals drinn gesucht hätte. O, Ihr Adagio war göttlich! – Hier sah sie ihn mit einem unbeschreiblich zärtlichen blick an; er ward feuerrot, schlug die Augen nieder, und wagt es nicht, sie anzusehen. Er stunde da, und konnte sich kaum halten: jedes Auge, glaubte er, bemerk ihn. – Wo haben sie denn heute den Herrn von Kronhelm gelassen? fing sie wieder an. – Diese Frage riss ihn wieder etwas aus der schrecklichen Verlegenheit, in der er sich gewiss verraten hätte. Er ist.. sagte er, und hub die Augen wieder auf; er ist ... ausgeritten.. weil Herr Gutfried krank ist ... weil er es Vater sagen will. Drauf erkundigte sie sich nach Gutfrieds Umständen. – Werden Sie nicht auch einmal eine Schlittenfahrt mitmachen? fragte sie endlich. O ja! war seine Antwort, sobald wieder gelegenheit da ist – plötzlich fuhr der Gedanke, wie ein Blitz, durch seine Seele: Sollt ich sie wohl bitten, mit mir zu fahren? Indem er noch zweifelte, und eben etwas sagen wollte, kam Marianens Mutter, machte ihm ein ausserordentlich verbindliches Kompliment, und lobte ihn mit vieler Wärme wegen seines Spiels. Indem kamen noch andre, die ihn auch mit Lobsprüchen überhäuften; man hielt sein Erröten für Bescheidenheit, und er konnte nun Marianen, die noch bei ihm stand, weit freier ansehn, und ihre unaussprechlich regelmässige Züge, ihr hellglänzendes auge, und die feinste weisse Haut bewundern. So wohl und bang, wie in diesem Augenblick, war ihm noch nie gewesen.
Während dass noch jedermann um den beglückten Siegwart herum stand, klopfte endlich Marianens Bruder, der schon längst vor Eifersucht geglüht hatte, voll Verdruss auf die Violine, um die Spieler zusammen zu rufen, und fing ein Konzert zu spielen an. Er machte es nicht ganz schlecht; aber nach Siegwart konnte man ihn kaum mehr hören. Als er ausgespielt hatte, klatschte niemand Beifall. Diess verdross den stolzen Knaben sehr, und machte ihn unserm Siegwart, den er schon vorher beneidet hatte, noch aufsätziger.
Nach dem Konzert ging Siegwart nach Haus, um sich umzukleiden. Anfangs wuste er sich vor Freuden über Marianens Beifall kaum zu fassen. Nach und nach kamen ihm wieder Grillen und ängstliche Gedanken. Er dachte: Das alles konnte sie wohl sagen, ohne dich zu lieben. Sie sprach nur mit dir, um sich nach Kronhelm zu erkundigen. Sie kann ihn lieben, wenn er es auch nicht weis. Er ist unschuldig, aber was hab ich davon? So lang sie sich nicht deutlicher erklärt, und von meiner Liebe weis, so lang ist es nichts, u.s.w. Unter solchen traurigen Gedanken, die die erste Liebe, solang sie nicht Gewissheit hat, tausendmal in der Brust des Liebenden erzeugt, ging er zu Gutfried, um bei ihm die Nacht über zu wachen. – Er war jetzt etwas muntrer. Diesen Abend, sagte er, hatte ich einen harten Kampf. Ich bekam eine Art von Fieber, und die schrecklichsten Phantasien ängstigten mich wohl eine Stunde lang. Jetzt ist mir es ganz leicht. Setzen sie sich zu mir her, ans Bette! Siegwart tats.
Was macht denn Mariane? fuhr er fort. Haben Sie sie heute gesehen? Hat sie gesungen? – Gesehen hab ich sie, antwortete Siegwart; aber gesungen hat sie nicht. Sie erkundigte sich bei mir nach Ihnen. – Hat sie das? rief Gutfried hastig, und richtete sich im Bett auf. O der Engel! Ich muss sie anbeten, ob ich gleich gewiss weis, dass sie ewig nicht die meine wird. – Er legte sich langsam wieder nieder, und fuhr fort: Alles, lieber Siegwart! alles hab ich ihr zu verdanken! Ich war ein liederlicher Kerl, eh ich sie habe kennen lernen. Gott vergeb es mir! Ich ward verführt. Als ich hieher kam, wust ich noch gar nichts von der Welt. sechs Jahre hatte ich in einem Jesuiterkloster gesteckt; muste da die Religion als ein Handwerk treiben, und ganze Stunden lang, ohne Andacht, beten. Das, wozu mich meine Lehrer anhielten, sah ich sie selber mit den Füssen treten. Wie ein Sklave war ich eingeschränkt, und durste keinen Schritt tun, ohne Vorwissen meiner Lehrer. Wenn ich nun einmal in die Welt hinaus kam, so hielt ich alles, was ich sah, für wünschenswürdig, und schmachtete in meinem Käficht wieder desto mehr darnach. Als ich nun hier ankam, und der Freiheit ganz genoss, nach der ich mich so längst gesehnt hatte, da glaubt ich, um mich schadlos zu halten, und das Versäumte wieder einzuholen, müss' ich nun der Freiheit ganz geniessen, und alles mitmachen. Freiheit und Ausgelassenheit hielt ich für einerlei. Alles, was ich sah, war mir neu, und reizte mich; ich fiel drauf hin, wie ein Geier auf den Raub, und glaubte mich nie sättigen zu können. Sie wissen, wozu der närrische Begriff von Universitätsfreiheit verleitet. Zu allem Unglück waren damals hier die allerschändlichsten Gesellschaften, in denen Gewissen und Vernunft durch Zoten und Unflätereien übertäubt, und durch unmässiges Saufen geschwächt, oder gar getödtet wurden. Da ging ein jeder hin, und tat, was ihm gefiel. Mein Trost ist noch, dass ich niemals Freundesblut vergossen, und nie eine Unschuld verführt habe. Davor hat mich Gottes