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mir fühl, bald um sich griffe, und Mark und Knochen aufzehrte! Es wär ja Wohltat, wenn gleich das Sterben ohne sie auch schrecklich ist. Aber nach dem Tod hoff' ich doch Linderung.

Kronhelm und Siegwart redeten ihm zu, sich doch selbst zu schonen, und kein Selbstmörder zu werden! – Das werde ich auch nicht, sagte er, dazu hab ich zu viel Christentum, und weis, dass es Sünde ist. Aber, lieben Leute! ich hab mir ja den Schmerz, der mich aufzehrt, nicht selbst gemacht! Ich stritt lang, und wollte sie vergessen, als sie gar nichts von mir hören wollte. Aber der verschlossne Gram wütete nur heftiger in mir, und leckte allen Lebenssaft hinweg. – Jetzt kannst du aber nicht reisen, sagte Kronhelm; du siehst gar zu elend aus. Ich will deinem Vater schreiben, dass du krank bist, oder selber die acht Meilen zu ihm reiten. Vielleicht sieht er es doch ein, und gibt nach. – Tu das, Brüderchen! sagte Gutfried; Gott segne dich für diesen Einfall, und für deine viele Freundschaft! Ich werde dirs nicht mehr lang verdanken können; aber einst im Himmel will ichs tun, wenn mir Gott barmherzig ist, und mich zu sich nimmt. – Kronhelm versprach, morgen hinzureiten, wenn es nicht besser werde. Und nun ward Gutfried etwas ruhiger. Doch ass er nicht mit, und beklagte sich über innerliche Hitze. Siegwart hatte mit seinem Zustand vieles Mitleid, und zitterte vor gleichem Schicksal. Nach Tische muste er ins Kollegium gehen. Gegen Abend kam er wieder hin. Gutfried beklagte sich sehr über Kopfweh, und innre Hitze, und muste sich zu Bette legen. Kronhelm, der Gefahr befürchtete, erbot sich, diese Nacht bei ihm zu bleiben und zu wachen. Siegwart kann dann morgen da bleiben, wenn es nötig ist, sagte er, weil ich morgen weg reite. Siegwart ging nach Haus, und machte sich wegen seines Betragens gegen Kronhelm neue Vorwürfe. Er weinte über seine Torheit, die ihn auf seinen besten Freund eifersüchtig machte, und zu einem so lieblosen Betragen verleitete. Nach vielen Seufzern entschloss er sich recht fest, sich künftig vor diesem schrecklichen und törichten Verdacht in Acht zu nehmen, und weder sich, noch seinen edeldenkenden Freund mit einem so ungegründeten Verdacht zu quälen. –

Dann überliess er sich ganz dem süssen, und schmeichelnden Gedanken, dass sich Mariane nach ihm erkundigt habe, und zog tausend gute Vorbedeutungen draus her. Er ärgerte sich, dass er aus blossem Eigensinn und närrischer Verblendung den Ball und die Schlittenfahrt nicht mit gemacht hatte, und wünschte sehnlich eine so herrliche gelegenheit, Marianen kennen zu lernen, bald wieder.

Den andern Morgen kam Kronhelm nach Haus, und sagte, dass ihm Gutfried gar nicht gefalle. Es scheine eine schwere Krankheit im Anzug zu sein. Siegwart fand ihn auch am Mittag um ein gutes kränker, als gestern. Den Nachmittag ritt Kronhelm weg, und versprach, in höchstens vier Tagen wieder zu kommen. Siegwart blieb bis fünf Uhr bei Gutfried. Dann ging er nach Haus, um sich anzukleiden, und sein Konzert noch vorher zu spielen. Nach dem Konzert, versprach er, wieder zu kommen, und bei ihm zu wachen.

Er ging mit ziemlichem Herzklopfen ins Konzert, weil ihm bange war, sich vor Marianen hören zu lassen. Sie sass ihm gegenüber. Anfangs spielte er sehr ängstlich; aber der Beifall, den sie ihm durch ihre Aufmerksamkeit, und einige Bewegungen mit dem Kopf zu geben schien, befeuerte ihn auf einmal, dass er beim Allegro wild in seine saiten stürmte, und die Herzen aller Zuhörer zur Bewunderung hinriss. Er sah ihr die Freude und das Wohlgefallen an, das sie drüber hatte, und trieb die Kunst immer höher. – Auf Einmal sank er, im Adagio, in den tiefsten Klageton herab. Seine Violine sprach; jeder Ton ward eine Sylbe. Sein ganzes Spiel ward die rührendste Klage, und das wehmütigste Selbestgespräch. Sein eigenes, liebekrankes Herz schien, es zu halten. Alles lauschte auf dem Saal, kein laut ward gehört; jeder hielt den Atem an sich; aus jedem Herzen wollt' ein Seufzer aufsteigen, der nur mühsam zurück gehalten wurde. Mariane sass in tiefer Wehmut da; senkte ihr tränenvolles auge zur Erde, blickte schmachtend wieder auf, und ward vor heftiger Empfindung blass. Dann warf sie einen blick, aus dem die ganze Seele sah, auf Siegwart; er fing ihn auf, stieg in einem Lauf bis auf die höchste Höhe, dass die Seele mit hinauf stieg, und staunte; senkte sich herab, und preste aus jeder Brust ein Ach! voll Schmerz und Bewunderung. Jede Hand war aufgehoben, ihm den wärmsten Beifall zuzuklatschen; Mariane war die erste, die es tat. Er verneigte sich gegen sie, und gegen die übrige Gesellschaft, und ging auf die Seite, um sich wieder zu erholen, und den Schweiss vom glühenden Gesicht zu wischen. Im ganzen Saal entstand ein freudiges Gemurmel; jedes Herz teilte dem andern seine staunende Bewunderung mit; jeder Zuhörer sah auf ihn, und war bewegt. Der Hofrat Fischer kam, drückte ihm die Hand, und dankte ihm. Auch der Engel Mariane kamihr Siegwart zitterte. – Sie habens unaussprechlich gut gemacht, sagte sie; ich dank Ihnen aus dem vollsten Herzen. Sie bringen Töne aus der Violine, die ich