zeichnete mit seinem Stock ihren Namen in den Schnee, zernichtete ihn wieder, und sprach viel mit sich selber. Er war halb erfroren, eh er es merkte. Gegen Abend, als er wieder in die Stadt kam, traf er gerade auf die Schlitten. Kronhelm flog an ihm vorbei; er und Mariane grüsten. Siegwart nahm den Hut trotzig ab, und setzte ihn wieder tief ins Gesicht. Er ging auf eine halbe Stunde zu Gutfried, der sich nicht recht wohl befand. Aber er konnte nicht lang an einem Orte bleiben, und ging wieder nach Haus. Gutfried hatte ihn nach der Schlittenfahrt gefragt; er sagte aber, er wüste nichts davon. Der ganze Abend, und die Nacht war ihm eine der traurigsten und quälendsten. Er machte sich tausend ungeheure Vorstellungen, die, so unwahrscheinlich sie auch waren, seine aufgebrachte leidenschaft für wahr hielt. – Jetzt tanzt sie, dachte er; ist von Stutzern und abgeschmackten Kerls umgeben; denkt an ihren armen Freund, der hier im Stillen um sie traurt, nicht einen Augenblick; reicht vielleicht meinem glücklichern Freund die Hand, blickt ihn liebeschmachtend an! – Gott ich kanns nicht aushalten! Mach ein Ende mit mir! – So quälte er sich über eine Stunde mit den schrecklichsten Gedanken. Endlich lehnte er sich matt in seinen Lehnstuhl zurück und schlief ein. Erst nach drei Stunden, um halb zwölf Uhr wachte er wieder auf. Sein Licht war ausgegangen. Der Mond schien hell ins Zimmer. Er legte sich ins Fenster, sah ihn traurig an, wie er bald hell und klar am Himmel lief, bald wieder hinter leichte Wölkchen sich versteckte, und sie golden machte. Eine unaussprechliche Wehmut überfiel ihn; plötzlich machte er Licht, und schrieb folgendes Gedicht nieder:
An den Mond.
Heiliger, keuscher Mond! Sieh herab auf meine Leiden!
Habe Mitleid, und erbarm dich meiner!
Weinend und todtenbleich sehe ich dich, du Kind des himmels,
Ringe meine Händ', und schmacht in Jammer.
Heiliger, keuscher Mond! Ach, ich lieb', ich lieb' ein Mädchen,
Und sie weis es nicht, dass ich sie liebe!
Heilig und keusch, wie du, Brennt ihr meine ganze Seele,
Alle Heilige und Engel wissens!
Aber Sie weis es nicht! – Gott im Himmel, lass mich sterben,
Wenn du nicht für mich den Engel schufest!
Noch zwei Stunden blieb er auf, und verfiel aufs neu in ängstliche Zweifel wegen seiner Mariane. Er glaubte, er müste Kronhelm noch erwarten; aber endlich ward sein Zimmer zu kalt, und er legte sich zu Bette. Kein Schlaf kam in seine Augen, jede Viertelstunde hörte er schlagen. Seine Phantasie arbeitete fürchterlich. Um vier Uhr hörte er endlich die Haustüre öffnen, und seinen Kronhelm kommen. Ein kalter Schauer lief ihm über seine Glieder. – Gott! – der glückliche! dachte er; hüllte sein Gesicht ins Kissen ein, und weinte. Endlich kam ein kurzer und unruhiger Schlummer. Den andern Morgen, als er ins Kollegium ging, schlief Kronhelm noch; um elf Uhr ging er bei Marianens Haus vorbei. Das Haus war ein Eckhaus; sie sah in die Strasse, durch die Siegwart ging; und als er sich in die andre wendete, sah sie auf der andern Seite auch heraus, ihm nach. Diess bemerkte er nachher immer, und schloss mit Recht viel Gutes draus. Aber heute war ihm alles gleichgültig, und er fühlte nichts, als Gram und Eifersucht wegen des gestrigen Tages. – Zu Haus kam Kronhelm auf sein Zimmer, und tat ganz freundlich. Siegwart konnte' ihn kaum ansehen, so viel quälende und schmerzende Gedanken bemächtigten sich auf Einmal seiner Seele. O Bruderfieng Kronhelm an, gestern waren wir recht frölich! Seit ich hier bin, war mir es nie so wohl. Du hättest auch dabei sein sollen! Ich dachte hundertmal an dich. Die Fischerin hat mich zweimal nach dir gefragt; sie glaubte ganz gewiss, du würdest auch kommen. Du darfst dir recht was drauf zu gut tun, Bruder! Sie lobte dein Violinspielen sehr, und freut sich auf den Mittewoch, wenn du Konzert spielst. – Ich sagt ihr auch, du singest gut. – Das hättest du wohl bleiben lassen können, sagte Siegwart hastig und verwirrt. Es liegt mir viel dran, was die Mädchen von mir denken! Und nun ging er schneller auf und ab. – Immer noch der alte Weiberfeind? sagte Kronhelm. Und nun muss ichs gar entgelten, wenn ich Gutes von dir spreche. Du bist ein wunderlicher Mensch! – Hier brach unserm Siegwart das Herz. Verzeih mir, Bruder! sagte er, ich bin heute in übler Laune. Es war nicht so bös gemeint. Ich weis nicht, das beständige Stubensitzen macht mich ganz hypochondrisch. Es war warlich nicht so bös gemeint! – Bei mir auch nicht, Bruder, sagte Kronhelm, und nahm seinen Freund bei der Hand. Wir sind ja Freunde, und du weist, was ich auf dich halte. Du hättest mir auch schon vieles übel nehmen müssen. Lass die Grillen fahren! Ich weis am besten, dass man nicht immer aufgeräumt ist. Aber ein Wort must du mir erlauben, Xaver! Ich sehe wohl, dass das Stubensitzen dir nicht taugt; du solltest dich zerstreuen! drum wollt ich eben, dass du gestern mit gewesen wärest! Gelt, bei mir hast du