gesehen; das ist eine trefliche Frau, die es selbst nicht weis, wie gut sie ist. Sie ist die Bescheidenheit und Frömmigkeit selbst, und liebt ihre Tochter über alles. Man könnte sie für übertrieben fromm halten, aber bei ihr kommt alles aus gutem Herzen.
Siegwart legte sich voll froher Vorstellungen schlafen. Das Versprechen Kronhelms, ihn mit Marianen genauer bekannt zu machen, gab ihm tausend glänzende Aussichten. Er sah eine wonnevolle Zukunft vor sich, und machte tausend Plane von Glückseligkeit. Zwei- oder dreimal ging er unter allerlei Vorwand zu Gutfried, um sie oft zu sehen, und sie stand oft eine Viertelstunde lang am Fenster, und blickte oft herüber. In der Kirche sah er sie auch wieder, und erhöhte seine Andacht durch die ihrige.
Den nächsten Mittewoch eilte er wieder ins Konzert. Sie sang bald zu Anfang eine Arie; er stellte sich, fern von ihr, in die andere Ecke des Saals, um unbemerkt ihren Engelston zu hören. Seine ganze Seele war ausser sich, sobald sie anstimmte. Eine solche Empfindung hatte er in seinem Leben nicht gehabt. Ich kann sie nicht beschreiben. Mitten in dem schmelzenden Gesang machte ihr Bruder, der ihr auf dem Flügel akkompagnirte, solche Fehler im Spielen, dass sie plötzlich abbrach, vom Pult wegging, und sich unwillig auf ihren Stuhl niedersetzte. Unserm Siegwart war es, als ob er aus dem hellsten Sonnenschein mit Einemmal in die tiefste schauervollste Gruft herabstürzte. Der Bruder sprang hastig auf, lief zu ihr hin, verzerrte sein Gesicht, und machte ihr die kränkendsten Vorwürfe. Sie ward rot, und unwillig. Noch nie hatte sie unserm Siegwart so gefallen; auf den Bruder warf er einen blick voll Verachtung, und hätt ihn in dem Augenblick vor die Stirne schlagen können. Endlich kam der Hofrat und seine Frau, und besänftigten den Bruder; aber Mariane liess sich nicht mehr bewegen, fort zu singen. Sie sass, immer noch rot im Gesicht, mit hingesenktem blick da, und konnte die Zähren des Unwillens kaum zurück halten. Hierauf spielten Kronhelm, Dahlmund, und ein paar andre, noch Konzerte. Siegwart hieng mit schmachtendem blick an Marianens niedergeschlagenen Augen. Der Verdruss und Schmerz, der aus ihren Mienen blickte, drang ihm durch die Seele, und lockte ihm auch Tränen in die Augen.
Bei Endigung des Konzerts ward unserm Siegwart auf den künftigen Mittewoch ein Violinkonzert aufgetragen; er übernahm es, ob ihm gleich bange war, sich vor Marianen hören zu lassen. heute hatte er auf Gutfrieds Betragen sorgfältig Acht gegeben. Er hatte seine Blicke wohl bemerkt, wie sie schmachtend an ihr hiengen, aber Mariane sah ihn nur Ein- oder Zweimal, und dabei ziemlich gleichgültig an. Noch einen andern Menschen, der schon in den dreissigen zu sein schien, und den man Rat nannte, sah er oft, und zärtlich nach ihr blicken; aber diesen schien sie noch weniger zu bemerken. Dagegen ward er wegen seines Kronhelms unruhiger, mit dem sie vor dem Weggehen wieder, und, wie er glaubte, sehr vertraulich, sprach. Auch war ihm kein blick entgangen, den sie auf ihn richtete; und, als er sein Konzert ausgespielt hatte, bemerkte er genau, wie sie ihm Beifall zuklatschte. Er kämpfte zwar lang gegen sich selbst, ihr und seinem Freunde nicht Unrecht zu tun, zumal da er von dem letzten so gewiss überzeugt war, dass seine Seele nur allein an Teresen hange. Er machte sich selbst Vorwürfe, dass er gegen seinen liebsten Freund nur der geringsten Argwohn hegen, und nur einen Augenblick unzufrieden auf ihn sein konnte; aber seine Empfindung liess sich nicht unterdrücken; sie widersetzte sich seiner Vernunft und überzeugung, und beunruhigte ihn sehr. Wenigstens, dachte er, kann doch Mariane etwas für ihn fühlen, wenn gleich er nichts für sie fühlt.
Zu haus sprachen er und Kronhelm noch über das Konzert. Kronhelm schimpfte sehr auf Marianens Bruder, und bestätigte alles das, was Gutfried schon von ihm unserm Siegwart erzählt hatte. Das Mitleiden, das Kronhelm mit Marianens Schicksal hatte, und das Lob auf sie, in das er aufs Neue ausbrach, machte unsern Siegwart noch unruhiger. Er mochte sich selber dagegen sagen, was er wollte, so liess sich doch sein Herz nicht überreden, billiger zu denken. Er fühlte anders, als er glaubte. Am Sonntag drauf ging Kronhelm mit ihm in die Kirche. Auch das kam ihm verdächtig vor. Aber Mariane kam diessmal nicht. Halb war ihms lieb, halb schmerzlich. Den Montag drauf ward eine Schlittenfahrt angestellt, und nach dieser ein Ball. Kronhelm sagte zu Siegwart: Du must auch mit machen, Xaver. Wenn du willst, so will ich bei des Regierungsrats, Oswalds Tochter für dich anhalten. Sie ist eine Freundin von Marianen. Ich muss die Fischerin fahren; ich hab ihrs schon im Herbst zugesagt. – Ein neuer Donnerschlag für den liebekranken, schon halb eifersüchtigen Siegwart. Nun ward er es ganz. Nichts war im stand, ihn zu überreden, die Schlittenfahrt mitzumachen. Kronhelm drang lang in ihn, aber endlich liess er nach. Die Schlitten fuhren bei seinem Haus vorbei. Er sah hinaus. Kronhelm lachte freundlich zu ihm herauf. Mariane sich auch herauf, und grüste freundlich. Aber diessmal rührte ihn ihr Gruss nicht; er schlug das Fenster zu, zog sich an, und lief aufs Feld hinaus. Hier irrte er lang im hohen Schnee herum;