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erstemal so verächtlich begegnet hatte, noch gute Worte deswegen zu geben; teils war er auch, wenn die Liebe diesen Stolz noch überwunden hätte, viel zu schüchtern in der Liebe, und hätte tausendmal gefürchtet, die Absicht, warum er ins Koncert zu kommen wünschte, möchte verraten werden. Auch Gutfrieds Liebe zu Marianen machte ihn äusserst unruhig, obwohl Gutfried bei ihr nicht glücklich zu sein schien. Aber eben dieses erregte bei ihm auch die Besorgnis, es könnte ihm eben so gehen. – Auf der andern Seite freute ihn das viele Gute, was er von Marianens denkart gehört hatte, ausserordentlich, und fesselte seine ganze Seele nur noch mehr an sie. Von allen diesen verschiednen Empfindungen ward sein Herz immer mehr zerrissen, und die schmerzhafte Wunde immer tiefer, so dass er in eine dunkele und verdriessliche Melancholie verfiel, die ihm oft die ganze Welt, und sich selbst zuwider machte. – In andern Stunden machte er wieder Entwürfe auf Entwürfe, und baute ein Luftschloss nach dem andern auf.

Gegen das Ende der Woche erhielt er einen Brief von P. Philipp. Der rechtschaffene Mann fragte ihn darin unter andern nach seinen teologischen Studien, ob er noch Geschmack daran finde, und sich gewissenhaft aufs Kloster vorbereite? Diese Frage gab unserm Siegwart einen Stich durchs Herz. Seit dem Anfang seiner Liebe hatte er zwar seine teologische Kollegia immer fleissig besucht, aber zu haus hatte er sich weniger mit den Wissenschaften, und besonders den teologischen abgegeben. Das Andenken an sein Mädchen beschäftigte ihn allein. Er dachte ungern ans Kloster, und entfernte den Gedanken von sich, so bald er sich ihm aufdringen wollte. Jetzt ward er so unvorbereitet dran erinnert, dass er davor zurückschauerte. Sein voriger Entusiasmus für das Kloster; die Gelübde, die er so oft bei sich selbst Gott getan hatte, dahin zu gehen; P. Anton; sein Vateralles fiel ihm auf Einmal ein, und bestürmte sein Herz. – Gott! in welchem Irrgang bin ich! dachte er. Was fang ich an? Was unternehm ich? Dir ungetreu? Dir, dem ich mich widmete? Und die Welt soll mich fesseln? Die Welt, die ich schon so verachtete? – Gott! Gott! – Nein, ich muss es halten, mein Gelübde! Muss ins Kloster! – Mariane! Mariane! (indem er umher ging, und die hände rang) Welt! Welt! Dich verlassen! Dich und alles! Dich und Marianen! – So dachte er wild und stürmisch hin und her; fühlte sich von allem losgerissen; wuste nicht, woran er sich halten sollte? – Bald betete er, widmete sich ganz Gott; bat ihn um Vergebung, dass er ihm so lang sein Herz entzogen habe! – Bald war seine ganze Seele wieder bei Marianen, hieng an ihrem blick, und fühlte es, dass nichts auf der Welt im stand sei, sie von ihr loszureissen. – P. Philipps Brief schloss er ein, damit er ihm nicht zu gesicht kommen möchte; er wollte nicht dran denken, und dachte doch immer dran. Es graute ihm schon von fern vor der Beantwortung des Briefes; aber auch daran mochte er noch nicht denken. So tief wehmütig, wie jetzt, war er vorher noch nie gewesen. Alle Schwierigkeiten, die sich seiner Liebe hätten widersetzen können, waren ihm leicht vorgekommen; aber diese letzte, gegen die er sich bisher immer eingeschläfert hatte, schien ihm jetzt unüberwindlich. Er wuste wohl, dass er, um seines Vaters willen, nicht schlechterdings gezwungen sei, ins Kloster zu gehen; aber die Verpflichtung, die er Gott schuldig zu sein glaubte, erschreckte ihn. Er glaubte eine Untreue an ihm zu begehen, wenn er die Welt der Zelle vorzöge. – Einigemal beschloss er fest, alle gelegenheit, Marianen zu sehen, zu vermeiden, und so wenig, als möglich, an sie zu denken. – Nur noch Einmal, dachte er dann wieder, muss ich mich an ihrem Anblick weiden, und auf ewig von ihr Abschied nehmen. Nur noch Einmal will ich in die Kirche! – In andern Stunden dachte' er wieder: Sehen kann ich sie doch wohl; das ist keine Sünde; nur nie sprechen muss ich sie, und den Gedanken aus der Seele bannen, mich um ihre Liebe zu bewerben, oder auch nur sie zu wünschen. – Nun ward er ruhig, und glaubte, einen herrlichen Ausweg gefunden zu haben; aber, wie wenig kannte er sich selbst! Kaum sah er Marianen am Sonntag wieder, so waren alle seine Entschlüsse umgestossen, und er dachte nichts, als sie. – Ich kann, ich kann nicht anders! dachte er; Gott vergeb mir es! Ich bin nicht mein eigner Herr mehr! – Die Antwort an P. Philipp machte ihm bei seiner zarten Gewissenhaftigkeit wieder neuen Kummer. Er wollte ihm nicht schreiben, dass er noch eben so eifrig und entusiastisch ans Klostergehen denke, wie vor zeiten; und noch weniger konnte er ihm seine Abneigung davon, und die Ursache dieser Abneigung melden. Er schrieb also etwas zweideutig: Die Teologie gefall ihm wohl, aber er höre jetzt noch mehr philosophische Kollegia, als teologische; und das war auch im grund wahr. Jetzt vergass er wieder alles, und ward, von dieser Seite, ruhig.

Die Woche drauf kam des Hofrat Fischers Bedienter zu Kronhelm, als Siegwart eben bei ihm auf dem Zimmer war