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Standhaftigkeit, und ist bei all ihrem sanften Weiberwesen doch ein halber Mann. Könnt ich sie auf meine Seite bringen, ich wollts den Kerls schon sagen! Aber .... und hier seufzte Gutfried, und ging auf die Seite. – Es wird Essenszeit sein, sagte Siegwart. Gutfried sah auf der Uhr nach, und sie gingen mit einander auf Kronhelms Zimmer.

Beim Essen wurde Siegwart durch allerlei andre gespräche etwas zerstreut, und von dem Gedanken an seine Mariane abgezogen; aber oft stralte das Bild von ihr wieder, wie ein Blitz, in seine Seele, und machte ihn verwirrt, und wehmütig.

Sie waren zum Herrn von Dahlmund gebeten, und blieben den Nachmittag und Abend bei ihm. Dieses war ein junger Edelmann von vielen Kenntnissen, der, während seines Aufentalts in Augspurg viel mit dem jungen Buchhändler umgegangen war, der unserm Siegwart und Kronhelm die Bücher zugeschickt hatte. Durch seinen Umgang, und in seinem Laden war er mit unsern besten protestantischen Schriftstellern, und besonders Dichtern bekannt geworden, und hatte auch die meisten mit nach Ingolstadt gebracht. Als er bei Gutfried von Kronhelm und Siegwart, und ihrer Liebe zu den schönen Wissenschaften hörte, so war er nach ihrer Bekanntschaft sehr begierig; denn sie waren unter den Studenten die einzigen, die in diesem Stükke aufgeklärt dachten. Alle andre Studenten waren roh und unwissend, und gröstenteils im tiefsten Aberglauben versunken, worinn die meisten Professors, und die Jesuiten am vorzüglichsten, sie zu erhalten sich bestrebten. Er hatte viele Bücher, die Siegwart und Kronhelm nicht hatten. Also konnten sie hierinn einander aushelfen. Er hatte auch sonst so viel Gutes an sich, und war so gesittet und tugendhast, dass unsre vier Jünglinge sehr bald Freunde wurden, und eine wöchentliche Zusammenkunft ausmachten, wovon hauptsächlich die schönen Wissenschaften der Gegenstand waren. Sein Zimmer lag sehr angenehm, gegen die Donau hinaus. Er bewirtete seine Gesellschaft diessmal mit Wein, der unsre Jünglinge ziemlich lustig und offenherzig machte. Siegwarts erhitzte Einbildungskraft brachte ihn mit der grössten Lebhaftigkeit zu seiner Mariane. Die Tränen standen ihm oft in den Augen. Als Gutfried anfieng, mit Entusiasmus sie zu loben, muste er weggehn, um seine Bewegung zu verbergen. Er legte sich ins Fenster, und übersah die Donau, die im hellen Mondschein dahinrollte. Das mannigfaltige Spiel der Wellen, die da, wo sie auf den Kieseln hüpften, lauter goldne Sternchen bildeten, erhitzte seine Einbildungskraft, und brachte tausenderlei Vorstellungen hervor, die sich alle auf Marianen bezogen. Kronhelm kam zu ihm; schlang seinen Arm um seinen Arm, sah wehmütig mit ihm hinaus, und küste ihn ein paarmal mit nassen und betränten Wangen. Siegwarts Zähren flossen auch. Ach Bruder, sagte Kronhelm, weist, an wen ich denke? – Was mag jetzt unsre Terese machen? Denkt sie wohl jetzt auch an dich und mich? – Ja, sie denkt noch oft an dich, sagte Siegwart; sie kann dich nicht vergessen! Du bist ihr zu tief ins Herz gegraben. Ich hoffe, dass du noch mit ihr glücklich werden wirst. Trage nur Geduld! Ohne hoffnung und Geduld müsten wir vergehen. – Hier stürzten ihm die Tränen häufiger von den Augen. Er sah seinen Kronhelm ein paarmal mit unaussprechlicher Zärtlichkeit an. Es war ihm, als ob er diessmal reden, und sein Herz ausschütten müste. Aber Furchtsamkeit hielt ihn immer wieder wie eine geheime, unsichtbare Gewalt zurück. Gutfried und Dahlmund kamen, und riefen sie wieder zum Trinken. – Wir wollen eins singen! sagte Dahlmund, und fing das Lied von Kleist an: Freund, versäume nicht zu leben etc. Endlich sangen sie auch das Studentenlied: Was den Musen soll gefallen etc. das sich schliest: Vivat deine – – hoch! wo zwischen den zwei letzten Worten jeder den Namen eines Mädchens singen muss. Dahlmund sang: Elise; Kronhelm: Terese; und Gutfried: Mariane. Nun kam die Reihe auch an Siegwart. Er stunde an, und wuste nicht, welchen Namen er singen sollte? Er entschuldigte sich, er habe ja kein Mädchen. – Ei, du must eins haben, sagte Kronhelm, du bist ja unaufhörlich traurig. Siegwart errötete, und wollte sich entschuldigen. – Nun, schon gut! versetzte Kronhelm, wir wissens ja! Sing, was du willst: Susanne, oder Kunigunde! Siegwart sang: Susanne! – Diese Rede Kronhelms machte unsern Siegwart noch furchtsamer und zurückhaltender. Beim Nachhausegehen begleiteten sie Gutfried, und gingen also bei des Hofrat Fischers Haus vorbei, wo noch Licht war. Siegwart blickte mit banger sehnsucht hinauf, und hörte Marianen Klavier spielen und singen. Er wäre so gern stehen geblieben, und hätte dem Gesang zugehört, aber seine Schüchternheit erlaubte ihm nicht, seinen Kronhelm den Vorschlag zu tun. Er ging also schweres Herzens mit ihm nach Haus.

Den andern Tag konnte er erst über alle das nachdenken, was er den Tag vorher gehört hatte. Der Umstand, dass Mariane des Hofrat Fischers Tochter war, machte ihn sehr traurig; denn da er aus eigener Erfahrung, den stolzen charakter dieses Mannes kannte, so sah er alle Schwierigkeiten voraus, die er haben würde, Marianen kennen zu lernen; und doch war ihm der Gedanke unerträglich, sie, die Vollkommenste, die sein Herz so sehr liebte, nie zu sprechen. Ins Konzert sah er auch keine gelegenheit, zu kommen; er war teils zu stolz, dem Mann, der ihn das