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Fenster stand, und ihre Kirchenkleider auszog. Sie warf einen blick herüber, und ging weg, indem sie die beiden Jünglinge erblickte. Siegwart zitterte, ward feuerrot, und konnte kein Wort sprechen. Nun wards ihm erst auf Einmal wichtig, und ein Stachel im Herzen, was er schon so lang gewust hatte, dass sein Freund des Hofrats Tochter liebe. Er ging einigemal im Zimmer auf und ab, wollte gern noch mehr von ihr erfahren, und hielt hundertmal die Frage, die ihm schon auf der Zunge lag, wieder zurück. Endlich stiess er hastig und erschrocken die Frage heraus: Es ist wohl ein gutes Mädchen, die Fischerin? und lehnte sich ans Fenster, damit sein Freund sein Gesicht nicht sehen möchte, denn es glühte. – O, sie ist ein ausserordentliches Frauenzimmer, sagte Gutfried, zu deren Lob man eigentlich nichts sagen sollte, weil man doch immer nur zu wenig sagt, und ich kanns am wenigsten. Ich kenne sie nun über zwei Jahre, und jeden Tag wird sie artiger und schöner. Sie hat das Herz eines Engels, das ist alles, was ich sagen kann. – Beide schwiegen nun wieder eine Zeitlang, und sahn aus dem Fenster. Sie kam wieder in ihr Zimmer, weiss gekleidet mit rosenroten Bändern, stellte sich ans Fenster, und sah ein paarmal herüber. Dann ging sie an ihr Klavier, und spielte. Alles, was Siegwart hören konnte, war bezaubernd schön. Er glaubte im Paradies zu sein, und Harmonien der Engel anzuhören. – Sie spielt ja himmlisch! sagte Siegwart. – O, bei Nacht sollten Sies erst hören, versetzte Gutfried, wenn alles still ist; da weis man nicht mehr, ob man im Himmel, oder auf der Welt ist? – Zumal, wenn sie singt. Das ist ein Silberton! Ein ... ein ... Ach, man kanns nicht sagen! – Sie singt auch zuweilen im Konzert, da können Sie sie hören. – Wo? fragte Siegwart hastig. – In ihrem haus, war die Antwort. – Ihr Vater hat im Winter alle Wochen Konzert, es wird nun bald wieder anfangen. – Kann man da auch drein gehen? fragte Siegwart. O ja, antwortete Gutfried, wenn man nur den Hofrat drum ersucht; zumal wenn man selbst zuweilen mitspielt. Kronhelm und ich gehen auch drein. – Aber der Hofrat ist so ein stolzer Mann, erwiderte Siegwart. – Je nu, das muss man übersehn! versetzte Gutfried. –

Und nun hörten sie dem Spiel Marianensso hiess die Fischerinwieder zu, und schwammen beide in überirdischem Entzücken, und wollustreicher Wehmut. Mariane trat wieder ans Fenster; die beiden zärtlichen Liebhaber traten zurück, um sie nicht zu beleidigen, und blickten nur halb durch die Vorhänge durch. Marianens Bruder kam nun auch ans Fenster. Der schlägt seinem Vater nach, sagte Gutfried, und übertrift ihn nur ein Gutes an Stolz und Hochmut. Der Mensch ist so in sich vernarrt, als ich noch nicht leicht einen gesehen habe. Auf sein rundes, aufgedunsenes Gesicht tut er sich unendlich viel zu gut. Er bildet sich ein, er sei ein grosser Violinspieler, und auf der Flöte gar ein Virtuose, und doch ist er auf beiden Instrumenten kaum mittelmässig. Dabei ist er noch auf eine schändliche Art filzig. Was ich ihm aber am wenigsten vergeben kann, ist, dass er seiner Schwester allen möglichen Verdruss antut. Immer neckt er sie und plagt sie. Ich habs schon hundertmal von hier mit angesehn Einmal hat er, mit hülfe seines Bruders, seinen Vater schon so weit gebracht, dass das Mädchen ins Kloster sollte, aber sie wehrte sich ritterlich, und ward von ihrer Mutter, die eine trefliche Frau ist, unterstützt. – Sehen Sie, da kommt die Mutter eben auch. – dachte ichs nicht? Da fängt er schon wieder einen Zank mit seiner Schwester an. Der verteufelte Kerl! – Aber warum gehen Sie denn mit ihm um? Ich traf ihn ja schon ein paarmal bei Ihnen an, sagte Siegwart. – Gutfried zuckte die Achseln. Was muss man nicht alles in der Welt tun, wenn man Absichten erreichen will? Es ist hundssütisch genug, dass man sich mit solchen Kerls abgeben und ihrer Gnade leben muss! – Siegwart merkte wohl, wo das hinaus wollte, und suchte das Gespräch abzulenken. – Und wo ist denn der andre Bruder? sagte er. – Hier in Ingolstadt, versetzte Gutfried; dort droben wohnt er, an der Ecke. Er ist bei einem Kollegio so viel, als Sekretair, und an sich so toll nicht, wie sein Bruder; aber dafür hat er ein Weib, von dem er sich regieren läst; und das Weib ist nicht einen heller wert; ein bigottes Ding, das immer fromm sein will, und es meiner Seel! nicht ist. Da ist sie immer hinter den Hofrat drein, und will, er soll seine Tochter ins Kloster stekken, und ist doch selbst nicht drein gegangen. Der verfluchte Aberglauben mit dem Kloster! Es ist, auf meine Ehre! nur auf das Geld angesehen, das Mariane kriegen soll; das möchten die seinen Herren Brüder teilen. O, ich hab so viel Mitleid mit dem armen Mädchen, dass ich oft toll werden möchte. Sie steht erstaunlich viel aus; mich wundert nur, wie sies aushalten kann! Aber sie hat ausserordentlich viel