dass man seine Absicht merken würde. Er war Kronhelm, sich selbst, und der ganzen Welt böse, dass er zu spat gekommen war. Es war ihm unmöglichlang da zu bleiben. Nach etlichen Minuten eilte er wieder weg, und der Strasse zu, wo ihr Haus war, aber er sah sie nicht mehr. Er wollte nach haus; aber vor der tür fiel ihm wieder ein, Kronhelm würde aus seiner plötzlichen Zurückkunst etwas folgern. Er ging also wieder weg, rannte noch einige Strassen durch, und wuste nicht, wo er bleiben sollte? Endlich ging er aus einem Tor; rannte weit ins Feld hinaus, ohne die natur um sich her zu bemerken, und kam nach einer Stunde wieder nach Haus zurück. Gutfried war schon bei Kronhelm auf dem Zimmer. Sie lasen mit einander Lessings Sara, die ein junger Herr von Dahlmund an Gutfried geliehen hatte. Da haben wir was herrliches, sagte Kronhelm zu Siegwart; sieh einmal! Lessings vermischte Schriften. Das ist gut! sagte Siegwart ganz zerstreut. Ich hab eben angefangen zu lesen, fiel Gutfried ein; es ist Miss Sara Sampson. Ich kann ihnen mit ein paar Worten sagen, was vorherging; wenn sie wollen, les ich weiter. – Ganz wohl, antwortete Siegwart; setzte sich in eine Ecke des Fensters, und stützte die Hand an den Kopf. Er hörte fast nichts, und war mit seinen Gedanken weit weg; nur, wenn die andern eine Stelle lobten, sagte er auch: das ist vortreflich! ohne zu wissen, wovon die Rede war; nach dem Essen lasen sie weiter fort, und als das Stück geendigt war, sagten sie einander ihre Meinung drüber. Als Siegwart die seinige auch sagen wollte, so wuste er gar nichts, oder urteilte ganz verkehrt. – Wo waren sie denn mit ihren Gedanken? fragte Gutfried. Ich weis nicht, was ihm fehlt? fiel ihm Kronhelm ein. Er ist eine Zeit her ganz zerstreut. Siegwart wurde feuerrot drüber, und sah nach dem Fenster. – Den ganzen Tag war er ausserordentlich traurig und verdriesslich.
Die folgende Woche floss ihm wieder unter Tränen, Seufzern und schwärmerischen Träumereien hin. Kronhelm merkte die Veränderung, die in seinem ganzen Wesen vorging; er spielte oft drauf an; aber doch nahm er sich Acht, weiter deswegen in ihn zu dringen, teils, weil er merkte, dass ihm Siegwart auf alle mögliche Art auswich, teils, weil er selbst eine unglückliche Liebe mutmaste, und aus seiner eigenen Erfahrung wuste, wie hart es einem ankomme, seine leidenschaft einem andern, auch seinem besten Freunde zu entdecken. – Der Sonntag, den sich Siegwart so sehnlich herbeigewünscht hatte, kam endlich wieder. Er eilte, noch vor sieben Uhr, auf den Flügeln der Liebe, nach der Kirche. Sein Mädchen war schon da, schön und heiter, wie ein Engel Gottes. Siegwart sass gegenüber, und zerfloss fast vor Wonne in dem Anblick ihrer Schönheit. So genau hatte er sie noch nie betrachtet. Er sah erst jetzt den ganzen Glanz ihrer unaussprechlichen Anmut; ihr grosses, kastanienbraunes, mit Feuer und edelm Stolz belebtes Auge, über dem sich die schwarzen Augenbraunen majestätisch wölbten; die hohe, offne, heitre Stirne; die so regelmässig gebildete Nase; den sanftesten, anmutsvollsten Mund; die frischroten glänzenden Lippen; das runde, weisse, weiche Kinn, von dem sich zwo zarte blaue Adern nach dem weissesten und schönsten Hals hinabschlängelten; das lieblichste Farbengemisch von Weiss und Rot auf den zarten Wangen; und die nicht zu beschreibende Uebereinstimmung aller dieser Züge; und die himmlische Anmut, die über das Ganze ausgegossen war, und die die Schönheit erst zur Schönheit macht; und das, nicht künstlich, aber schön aufgetürmte blonde Haar; und das Ebenmaass der Glieder, und den schlanken hohen Wuchs, und alles, alles, was man sich von einer regelmässigen und belebten Schönheit denken kann. Hiezu kam die Andacht, die jede Schönheit noch verschönert, und die offene Freundlichkeit, mit der sie jeden, der bei ihrem Stuhl vorbeiging, grüste. Ihre Kleidung war geschmackvoll, regelmässig, schön, und doch nicht prächtig. In ihren Haaren steckten Blumen, die Vergissmeinnichtchen vorstellten; ihr Busen war mit Sittsamkeit verschleiert; ihr Gewand von himmelblauer Seide. Sie sah unsern ausser sich gebrachten Siegwart zu verschiednenmalen, und schlug die Augen nieder, wenn er es merkte. Er ward traurig, sobald sie eine Zeitlang nicht nach ihm blickte, und wandte doch sein Auge von ihr weg, sobald sie's tat. Er machte traurige Gebärden, in der Absicht, dass sies merken, und Mitleid mit ihm haben sollte. Als sie wegging, ging er auch, und folgte ihr, ungefähr 20 oder 30 Schritt weit, hinter ihr nach. Sie ging in des Hofrat Fischers Haus. Er erschrack drüber. Gott! wenn der Hofrat ihr Vater ist, dachte er, so ist mein Unglück vollkommen. Wenn der stolze Mann ihr Vater ist, was fang ich an? – Er ging zu Gutfried, der, wie schon gesagt, dem Hofrat gegenüber wohnte, und eben aus dem Fenster sah, und ihn hinaufrief. Gutfried, der die Fischerin auch liebte, blieb im Fenster liegen, als Siegwart auf das Zimmer kam, und rief ihn, um neben ihm hinaus zu sehen. – Das ist die Fischerin, sagte er, und seufzte, indem sie eben in der stube nah am