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zu versäumen, ob er gleich nicht die geringste hoffnung hatte, sie zu sprechen, oder nur zu sehen. – Was mag sie jetzt machen? dachte er beständig. Jetzt wird der Engel wohl beten; jetzt wird er vor Gott knien u.s.w. möchte ich sie nur einen Augenblick erblicken! Möchte sie nur einen Augenblick an mich denken! Aber, ach, wie kann sie das? Wer weis, ob sie mich bemerkt hat? Vielleicht ist ein andrer bei ihr! Solche und ähnliche Vorstellungen stürzten ihn in die tiefste Traurigkeit, aus der ihn fast nichts herausreissen konnte. Auf dem dorf hatten sie wenig Vergnügen, und konnten nicht einmal zusammen sprechen, denn die vielen andern Studenten, die da waren, machten mit Gesang und Zank beim Spiel einen solchen Lerm, dass man kaum sein eigenes Wort verstand. Gegen Abend ritten sie in der Dämmerung wieder zurück. Alle drei Liebende waren jetzt noch wehmütiger; jeder dachte sich zu seinem Mädchen hin. Als sie gegen die Stadt hin ritten, begegnete ihnen ein Scharfrichter, der auf seinem Karren das ertrunkne Mädchen fuhr. Der Unglücklichliebende, sagte Kronhelm, der sich mit der ganzen Schwere seines Jammers beladen, selber in die Grube stürzt, hat also einerlei Schicksal mit dem Bösewicht, der sich im Kerker umbringt, um dem Galgen zu entgehen; oder mit dem Betrüger, der, weil er seinen Gläubigern nicht mehr entgehen kann, sich dem Tod in den Rachen wirst? Wie wenig sehen doch die meisten bürgerlichen gesetz auf das Moralische an einer Handlung! Lass sie ruhen! sagte Siegwart; ihr ist es einerlei, wo ihr Körper liegt. – Das wohl! antwortete Kronhelm; aber das Unglück verdiente doch eine bessere Behandlung, als die Bosheit!

Sie hielten nun noch zu Haus ein kleines Koncert, das, weil alle gleich traurig gestimmt waren, gröstenteils aus wehmütigen Trios bestand. Nachdem Siegwart sich den ganzen Abend nach dem Koncert mit dem Gedanken an seine himmlische Unbekannte beschäftiget hatte, so wünschte er nichts mehr, als von ihr zu träumen, und sie wenigstens im Traum zu sehen. Aber diese Wohltat ward ihm nicht zu teil. Er wünschte sie sich so oft, und immer umsonst. Zu lebhafte und gegenwärtige Vorstellungen kommen selten im Traume wieder; sie müssen mehrenteils erst mit dem Flor der Vergangenheit umzogen sein.

Als Siegwart ein paar Tage drauf des Nachmittags um drei Uhr aus dem Kollegio ging, da sah er, etliche Häuser vor ihm, sein geliebtes Mädchen gehen. Das Herz schlug ihm, und er eilte, was er konnte. Sie ging in ein gutgebautes Haus hinein. Wer wohnt hier? sagte er in der Verwirrung zu einem kleinen zwölfjährigen Mädchen, und erschrack gleich selbst wieder über seine Frage. Es wohnt ein reicher Herr da, sagte das Mädchen; man nennt ihn nur Herr Spiegel. Jetzt wuste er so viel, wie vorhin, und wagte es doch nicht, sonst jemand um den Herrn Spiegel zu fragen; weil er fürchtete, jeder werde sogleich die Absicht seiner Frage mutmassen. Er ging alle Tage zwei- oder dreimal bei dem haus vorbei; sah aber seine Holde nie am Fenster. Die ganze Woche verfloss ihm unter Seufzern nach dem Sonntag, weil er da gewiss wieder sein liebes Mädchen in der Kirche zu sehen hoffte. Viele Stunden, ja halbe Tage lang besprach er sich in Gedanken mit ihr, klagte ihr seine Leiden vor, und liess sie zärtlich wieder antworten. Er sann ganze Romanen aus, und dachte sich in Lagen hinein, in denen sie notwendig sein werden muste. Oft wünschte er sie in Lebensgefahr; dass Feuer in ihrem haus auskommen möchte, und er sie befreien könnte. Er dachte sie in Wassergefahr, rettete sie, und nun gab sie ihm zur Dankbarkeit ihre Hand. Aufs lebhafteste fühlte er die Wonne, mit der er sie an sein Herz drückte; den blick der Dankbarkeit und Liebe, den sie auf ihn warf; dann eilte er zu ihrem Vater, zeigte ihm die befreite Tochter, und ward ihr Bräutigam. Nur ein Liebender, wie unser Siegwart, kann sich die schwärmerischen und zärtlichen gespräche denken, die dann seine Seele mit ihr führte. – Aber Seufzer, und Bangigkeit, und Tränen waren immer das Ende dieser süssen Träumereien. –

Den nächsten Sonntag kam er erst um neun Uhr in die Kirche. Sein Kronhelm war zu ihm aufs Zimmer gekommen, um von Teresen zu sprechen; und wenn er von ihr anfieng, so konnte er nicht aufhören. Siegwart war mit seiner Seele abwesend, und antwortete verwirrt, aber Kronhelm merkte es nicht. Ein paarmal sah er auf die Uhr. Jede Minute ward ihm zu einer Stunde. Diess war das erstemal, dass ihm sein Freund zur Last fiel; aber er liess sich doch vorsetzlich nicht das geringste merken. Endlich ging Kronhelm. Siegwart eilte, was er konnte, und kam ganz atemlos vor die Kirche. Als die tür aufging kam eben sein Mädchen mit der Frau, die er für ihre Mutter hielt, ihm entgegen. Er war, wie vom Donner gerührt. Sein Gesicht glühte. Er ging schnell an ihr vorbei, und machte in der Angst kaum eine Verbeugung. Sie grüste ihn freundlich. Er eilte, ohne sich seiner bewusst zu sein, nach dem nächsten Stuhl, und sah sich um. In dem Augenblick ging die tür zu. Sein Herz klopfte laut. Er wollte wieder umkehren; besann sich aber plötzlich,