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gar 'n Papier im Buch. – 's ist g'schriebenKann nicht G'schriebnes lesen. Da, Herr! (zu Siegwart) lesets Ihr! – Siegwart las den Brief, der sehr unleserlich und unrichtig geschrieben war. Hier ist er in deutlicherer Schreibart; sonst ist er unverändert. –

† †

HS.

Du hast mir es arg gemacht, Joseph. Hast mir die Eh' versprochen im Namen der heiligen Jungfrau, und nimmst nun ein anders Mädel. Ich weis mir nicht mehr zu helfen; muss mir selber was zu Leid tun. Gott verzeih mir es! mit dem ichs redlich gemeint hab mein Lebetag. Ich wollt mir schon einmal die Kehle abschneiden, aber das war mir zu grausig. In der Donau haben schon viel ihr Grab gefunden; ich werds auch finden. Gib Acht, wenn du mich siehst, dass ich mich nicht noch einmal umdreh, und dir den Ring zeig, den ich von dir am Finger trag zum Trauring. Lieber Gott! Ein rechter Trauring! Das hat mir noch am wehesten getan, dass du mein noch spottest, und letztin des Abends bei meinem Haus vorbeigingst mit deinem Mädel. Ich dachte, ich müst dich umbringen! Aber das Leben wird dir doch nicht hell werden, weil dus so gemacht hast mit mir. – Lieber Gott! ich war dir so herzlich gut, und hätt gern mein Leben für dich hingegeben! Und du sagtest mir so oft, du meinest's treu; Nun hast du auf den Montag Hochzeit. Hör, Joseph! auf den Sonntag spring ich ins wasser. Es kann nicht anders sein, Joseph! Aber gib Acht! Ich lade dich ins Tal Josaphat auf den ersten Tag im neuen Jahr. So lange hast du noch Zeit zur Busse. Bedenks, Joseph, und bekehre dich! Ich wollte nicht, dass du ins Fegfeuer, und von dar in die Hölle kämest; denn ich hab dich noch lieb, aber in diesem Leben kann ich dir nicht mehr gut sein. Mir ist es schauerhast zu Mut! Jesus und Maria mag sich mein erbarmen! Aber länger leben kann ich nicht. denke an den ersten Tag im Jahr! Hab Acht, und bekehre dich!

† †

HS.

Das ist meiner Seel recht herzbrechend, sagte der

Fischer, und wischte sich die Augen. Der Joseph möchte ich nicht sein um tausend Gulden! Ich denke, ich steck ihr den Ring wieder an Finger. Ich mag ihn nicht, weils ein Trauring ist, der ist heilig. – Hierauf steckte er dem Mädchen den Ring wieder an den Finger.

Kronhelm und Siegwart gingen schweigend und traurig weg. – So ein Tod ist doch der schrecklichste, sagte Siegwart; Gott sei dem armen Mädchen gnädig! – Sie gingen nun wieder der Stadt und ihrem haus zu. Siegwart konnte lang das Bild des Mädchens nicht aus seinem Herzen bringen, und dafür das Bild seines Mädchens drein zurückrufen. Endlich war er wieder ganz bei ihr, und versetzte sich ganz in die Kirche. Als er zu haus angekommen war, ging er auf sein Zimmer, übersah die ganze Scene in der Kirche wieder, betete zu Gott um sein Mädchen, sprach oft laut, und warf endlich diese Verse, die mehr Gebet sind, als Gedicht, aufs Papier hin.

Sieh, o Gott der Liebe!

Wie ein armes Herz, das du erschufest,

Aus der Tiefe seiner Leiden

Sich zu dir hinausschwingt!

heute, an deinem Altar

Sah ich sie, in Andacht hingegossen,

Die du auch, wie mich, erschufest;

Ach, um die mein Herz bebt!

Kühn erhubs zu dir sich.

Auf den Flügeln ihrer reinen Andacht

Schwebt' es, wagte, minder zitternd,

Diesen Wunsch: – Erhör ihn, Schöpfer! –

Leg in deine Wagschaal

Meine Tage, die noch kommen sollen!

Lass, wenn sie mich liebt, sie sinken!

Steigen, wenn sie nicht liebt!

Es war ihm recht wohl, als er dieses Gedicht gemacht hatte. Er las es mehrmals durch; es gefiel ihm, denn er hatte seiner Empfindung doch einigermassen ein Gewand und Worte gegeben; ob er gleich unendlich mehr hatte sagen wollen. Er schrieb das Gedicht rein ab, und ergötzte sich noch lange dran, bis ihn Kronhelm zum Essen rief. Da schloss er es schnell und ängstlich in sein Pult ein. – Gutfried ass nun gewöhnlich auch mit ihnen. Sie erzählten ihm die geschichte mir dem ertrunkenen Mädchen, und den Inhalt des Briefes. Er seufzte dabei, und sagte: Gekränkte oder unbelohnte Liebe ist alles zu tun im stand! Mit diesen Worten sah er Kronhelm an, der in seiner Liebe zu des Hofrat Fischers Tochter sein Vertrauter geworden war. Alle drei Jünglinge wurden über diesen Ausruf noch trauriger. Gutfried erzählte nun ein paar schreckliche Geschichten von Personen, die sich aus unglücklicher leidenschaft selbst entleibt hatten. Sie bedaurten ihr Schicksal, und wünschten ihnen, durch ihre Seufzer, ein glücklicheres Schicksal, als sie in diesem Leben gehabt hatten. Gutfried schlug ihnen zur Zerstreuung von dem anhaltenden Studieren einen Spatzierritt auf ein, zwo Stunden von Ingolstadt, gelegnes Dorf, vor. Sie nahmen den Vorschlag an, und ritten hin. Siegwart dachte auf dem ganzen Wege an sein liebes Mädchen. Es schmerzte ihn im Innersten, die Stadt, in der sie lebte, nur auf einige Stunden zu verlassen. Er glaubte, weis nicht wieviel,