1776_Miller_071_130.txt

Seele flog mit ihr zum Himmel. – Gott! ach Gott, lass sie mein sein! Sei ihr gnädig, und erhöre mein Gebet! – Weiter konnte er nichts denken. –

Noch lag er auf den Knien, in der Absicht, zu warten, bis sie weg ginge, und zu erfahren, in welches Haus sie gehöre? als er auf Einmal durch einen Stoss, den ihm jemand, neben ihm, gab, aus seiner Schwärmerei aufgeweckt wurde. Kronhelm, den er nicht wahrgenommen hatte, stand neben ihm, und winkte, mit ihm weg zu gehen. Er stand unwillig auf, und suchte seine Verwirrung seinem Freunde zu verbergen. So bös er drüber war, so durft er es doch seinen Freund nicht merken lassen, und ging mit ihm aus der Kirche. – Lass uns etwas spatzieren gehen! sagte Kronhelm; der Tag ist so schön. – Meinetwegen! antwortete Siegwart.

Sie gingen mit einander durch die Stadt, ohne ein Wort zu sprechen. Siegwart war ganz in Gedanken verlohren, und bei seinem lieben Mädchen in der Kirche. Es schmerzte ihn tief, dass er so von ihr weggerissen worden war, und ihre wohnung nicht hatte erfahren können. Sich nach ihr bei Kronhelm zu erkundigen, wagte er gar nicht. Als sie ausserhalb der Stadt waren, so fing Kronhelm an: Du bist ja ganz ausser dir gewesen in der Kirche, und hast mich nicht bemerkt, ob ich gleich eine halbe Viertelstunde neben dir kniete. – Wer? Ich? ... stotterte Siegwart. Recht! ich war so in der Andacht; weil ich an meinen Vater dachte ... Weil er gesund worden ist ... Und da dankt ich Gott – – und da konnte ich dich nicht sehen ... Ja, ich war ganz vertieft ... Hab dich warlich nicht bemerkt .... Es kam gewiss nur daher ... u.s.w.

Der helle Herbstmorgen machte auf sein ofnes Herz den tiefsten Eindruck. Die bleichgelben Blätter, deren eins nach dem andern von den Bäumen herabfiel; das Rauschen der verdorrten Blätter im Gesträuch; der halb durchsichtige Hain; die einzeln drinn herum fliegenden Vögel; die, auf der Wiese sparsam zerstreuten Herbstblümchen; alles brachte ihm das süsse Bild des Todes in die Seele. Er fühlte eine dunkle sehnsucht, sich hinzulegen und zu sterben. Sein Herz ward erweitert, und Tränen stunden ihm in den Augen. Kronhelm hatte eben dieses Gefühl; beide schwiegen. Noch nie hab ich so lebhaft und so ruhig an Teresen gedacht, fing endlich Kronhelm an; Noch nie eine so süsse Melancholie gefühlt. Mir ist so wohl, und so wehmütig! – Mir auch, Bruder! sagte Siegwart mit bebender stimme. – Sie setzten sich an das, etwas erhöhte Donauufer hin, blickten den Wellen nach, und dachten nichts. – Wie alles so geschwind geht! sagte Kronhelm, nach einer langen Pause. Nur das Leben geht so langsam, wenn man unglücklich ist. Ach Bruder, das wasser kommt von deinem dorf her. Wenn jetzt Terese auch so da sässe, und an mich dächte! – Vielleicht tut sies. Meinst du nicht, Siegwart? – Ja, vielleicht, Bruder, antwortete Xaver. Ich wünsch es dir. – Nun schwiegen beide wieder. – Indem schwamm ein todter Mensch in der Donau herunter. Herr Jesus! rief Siegwart, sieh! dort! – In dem Augenblick sprang er nach der nah gelegnen Fischerhütte, und rief dem Fischer, der sogleich in seinem Kahn hinausfuhr, und den Leichnam auffieng. Es war ein junges Mädchen, das nicht übel aussah, von neunzehn oder zwanzig Jahren. Der Kleidung nach war es ein Dienstmädchen. über eine Stunde konnte sie noch nicht im wasser gelegen haben, denn sie sah noch frisch und rot im Gesicht, und ihre Fingergelenke waren noch nicht einmal steif. Der Fischer stürzte sie auf den Kopf, in der verkehrten Meinung, dass das wasser ihr aus dem Mund und aus den Ohren laufen möchte. Allein, wenn ein Ertrunkener noch nicht ganz tot ist, so muss er durch dieses Mittel sterben. Das flüssige Blut strömt nach dem Kopf zu, und ein Schlagfluss ist fast unvermeidlich. – Sie ist tot, sagte der Fischer, gibt kein Anzeichen mehrund dann legte er sie wieder nieder, und fing an, sie genauer zu betrachten. 's ist meiner Seel, kein unseines Ding; fing er an; seht mir nur einmal die vollen Backen, und das glatte weisse Kinn! Der hats gewiss um 'n Mann gefehlt, oder 's hat sie einer ang'führt. Hab schon mehr dergleichen Exempel erlebt. Erst vorigen Sommermarkt hab ich auch so 'n Mädel raus zogen. – Schaut mir einmal an, was sie für 'n schönen Fingerring hat! Er ist, meiner Six, Silber; den will ich mir zu Gemüt führen. Er ist gut für meine Trine, passt ihr grad. – Indem zog er den Ring vom Finger. – Muss doch auch sehen, was sie im Sack hat? – 'n Rosenkranz! Hat doch auch noch 'n Vaterunser und ein Ave betet! Und da gar 'n Büchel! – 's ist ein Psalter. Nu, nu, sie hat sich doch vorbereitet. Gott sei der armen Seel gnädig! Will auch ein Ave für sie beten. – Da steckt ja