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. Und dass man alle, die wie wir Menschen sind, und Fleisch und Blut, wie wir haben, lieben müsse, werdet ihr doch glauben; es steht hundertmal in der Bibel geschrieben. Warum sollten wirs auch nicht tun? Sind wir doch alle von Einem Vater, Adam. Und, nicht wahr? Leute, die Einerlei Vater haben, heissen Brüder oder Schwestern, und die müssen doch einander lieben?

Michel. Das ist wahr, Herr! Aber

P. Anton. Nun, ihr meint wohl, die Ketzer könn unser Herr Gott nicht lieb haben; aber denkt nur einmal nach! Scheint die liebe Sonn etwa nur in katolische Dörfer, oder nicht auch in die luterischen? Haben wir allein wasser, und Brod? oder haben's eure luterische Nachbarn nicht auch? Regnet's nur bei uns, wenn es nötig ist, oder auch bei den Luteranern? Ihr dürft ja nur eure Aecker und Wiesen ansehen, sie stossen oft an die lutrische. Bei ihnen gedeiht das Korn und das Gras so gut, wie bei uns, und wenn ein Wetterschaden kommt, so trift er eure Felder so gut, wie die ihrigen; das ist alles eins. Meint ihr denn, Gott würde Menschen erhalten, wenn er sie nicht lieb hätte? Oder wollt ihr sie verhungern lassen, oder todtschlagen? Wollt ihrs besser machen, wie Er? In der Bibel steht kein Wort davon, dass man seinem Nebenmenschen, wenn er auch ein Ketzer ist, so hart und unmenschlich begegnen soll. Ich will euch gleich eine geschichte erzälen; unser Seeligmacher hat sie selbst erzält, und ihr werdet draus sehen, dass ein Ketzer auch ein guter Mensch sein kann, an dem Gott Wohlgefallen hat; und an wem er Wohlgefallen hat, den macht Er selig, wenn er auch ein Ketzer ist.

Die geschichte lautet so: Ein Rechtgläubiger wollte eine Reise machen, und da fiel er unter Spitzbuben, die ihn halb tot schlugen, und so liegen liessen. Da reiste ein Priester vorbei, das war ein Rechtglaubiger, der sah ihn, und liess ihn ohne alle Barmherzigkeit liegen. Drauf kam ein Levit, das war auch ein Rechtglaubiger, der liess ihn auch in seinem Elend da liegen. Nun gebt Acht! Was geschieht? Ein Ketzer, ein Samariter reist von ungefähr vorbei, sieht den halbtodten Menschen, der nicht seines Glaubens, und, seiner Meinung nach, ein Ketzer ist, liegen; sieht ihn mitleidig an, geht zu ihm hin, verbindet ihm seine Wunden, legt ein Pflaster drauf, und bringt ihn auf seinem Maulesel in ein Wirtshaus, wartet ihn da selber, und trägt dem Wirt auf, als er weiter reisen muss, er soll für den Kranken sorgen, und bezalt von seinem eignen Geld dem Wirt auf einige Tage voraus, dass ihm ja nichts abgehen soll. Ist das nicht schön? Und das hat ein Ketzer getan, und den Ketzer lobt Christus, und sagt, dass mans ihm nachmachen soll.

Meint ihr nicht, Michel, dass unter euren Nachbarn, die ihr so verketzert, auch solche gute Leute sind? Ich wenigstens wüste nicht, dass sie euch was zu leid täten; vielmehr halten sie gute Nachbarschaft, und tun euch alles Guts; würden euch auch wohl ein Krümchen Brod und etwas Milch geben, wenn ihr so, wie der arme Mann, weswegen ihr eure Frau so geschlagen habt, vor ihre Tür kämet und betteltet. Pfuy, das ist nicht fein, so mit Menschen umzugehen!

Hier fing Michel an zu weinen. Und wisst ihr denn nicht, dass es heist: Christus der Herr ist für alle gestorben? für die christkatolische, wie für die Ketzer. Ihr dürft deswegen nicht luterisch werden; da behüt mich Gott davor, euch so was zu raten. Es ist immer besser, den geraden Weg gegangen, als den krummen. Aber friedlich und nachbarlich sollt ihr leben; und ich wollt, wir hätten all Einen Glauben!

Und was seid ihr denn für ein Mann, Michel? Da ist es euch nicht genug mit den Ketzern so unmenschlich umzugehn; da muss noch eure arme Frau dran, die besser und christlicher denkt, als ihr. Da entsteht Unfried im Haus drüber; Eure Kinder schlagt ihr auch, und gebt ein böses Exempel. Aber ich weiss wohl, wo der Schaden liegt; ihr seid geitzig, hängt am Zeitlichen, und meint, ihr müsst alles allein zusammen scharren, damit's sein einen grossen Hausen gebe. Das sind mir die rechten Christen! Ich habs vorhin wohl gemerkt, ihr werft ihr vor, sie geb den Armen viel. Sie tut recht dran, und Gott wird ihrs einst im Himmel noch vergelten, wo ihr nicht hin kommt, wenn ihrs so macht. Ihr seid ein schlechter, unchristlicher Mann, der kein menschlich Herz im leib hat!

Hat ...del Tuts euch leid? Wacht euch das Gewissen auf? Weint ihr? Seht, Michel! Gott weih! ich meins herzlich gut mit euch. Es ist mir nur um eure Seeligkeit zu tun.

Michel (weinend) Ja das weiss ich wohl, Ihr Wohlehrwürden, und es tut mir herzlich leid. Ich habs nicht so überlegt; bin eben ein hitziger Mann; und der vorige Herr Pfarr ...

P. Anton. Ich weiss wohl, was ihr sagen wollt. Euer voriger Pfarr, Gott geb ihms ewige Leben