Figur zusammen. Keiner konnte den andern trösten. Sie weideten sich an ihrem wechselseitigen Schmerz, und vereinigten ihre Klagen, obwol Siegwart viel zu furchtsam und zärtlich war, seinem Freunde das Geringste von dem Mädchen zu entdecken. Ganze Stunden sassen sie in der Dämmerung, ohne Licht, beisammen; seufzten und klagten mit einander, oder spielten wehklagende Stücke. Am Sonnabend bekam Siegwart einen Brief von Teresen, und die Versicherung, dass ihr Vater wieder ganz hergestellt sei. Diess war ihm ein grosser Trost, aber ganz freuen konnte er sich nicht. Gott! ich danke dir, sagte er. Du bist gütig und barmherzig. Nur verzeihe mir meine Schwachheit! Ach, ich kann mich nur halb freuen. Du weists, ich bin nicht undankbar! Mein Jammer ist dir nicht verborgen! Von einer Seite hast du mich geheilet; aber von der andern frist der Schmerz immer tiefer! Gott! wenn ichs würdig bin, ach, wenn ichs würdig bin, so erbarm dich meiner! Lass mich sie sehen, oder lass mich sterben! – Nun dachte er wieder sie nur ganz allein. Morgen, morgen, rief er, Leben oder Tod! – Er ging auf Kronhelms Zimmer, und brachte ihm die Nachricht von der Genesung seines Vaters. – Und von Teresen hast du mir nichts? sagte Kronhelm wehmütig. – Nichts, mein Lieber, als einen Gruss. Ach du daurest mich unendlich. Ich kann dirs nicht sagen, wie tief ich deine Leiden fühle! Gott weis, ich kanns nicht! – Und nun schwiegen sie lang. – Ich weis nicht, ob ichs lang mehr aushalte? hub Kronhelm wieder an. Wenn sie mich vergessen, mir untreu werden könnte. – Und doch! – soll sie ohne hoffnung harren? Ohne hoffnung! wenigstens ohne Gewissheit, sogar ohne Wahrscheinlichkeit: O, mein Leiden ist das gröste! Duld und harre! sagte Siegwart. Die Leiden auf der Welt sind mancherlei. Ich bin auch nicht glücklich. – Er wollte reden; aber eine plötzliche Aengstlichkeit hielt ihn wieder zurück.
Der Sonntagsmorgen brach an. Siegwart kleidete sich gut, und ging voll banger Ahndung in die Kirche. Er setzte sich in einen Stuhl, von dem er die ganze Kirche übersehen konnte. Das Mädchen war noch nicht da. Er ward verwirrt drüber; dankte aber doch Gott für die Genesung seines Vaters brünstig. Nach einer halben Stunde öfnete sich die Kirchentüre, und das Mädchen trat herein, schwarz gekleidet, mit einer etwas bejährten Frau von angenehmer und sanfter Gesichtsbildung. Sein Herz schlug ungestüm. Sie setzte sich ihm gegenüber in einen vergitterten Stuhl, an dem aber das Gitter zurückgeschoben war. Sie setzte sich nieder, und las in einem Gebetbuch. Zuweilen erhub sie ihr schönes nussbraunes Auge zum Himmel; drei- oder viermal glaubte er, sie sehe ihn aufmerksam an; und ihm ward bald warm, bald kalt in der Brust. Er hieng mit ganzer Seele an ihr; sein blick ruhte auf ihrem Gesicht, wie auf dem Antlitz einer Heiligen. Er konnte den unendlichen Reiz nicht fassen, der sich über das Ganze verbreitete. Alles um sich her vergass er, Himmel und Erde, und wuste nicht mehr, dass er in der Kirche war. Er dachte nichts; sein ganzes Wesen war Gefühl. Sie sah ihn an; Er schlug die Augen nieder, als ob ein Blitz ihn blendete. Gleich sah er wieder auf; sie war verschwunden. Ein breitschultriger Mann mit einer grossen Perücke hatte sich vor sie hingesetzt, und ihm den Anblick des himmlischen Gesichts benommen. Nur zuweilen, wenn der Mann sich bückte, sah er sie auf einen Augenblick. Der Mann ward ihm auf Einmal unaussprechlich zuwider. Er knirschte mit den Zähnen, und hätt ihn gern mit den Füssen weggestossen. – Der dumme, kalte Kerl! dachte er, mit dem abscheulichen Alltagsgesicht! Ich wollte, dass er hundert Meilen weit von hier wäre! – Nach der Messe stunde das Mädchen, mit der Frau auf; ging in den Chor vor den Altar und kniete nieder. Im Hingehn warf sie einen blick auf Siegwart, der ihm durch die Seele drang. Er sah sie langsam, und andächtig vor sich hin gehen, und wuste nicht, ob er ihr folgen, oder bleiben sollte? Er zitterte, dass die Kügelchen an seinem Rosenkranze klapperten. Sie kniete schon etliche Minuten, da schlich er sich ängstlich und zögernd nach dem Chor. Sie kniete im vordersten Reihen, unter denen, die das Abendmahl geniessen wollten. Er kniete sich an der Seitenwand der Kirche ihr fast gegenüber nieder. Die Musik, die in dem Augenblick gemacht wurde, war ihm sein ganzes Leben durch die liebste, und rührte, sobald sie angestimmt wurde, alle saiten seines Herzens. Der Priester, der die Hostie austeilte, ging umher, und kam zu ihr. In dem Augenblick hätt' er alles hingegeben, um der Priester, oder einer von den Knaben zu sein, die das Tuch unterhielten. So oft er nachher einen von den Knaben sah, stellte sich ihm die ganze feierliche Handlung wieder lebendig dar, und seine Seele glühte. Er liebte die Knaben, und war doch eifersüchtig auf sie. Als ein dritter ihr den Spühlkelch reichte, da bebte seine Seele vor Verlangen, nach ihr aus dem Kelch zu trinken. Er beneidete das Mädchen, das neben ihr kniete, und aus dem Kelch trank. Nun betete sie, und seine