Himmel. Auf Einmal überfiel ihn wieder eine äusserliche Beklemmung; sein Herz klopfte laut und sichtbar. Alle Augenblicke, dachte' er, kann sie kommen, und neben mir niederknien. Er bebte vor dem Augenblick, und wünschte ihn doch so sehnlich herbei. – In die Predigt kam das Mädchen auch nicht. Sein Auge suchte ängstlich umher, verweilte auf jedem gutgekleideten Frauenzimmer, und wandte sich unwillig wieder weg, weil es nicht fand, was es suchte. So oft die Kirchentüre aufging, blickte er hin, und zitterte. Sie kam nicht. Nach der Predigt ging er in den Chor, kniete auf die Stelle nieder, wo sie gekniet, und die er sich so genau gemerkt hatte. So oft er etwas hinter sich gehen, oder ein seidenes Gewand rauschen hörte, ward ihm bange; ängstlich blickte er dann um sich, weil er fürchtete, jedermann bemerke ihn: Einmal sah er ein Mädchen mit einem Flor vor dem Gesicht ihm zur Rechten niederknien. Es hatte die schlanke Gestalt seines Mädchens. Sein Gesicht glühte, er zitterte, sein Gebet ward laut; er glaubte zu vergehen und zu sinken. Schwankend stand er auf. Das Mädchen war nicht das seinige. Heilige Mutter Gottes! dachte er, wo ist sie? – Schnell steckte er den Rosenkranz ein, ging aus der Kirche, ohne das Weihwasser zu nehmen, und nach der obern Stadtkirche. Hier fand er sie wieder nicht. Nun überfiel ihn tiefe Wehmut. Tausenderlei traurige Vorstellungen bekämpften sich in seiner Brust: Ist sie krank? Ist sie tot? Hab ich sie durch meinen blick erzürnt? Hätt ich sie doch nie gesehen! Stürb ich doch auch! O ich bin der unglücklichste Mensch auf Gottes Erdboden! – Er ging heim, und weinte, rang die hände und betete. Kronhelm kam zu ihm aufs Zimmer. Indem erhielt er einen Brief von Teresen mit der Nachricht, dass ihr Vater sich von neuem nicht ganz wohl besinde, doch sei er schon wieder auf dem Weg der Besserung. Während dem Lesen stürzten ihm die Tränen aus den Augen. Kronhelm fragte ihn um die Ursache davon. Er konnte sie vor Wehmut kaum erzählen. Nun weinten beide Freunde. Siegwart konnte nun einen Grund für seine Traurigkeit angeben, und Kronhelm argwohnte desto weniger eine andre Ursache. Der doppelte Schmerz bestürmte nunmehr Siegwarts Seele mit aller Gewalt. Er dachte sich die beiden teuren Personen immer zusammen, und wünschte sich nichts als den Tod, das einzige Ende seines Jammers, das er vor sich sah. – Den Nachmittag schrieb er an seine Schwester und an seinen Vater einen bangen und schwermütigen Brief. Unter andern schrieb er an Teresen: – Ich sehe wohl, dass die Welt keine Freuden hat. Jeder Tag hat seine Plage, und mit jedem Tage steigt sie. möchte ich doch bald diese Welt verlassen, und im Grab von allem Kummer ausruhen! O meine Schwester, es gibt viele Leiden, die du noch nicht kennst. Sterben, sterben ist das Beste! Und wenn dieses Ziel vom Schöpfer noch nicht gesetzt ist, ist es dann nicht Weisheit, der Welt so viel abzusterben, als man kann und darf? Du verstehst mich; der Eintritt ins Kloster ist ein Bild des Todes. Dürft' ich ihn doch morgen tun! etc. Diessmal war das Konzert auf Kronhelms Zimmer. Siegwart spielte nicht mit, sondern sass in einem Winkel, und weinte. Seine Phantasie ward durch die Musik aufs äusserste gespannt. Zuweilen irrte er durch Nacht und Gräber; sah seinen Vater mit dem tod ringen, schauerte zurück, und stand hastig auf. Dann ward er wieder in das süsse, heilige Gefühl der Liebe versenkt; sah sein andächtiges Mädchen vor dem Altar knien; sah sie wehmütig und traurig; bildete sich ein, sie lächl' ihm zu. – Dann schwand sie ihm wieder aus den Augen. Er sah kein Mittel, sie jemals zu sprechen. Ich werde sie nie, nie sehen! dachte er. Sie flieht mich; sie muss mich verachten; Ich bin nichts, gar nichts gegen sie! Sie ist ein Engel, und ich bin ein Sünder, ein Verworfener! O warum hab ich sie gesehen? Warum all meine Ruhe so auf Einmal verlohren?
Plötzlich ward er aufmerksam, als eine wildschwärmerische Symphonie von Fils gespielt wurde. Er stand auf, nahm seine Violine, und spielte mit. – Von wem ist das Stück? fragte er, als es ausgespielt war. Von Fils, antwortete einer. Das war ein herrlicher Kerl! Seine besten Stücke hat er in der rasendsten Liebe gemacht; und als es ihm nicht nach Wunsch ging, ass er Glas, und starb dran. – Das ist vortreflich, sagte Siegwart, wir wollen das Stück noch einmal spielen? Sie spieltens wieder. – Bei einem Quatuor von Boccherini versank er wieder in die tiefste Schwermut, in der er den ganzen Abend blieb. – Die ganze Woche strich ihm traurig hin. Die Unruhe über die Krankheit seines Vaters verdrang das Bild des Mädchens etwas aus seinem Herzen, oder überzog es vielmehr nur mit einer Art von Schleier. Oft stand es wieder frei, und in allem seinem Reiz vor ihm da. Er lief alle Strassen der Stadt durch, ob er sein geliebtes Mädchen nirgends entdecke? Aber nirgend sah er es. In die Kirchen konnte er die Woche über nicht gehen, weil er seine Kollegia gewissenhaft besuchte. Er und Kronhelm machten nun eine traurige