1776_Miller_071_127.txt

dem Essen fast kein Wort; auch ass er wenig. – Kronhelm, der mit seinen Gedanken bei Teresen war, merkte davon nichts. Nach Tische ging Siegwart auf sein Zimmer, unter dem Vorwand, dass er Briefe nach Haus zu schreiben habe. Kronhelm trug ihm einen Gruss an Teresen auf. Siegwart schrieb nicht, sondern ging nur hin und her. Er wollte das Mädchen und ihren andächtigen blick wieder vergessen, dachte an tausend verschiedne Dinge, aber immer am Ende wieder an sie. Zuweilen phantasirte er auf seiner Violine; gleich war ihms wieder entleidet, und er hieng sie wieder auf. Um halb vier Uhr holte ihn Kronhelm ab, um zu Gutfried zu gehen, wo sie ein wöchentliches Privatkonzert hatten. Siegwart zog sich an, und ging mit ihm. Als sie schon unter der Haustüre waren, sagte Kronhelm: Nimmst du denn deine Violine nicht mit? Ach, das ist wahr! die hätt ich bald vergessen! antwortete Siegwart, und sprang die Treppe wieder hinauf. Als das Band, an dem die Violine hieng, sich am Nagel verwickelt hatte, riss er es mit Gewalt entzwei. Im Konzert spielte er ohne alle Aufmerksamkeit mit, und hörte endlich, als ein andrer kam, der die erste Violine spielte, gar auf, weil er vorgab, es sei ihm nicht recht wohl. Er setzte sich in eine Ecke, hielt die Hand vors Gesicht, versank in Wehmut, und dachte nichts, als das schöne andächtige Mädchen. Zuweilen konnte er sich ihr Gesicht nicht mehr deutlich vorstellen; es schwebte bloss sein Umriss vor ihm herum, und da ward er auf sich selbst böse, und gab sich alle Mühe, sich das ganze Bild wieder zurück zu rufen. Kronhelm merkte wohl, als er mit ihm nach Haus ging, dass ihm etwas fehlte, aber er beruhigte sich wieder, als er hörte, dass es nur von Kopfschmerzen herrühre. Siegwart blieb wohl noch drei Stunden auf, sprach oft mit sich selbst, sang zuweilen etwas, betete, und flehte Gott um Ruhe und Vergebung, denn er hielt, aus zu genauer Gewissenhaftigkeit, seine Empfindung für Sünde. Er wuste nicht, war es Liebe, oder was es war? Endlich legte er sich zu Bette. Lang bemühte er sich umsonst, einzuschlafen. Wenn er die Augen zumachte, so stand das Mädchen lebendiger, als er es sich den Tag über hatte vorstellen können, ihm vor Augen. Den andern Morgen wachte er früh auf; die eben aufgehende Sonne schien in seine kammer; eine Träne schoss ihm in die Augen, denn sein erster Gedanke war das Mädchen. Ihr gegen Himmel gehobnes Auge gab seiner Andacht Schwingen. Er stand auf, streckte die arme aus, als ob er sie umfangen wollte, und betete so feurig, als er fast noch nie gebetet hatte. – Gott! Gott! seufzte er: Ich kenne mich selbst nicht mehr! Was will ich? Was fehlt mir? Warum denke ich immer an den Engel? Wenn es Sünde ist, o Gott! so vergib mir! Du hast ihn erschaffen! Ich kann nicht anders. Ich bin immer bei ihm! Ach, wo mag sie sein, die Heilige, die unaussprechlich Holde? Ach, wo mag sie sein, dann betete er wieder. Aber immer schien ihms, als ob sie sich zwischen Gott und ihn stellte, oder mit ihm betete. – Er ging ins Kollegium. Auch da war sie immer um ihn. Er hörte nichts, was der Lehrer sagte. Er zwang sich, aufzumerken, aber nur vergeblich. So ging die ganze Woche hin. Zuweilen dachte er minder lebhaft an sie; aber tausenderlei Dinge zogen ihn wieder zu ihr zurück. Wenn er in Gesellschaft sie auf einige Augenblicke vergass, so wachte er plötzlich wieder, wie vom Schlummer, auf. Wenn er nur das Wort: Mädchen, aussprechen hörte, so stand sein Mädchen wieder vor ihm. Nie war sein Geist in der Gesellschaft seiner Freunde ganz gegenwärtig; immer schwebte er in der Kirche vor dem Altar, oder er wuste selbst nicht, wo? Er war immer zu Tränen gestimmt, und muste oft aufstehn, um seine Wehmut vor seinen Freunden zu verbergen. Sie riechen hin und her, was ihm fehlen möchte? Auf Liebe fielen sie gar nicht, da er bei jeder gelegenheit dagegen eiferte. Endlich wusten sie seiner Zerstreuung keine andere ursache zu geben, als sein langes Aufsitzen bei Nacht. Kronhelm bat ihn sehnlich, es zu unterlassen, und seine Gesundheit zu schonen! Er war über die zärtliche Besorgniss seines Freundes sehr gerührt, und versprach, es zu tun. Den künftigen Sonntag konnte er kaum erwarten. Da dachte er, das Mädchen wieder in der Kirche zu sehen. Hundertmal des tages sah er nach seinem Wandkalender, wie viel Tage es noch bis dahin sei? Immer vergass er es wieder, und rechnete oft einen Tag weniger. Zuletzt zählte er sogar die Stunden. Er stellte sich vor, was er tun, wo und wie er sich anstellen wolle? wenn sie in die Kirche komme. Als der Sonntag kam, wachte er früh auf, kräuselte seine Haare sehr sorgfältig, und kleidete sich prächtiger und netter, wie gewöhnlich. In der Frühmesse traf er das Mädchen nicht. Sein Herz erhub sich zu Gott mit schwärmerischer Andacht; seine Einbildungskraft drang bis an den Tron der Gotteit; sein Geist war ausser dem leib, und unmittelbar im