1776_Miller_071_126.txt

der die Wolfische Philosophie inne hatte, und überhaupt sehr aufgeklärt dachte, gefiel ihm vorzüglich, und machte ihm das philosophische Studium sehr angenehm. Seine andern Lehrer, die gröstenteils Jesuiten waren, gefielen ihm schon weniger. Kronhelm hatte bloss eine Stunde bei Ickstatt, und eine andre auf der Reitbahn. Die ganze übrige Zeit brachte er zu Haus in der Einsamkeit zu. Gutfried war fast ihr einziger Gesellschafter. So ging der Frühling und der Sommer hin, ohne dass Siegwart Einmal in eine eigentliche Studentengesellschaft kam, wobei er freilich blutwenig verlohr. Sein Verstand ward durch die Wissenschaften und den Vortrag seiner Lehrer immer mehr aufgeklärt; sein Herz durch das Lesen der Alten, und besonders der Geschichtschreiber, immer männlicher und fester; und seine Empfindung durch das Lesen der alten und neuen Dichter, durch fleissige Uebung in der Musik, und genaue Beobachtung der natur immer seiner, richtiger, und reizbarer. Oft fühlte er in sich ein gewisses Leere, und ein Verlangen, wovon er den Gegenstand nicht kannte. Sein Herz war oft, besonders in der Dämmerung, ungewöhnlich weich; oft flossen ihm Tränen aus den Augen, ohne dass er wuste, warum? Er hielts für eine sehnsucht nach dem Kloster, und für einen göttlichen Aufruf, sich zu diesem stand recht vorzubereiten; daher studierte er auch unaufhörlich, oft bis in die tiefe Nacht hinein. Wenn sein Herz recht weich, und er allein war, so erhub sich seine Seele zu hoher Andacht; er betete mit grosser Inbrunst, und heiligte sich Gott ganz. Das Lesen der Bibel machte ihn täglich vollkommener und besser, und jeder grossen Handlung fähig. Seine Liebe zur Tugend, und seine Gewissenhaftigkeit ward beinahe schwärmerisch. Ein paarmal traf er von ungefähr bei Gutfried andre Studenten an, besonders Boling und Kirner, welche ziemlich frei und leichtsinnig sprachen. Diess tat ihm so weh, und brachte ihn so auf, dass er ganz freimütig sein Misfallen drüber an den Tag legte, und fast in Ungelegenheit und Streit kam. Das rohe und verderbte Wesen, das er unter den Studenten wahrnahm, machte ihn beinah zum Einsiedler und zum Menschenfeind, so dass er bei keinem Menschen gern war, als bei Kronhelm und Gutfried. Das Andenken an Sophien, und ihr Tagebuch, worinn er fleissig las, erhöhten seine Schwärmerei noch mehr. Teresens traurige Briefe, und seines Kronhelms düstre denkart lehrten ihn die Welt, die den besten Seelen so wenig Freude gewährt, und sie in so tiefen Kummer stürzt, immer mehr gering schätzen. Dabei war ihm bei seiner halbfanatischen denkart so wohl, dass er sich in keine andre Lage wünschte.

Die Kirchen, und besonders die Frauenklosterkirche besuchte er alle Sonn- und Feiertage, und nährte da seine Phantasie noch mehr durch das heilige Gepränge, und die feierliche Musik. Einmal sah er ein Mädchen neben sich knien, über dessen Anblick er erschrack. Es hatte die Augen andachtsvoll gegen Himmel gerichtet, und warf, als er es anblickte, einen blick auf ihn, der sein Innerstes umkehrte. Er war auf einmal aus aller Fassung, und konnte, ungeachtet aller Bemühung, seine Andacht nicht mehr sammeln. Es überfiel ihn ein solches Zittern und Beben, dass er sich kaum mehr auf den Knien halten konnte. Noch Einmal blickte er hinüber; sie liess eben ein Kügelchen an ihrem Rosenkranz fallen, sah ihn wieder an, und sein blick fuhr wie der Blitz zurück. Nach etlichen Minuten stand sie auf; er hörte ihr Gewand rauschen, wagte es aber nicht, nach ihr hinum zu blicken. Er wollte wieder beten, aber er konnte nicht vier Worte zusammen bringen. Drauf machte er ein Kreuz, schlug sich auf die Brust, stunde auf, und, indem er sich umwendete, sah er das schlanke geschöpf mit langsamem, majestätischem gang der Kirchentüre zugehn, sich mit Wiehwasser besprengen, und aus seinen Augen verschwinden. Er kam aus der Kirche, ohne selbst zu wissen, wie? Gutfried stand in einem Seitenstuhle, und grüste ihn; aber er nahm ihn nicht wahr. Als er vor die Kirche kam, sah er das Mädchen nicht mehr, und wuste nicht, wo er sich hin wenden sollte? – Gott! Was ist das? dachte er. War das ein Engel, oder war es Maria? Seine ganze Empfindung war ihm unerklärlich. Es war ihm nicht wohl, und auch nicht weh! Seine Seele war immer ausser ihm, und er wuste doch nicht, wo? Er sah nur das, gegen Himmel gehobene Auge, und die schlanke Gestalt, wie sie majestätisch vor ihm hin schwebte. Ein paar Stunden lang ging er, ohne sich seiner bewust zu sein, auf seinem Zimmer auf und ab. Er wollte beten, wollte lesen; aber seine Gedanken waren immer anderswo. Zuweilen seufzte er, und hustete, um vor sich selbst den Seufzer zu verbergen. Kronhelm hatte schon eine halbe Stunde mit dem Essen auf ihn gewartet. Als er nicht kam, ging er zu ihm auf sein Zimmer. Siegwart fuhr zusammen. – Was treibst du denn, Xaver? Ich warte schon über eine Stunde auf dich. Das Essen steht schon eine halbe Stunde auf dem Zimmer; es wird ganz kalt. – So? ist es denn schon Essenszeit? Das kann ja kaum sein! – Je freilich! antwortete Kronhelm; sieh nur nach der Uhr! Es ist schon halb Eins. – Siegwart ging schweigend mit ihm auf sein Zimmer, und sprach während