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hatte. Das hat noch gefehlt, sagte er, das konnte ich nicht treffen; nun ist es noch ähnlicher. Und wirklich hatte die Aehnlichkeit des Bildes durch diese Aenderung sehr gewonnen.

Sieh, das Zimmer wäre gross genug, sagte Kronhelm, dass wir bei einander wohnen könnten. Aber ich habs besser überlegt. Du hast in der letzten Zeit im Kloster sehr viel von mir ausgestanden; ich war so wunderlich und verdrüsslich. Seit der Zeit bin ichs noch mehr geworden. Oft ist mir es so zu Mute, dass ich keinen Menschen, nicht einmal meinen besten Freund um mich leiden kann. Wenn du hier im haus wohnst, so kannst du doch immer bei mir auf dem Zimmer sein; aber wenn ichs zu arg mache, kannst du ausweichen. Mir ist es leid, dass ich so bin; aber ich kanns nicht ändern. Siegwart machte erst Einwendungen, aber endlich liess er sichs gefallen.

Den andern Tag besahen sie die Stadt mit einander. Sie gefiel unserm Siegwart besser, als seinem Freunde, der, bei seinem Eintritt, alles in die Farbe der Melancholie gekleidet gesehen hatte. Siegwart erkundigte sich bei ihm nach dem Hofrat Fischer, und erfuhr, dass es eben der sei, von dem die Studenten auf dem Postwagen gesprochen hatten. Er wird dir nicht sehr gefallen, sagte Kronhelm, denn er ist ziemlich stolz; aber seine Tochter, denke ich, wird dir mehr gefallen; es ist ein herrliches Mädchen. Mir wirst du dieses Lob um so mehr glauben, da ich so ganz unparteiisch bin, und nur für Teresen allein lebe. Meinetwegen mag sie sein, wie sie will! versetzte Siegwart, was gehen mich die Mädchen an? Ich bring einmal dem Hofrat meines Vaters Brief, und damit aus! Wenn er stolz ist, so bin ichs auch! – Nun, wir wollen sehen, sagte Kronhelm lächelnd. Den Nachmittag waren sie zu Gutfried gebeten, der ihnen sehr gefiel, und mit dem sie Freundschaft errichteten, und eine wöchentliche Zusammenkunft ausmachten, weil er die Flöte recht gut spielte. Es war auch ein Sohn vom Hofrat Fischer da, dem Gutfried gegenüber wohnte. Dieser junge Mensch studierte, und war unbändig stolz. Er gab sich mit Kronhelm etwas, und mit Siegwart gar nicht ab, ob ihm dieser gleich sagte, sein Vater habe ehedem das Glück gehabt, ein Freund des seinigen zu sein. Alle Augenblicke besah er sich im Spiegel, und bewunderte sein glattes, karmesinrotes Gesicht. Den andern Tag ging Siegwart zum Kanzler, der ihm höflich begegnete, und von da zum Hofrat Fischer, dem er seines Vaters Brief brachte. Der Hofrat empfieng ihn in seinem damastenen Schlafrock sehr kalt und stolz, und nötigte ihn nicht einmal zum Sitzen. Als er den Brief durchgelesen hatte, sagte er: Also lebt sein Vater noch? Ich dachte, er wäre schon längst gestorben. Nun, Nun! Wenn ich ihm gelegentlich worinn dienen kann, so komm er wieder zu mir! Er kann auch seinen Vater von mir grüssen, wenn er an ihn schreibt. Siegwart bückte sich, und nahm seinen Abschied. Der Hofrat ging bis an die tür mit, und klingelte dem Bedienten, der ihn die Treppe hinab begleitete. Voll Unmuts ging nun Siegwart zu haus, und schimpfte unterwegs bei sich selbst auf den kalten Weltton, und das stolze, veränderliche, menschliche Herz. Der kriegt mich gewiss nicht wieder! sagte er zu Kronhelm; das ist ein rechter Hofmann. Hätt ich das gewust, er hätte weder mich, noch den Brief gesehen! Meinem Vater darf ich das nicht schreiben, der würde sich zu sehr drüber ärgern. O Kronhelm, wenn ich denke, dass einer von uns einmal so werden könnte, ich möchte toll werden! – Wie kannst du auch so was denken? sagte Kronhelm, Hast du aber seine Tochter nicht gesehen? – Nein! antwortete Siegwart halb unwillig; was willst du nur immer mit seiner Tochter? Ich mag sie gar nicht sehen! –

Nach ein paar Tagen ward in dem Haus ein Zimmer leer, das Siegwart sogleich mietete und bezog, ob er gleich seine meiste Zeit auf Kronhelms Zimmer zubrachte. Dieser sprach beständig nur von Teresen. Siegwart muste ganze Abende durch mit ihm von ihr reden, ungeachtet er jetzt selbst wenig von ihr wuste; denn sie schrieb seltener, als sonst, vermutlich um Kronhelms willen. Siegwart hätte so gern seinem Freund eine Neigung ausgeredet, die allem Anschein nach nie einen glücklichen Ausgang nehmen konnte; aber wenn er sich nur von fern etwas dergleichen merken liess, so ward Kronhelm böse oder traurig, und argwohnte, dass er nicht sein Freund mehr sei. Zerstreuen liess er sich auch wenig, denn er sass bei den schönsten Frühlingstagen fast immer zu haus, und wollte nicht einmal gern Musik machen, wenn Gutfried kam. Ging Siegwart einmal allein aus, und kam er nicht sogleich wieder heim, so ward er drüber unruhig und unzufrieden. Er wollte den Bruder seiner Terese beständig um sich haben, und sagte ihm oft, dass die Freundschaft so wohl eifersüchtig sei, als die Liebe. Siegwart, der ihn so unaussprechlich liebte, fügte sich ganz in seine Laune, bedaurte ihn in der Stille, und tat ihm alles zu Gefallen.

Nun gingen auch die Kollegia an: Siegwart, der auf der Schule durch seinen Fleiss schon so weit gekommen war, hörte die Philosophie, und die Physik. Der junge Ickstatt,