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so weit treiben, und sich vom Teufel so verblenden lassen kann! Ich würds nicht glauben, wenn es der Schwager da nicht selbst sagte. Dass man einem etwas nimmt, wenn man sich nicht mehr zu helfen weis, und Hungers sterben müste, das läst sich wohl noch denken, obs gleich auch grausig ist; aber wie man einen umbringt, das geht über meinen Verstand hinaus. – über meinen auch, sagte Siegwart; ich hätte nie geglaubt, dass es so verdorbne Menschen gibt. – Wohl euch, edle, unschuldsvolle Seelen, denen das Laster unbegreiflich, und der gang einer boshaften Seele unerforschlich ist! Möchtet ihr immer bei eurer unwissenden Einfalt bleiben!

Der Kapuziner unterhielt sich noch viel mit Siegwart, und erzählte ihm von seiner eigenen geschichte, und vom Kloster; zuweilen seufzte er, aber nur verstohlen, und furchtsam, über die Strenge seines Ordens. Die liebenswürdige Einfalt, und die fast kindische Unerfahrenheit im Lauf der Welt, besonders in der Bosheit der Menschen, die der Pater alle Augenblick äusserte, nahm unsern Siegwart, der seine idealische Vorstellungen hier so lebendig vor sich sah, sehr für ihn ein. Mit Gutfried, an dem er sehr viel edles fand: ward er auch bald Freund.

Den andern Tag, als sie noch drittehalb Stunden weit von Ingolstadt entfernt waren, kam Kronhelm hergeritten. Seine, und Siegwarts Freude war unbeschreiblich. Jeder fühle sie mit mir, der seinen Freund, den er so zärtlich liebt, wie Siegwart seinen Kronhelm, nach einer Jahrlangen Trennung wieder umarmt, und nun wieder ganz sein ist! Boling erbot sich, zu reiten, und Kronhelm setzte sich in den Wagen. Anfangs sprachen sie wenig, und hielten sich nur bei der Hand fest. Sie fragten sich tausend Dinge, beantworteten die fragen nur halb, und fiengen sogleich wieder eine neue an. Als sie einander steif, und mit dem seelenvollsten Ausdruck ansahen, erschrack Siegwart auf Einmal, weil er jetzt erst wahrnahm, wie blass und mager Kronhelm aussah. Du bist doch gesund? sagte er. So ziemlich; war die Antwort. Und nun stunden dem armen Kronhelm die Tränen in den Augen, denn er dachte sich seine Terese lebhaft, und erkannte sie in den Zügen ihres Bruders ganz wieder. Hast du mir nichts mitgebracht? sagte er. – Nichts als Grüsse von dort her, und vom P. Philipp. Kronhelm schwieg eine Zeitlang, und versank in tiefe Wehmut.

Gutfried mischte sich nun auch ins Gespräch. Kronhelm wunderte sich, dass sie sich nicht schon früher hätten genauer kennen lernen, da er so viel Gleichheit in ihrer denkart wahrnahm, und da dieses Siegwart noch mehr bestätigte. Er bat ihn zu sich, und versprach, ihn öfters zu besuchen, und ihm alle Bücher zu leihen, die er hätte. Kirner hänselte indessen den jungen Kaspar, der sich alles gefallen liess, und nun froh war, dass er das Ende der Reise vor sich sah. Der Kapuziner freute sich innerlich recht herzlich über die Freundschaft der beiden Jünglinge, und über die Freude, die sie an einander hatten. Das ist schön, sagte er, wenn man einander so recht gut ist. Ich weis, dass mein P. Ignatz auch viel Freude haben wird, wenn ich wieder komme. Wir sind Herzensfreunde zusammen. Eine Viertelstunde vor der Stadt ging der ehrliche Pater vom Postwagen ab, und dankte Siegwart noch besonders, dass er sich seiner so angenommen, und für ihn gesorgt habe. – Sieh, dort an dem mittlern Turm, sagte Kronhelm zu Siegwart, indem er nach der Stadt wies, ist mein Zimmer, gleich in dem haus rechter Hand. Du kannst erst bei mir sein, bis wir um eine wohnung für dich sehen; ich glaube, dass in meinem Haus noch ein Zimmer ledig wird. Das wär herrlich, sagte Siegwart; aber könnten wir nicht auf Einem Zimmer beisammen wohnen, wie im Kloster? Nein, Bruder, antwortete Kronhelm; aber ich kann dir jetzt nicht sagen, warum?

Endlich kamen sie in der Stadt an, und gingen gleich auf Kronhelms Zimmer. Hier umarmten sie sich erst mit herzlicher, brüderlicher Liebe. Siegwart bemerkte gleich beim Eintritt in die stube ein unter dem Spiegel hängendes Portrait, das ihm sehr bekannt deuchte. Wen soll das vorstellen? fragte er. Kennst du das nicht! antwortete Kronhelm. Es ist Terese. – Ja wahrhaftig! Recht gut und ähnlich! Fiel mir es doch nicht gleich ein. Aber, wo hast du's denn her? Wer hats gemacht? – Aus mir selber hab ichs; ich habs gemacht. Das war dir eine Freude, als ichs fertig hatte. O Bruder, ich kann nichts anders tun und denken! – Du daurst mich, armer Junge! Ich hoffte, die Zeit würde es ändern. – Da kennst du die Liebe recht. Wer einmal liebt, liebt ewig. – Hierauf erkundigte er sich mit Aengstlichkeit nach Teresen. Siegwart wich seinen fragen aus, so gut er konnte, und antwortete immer nur ins Allgemeine. Bei Kronhelm wachte der ganze, etwas eingeschlummerte Schmerz wieder auf. Alles war ihm wieder neu. Es kam ihm vor, als ob er Teresen erst gestern gesehen, und verlohren hätte. Alle Bilder der Vergangenheit stellten sich ihm wieder dar. Er betrachtete seinen Siegwart genau, eilte dann zum Portrait hin, und brachte sogleich einen Zug drinn an, den Terese mit ihrem Bruder gemein