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denn Gutfried sang nicht mitso fragte Siegwart, ob sie den Herrn von Kronhelm kennen? O ja! sagte Boling, er hört mit mir das Ius Canonicum. Es ist ein trocknes eingebildetes Bürschchen, das immer aussieht, als obs weinen wollte. Der Kerl ist mir recht fatal, weil er immer allein auf der stube sitzt, und sich viel zu gut dünkt, mit andern ehrlichen Kerls umzugehen. – Er ist doch sehr artig in Gesellschaft, sagte Gutfried; ich hab ihn ein paarmal im Konzert beim Hofrat Fischer gesprochen. Er ist nichts weniger als stolz. Ein Bisschen schwermütig scheint er wohl zu sein. Es muss ihm etwas fehlen. Sonst aber ist er sehr artig, und hat viele Lebensart. – Er ist mein vertrauter Freund, sagte Siegwart zu Gutfried; ich habe zwei Jahre auf der Schule mit ihm zusammen gelebt; wir wurden Ein Herz und Eine Seele. Ich glaube, dass er mir entgegen kommen wird. – Das soll mir lieb sein, antwortete Gutfried; ich habe schon längst gewünscht, genauer mit ihm bekannt zu werden; aber es wollte sich nicht schicken: vielleicht geschiehts jetzt. Ein paar Bücher hab ich durch die dritte Hand von ihm zu lesen bekommen, die sehr schön waren. Das Eine hiess der Messias, und im andern stunde ein grosses Gedicht, der Frühling. – O, die kenn ich wohl, die hab ich selbst auch, sagte Siegwart. Sie lesen wohl gern solche Bücher, mein Herr Gutfried? Ausserordentlich gern! antwortete dieser; wenn man nur in Ingolstadt dergleichen auch bekommen könnte! – Die beiden Jünglinge fiengen nun ein vertrauteres Gespräch über diese Materie an; denn nichts macht vertrauter, als die gemeinschaftliche Liebe zu den schönen Wissenschaften. Sie beschäftigt sich mit der Empfindung, und da begegnet man sich alle Augenblick auf Einem Wege. – Da hat er nun einmal den rechten Mann gefunden, sagte Boling zu Kirner, vor dem er sein Herz ausschütten kann. Wir müssen immer hören, dass wir von nichts, als Studentenmährchen reden können. – Es ist auch wahr, fiel ihm Gutfried ein, ihr bekümmert euch um nichts, was geschrieben wird. – Um Vergebung! sagte Boling; wir lesen doch den Triller und den Günter. Das ist wohl ein herrlich Lied im Günter: Ihr Schönen höret an etc.

Indem kam ein Kapuziner an den Postwagen, und bat den Schwager, ihn doch einzunehmen, weil er sehr ermüdet, und von der langen Reise halb krank sei. Meinetwegen wohl, sagte der Postknecht, wenn es die Herren da zufrieden sind. Sogleich machte Siegwart den Schlag auf, und liess den Kapuziner ein. Er setzte sich neben Kaspar, der sich ängstlich vor ihm zurück zog. Bleib er sitzen, junger Herr! sagte Siegwart, und schlag er seinen Mantel mit um den Ehrwürdigen Herrn herum! Er sieht ja, dass er halb erfroren ist. Kaspar tats halb unwillig, und der Kapuziner sah unsern Siegwart dankbar an. – Wo geht denn die Reise bei den jungen Herren hin? fragte er. – Nach Ingolstadt, war die Antwort. – So? dahin will ich auch. Will Gott recht danken, wenn ich da bin; denn nun marschir ich schon seit fünf Tagen aus dem Frankenland heraus. Ich glaubt' oft, ich könnt's kaum mehr aushalten. – Warum gehen Sie denn bei dieser veränderlichen Jahrszeit so weit, Herr Pater? fragte Siegwart. – Ach, was tut man nicht um des lieben Gehorsams willen! antwortete er. Ich habe Geschäfte für meinen Provinzial gehabt. Freilich kommt michs hart an, da ich schon seit Jahr und Tag nicht recht gesund bin. Ich hoffte aber auch, meine leute' im Aichstättischen noch einmal zu sehen. Lieber Gott! wie ich da vor meines Vaters Haus komm, und denke, ich will dem alten Mann eine Freude machen, dass er mich nach 20 Jahren wieder einmal sieht; da find' ich alles ganz und gar verändert; lauter fremde Gesichter; und als ich frag, da weis kein Mensch nichts von meinen Leuten. Die sind seit zehen Jahren weg, und gestorben, hiess esdas drang mir durch Mark und Bein, dass ich nicht mehr wuste, wo ich war? – Heilige Mutter Gottes! sagt ich; sind sie alle gestorben? – Hier stürzten dem ehrlichen Kapuziner die Tränen aus den Augen. Siegwart und Gutfried weinten mit. – Was ist denn das für ein Kerl da? rief Kirner zum Postillion, als sie bei einem Rad vorbei fuhren, auf dem ein kürzlich hingerichteter Mensch lag. Ja, das war ein feiner Geselle! Herr! antwortete der Schwager. Er ist auf der Mühle dort Knecht gewesen. Der hat seinem Herrn die Kasten aufgebrochen, und das Geld herausgenommen, und dann seine Tochter mit dem Beil umgebracht, weil sies sah, und ihrem Vater sagen wollte. Meinen Sie, er habe gebetet, als man ihn räderte? Geflucht und gesungen hat er, bis man ihn aufs Rad legte. Ich stand nah dabei, dort auf dem Hügel, und hab alles recht mit angesehen. Das war ein Teufelskerl! Aber er hat auch sein Lebtag nichts getan, als gesoffen und gespielt, und mit Menschern ganze Nächte zugebracht. Ich hab ihm oft gesagt: Hans, so wirst dus nicht weit bringen. – Das ist mir doch ganz unbegreiflich, sagte der Kapuziner, wie ein Mensch die Bosheit