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betrunken zu machen; aber unser Xaver nahm sich sehr vor ihm in Acht. Eh der Postwagen abging, kam ein Amtmann mit seinem Sohn, und der ganzen Familie, die den jungen Herrn begleitete, der auch auf die Universität nach Ingolstadt gehen sollte. Die Mutter, und zwo Schwestern standen unaufhörlich um den jungen Menschen herum, und weinten, als ob sie auf ewig von einander Abschied nehmen sollten. Sie steckten ihm die Taschen voll mit Lekerbisschen, und Arzneigläsern. Der Amtmann, der gehört hatte, dass Siegwart auch nach Ingolstadt gehe, setzte sich zu ihm; liess eine Bouteille Burgunder kommen; trank tapfer drauf los, setzte unserm Siegwart auch brav zu, und empfahl ihm seinen Sohn mit tausend Flüchen und Beteurungen, dass er ein rechtschaffener Kerl werden müsse, weil er schon dreihundert Gulden an ihn gewendet habe. Mitmachen darf mein Kaspar alles! sagte er. Es will mir gar nicht eingehn, dass meine Amtmännin so ein Ammensöhnchen aus ihm ziehen will. Sakrebleu! ich hab ihm einen Degen angeschafft, mit dem er sich herum hauen kann, dass es eine Lust ist. Er soll mir kein Hundsfott werden! Eine Schramme im Gesicht mehr oder weniger! Mit Mädels mag er es auch zu tun haben! Nur vor liederlichen Nickeln soll er sich in Acht nehmen! Da kommt nichts Gutes hinterher. He! Kaspar! was greinst wieder, wie eine alte Hure? Komm her! trink! Vivat die Universität! Ich sag dirs; werde mir ein braver Kerl! Lass dir keinen zu nah kommen! Oder stich ihn nieder! Hör ich einen schlechten Streich von dir; so sollst du deine liebe Not haben. Da, das ist ein rechter Herr, (auf Siegwart deutend) der sticht jeden übern Haufen, der ihm auf die Zähne fühlen will. Siehst, was er für einen Schläger an hat? Der hat gewiss schon Blut gesehen. Nicht wahr, Herr? Siegwart sagte, dass er ihn erst vor zwei Tagen neu gekauft habe. – Ja, ja, so sagt man! antwortete der Amtmann; indem bliess der Postillion zum Abfahren. Die Amtmännin erschrack, ward todtblass, und eilte mit ihren Töchtern herzu, ihrem Knaben Filzschuhe, ein dickes Halstuch, und einen Ueberrock anzulegen. Der Amtmann trank hurtig seine Bouteille aus, und sprang mit den übrigen an den Wagen. Die Amtmännin herzte und drückte ihren Sohn; hub ihn in den Wagen, fing ein grosses Geheul an, und wollte den Schlag, der schon zu war, wieder aufreissen, um ihren Sohn noch einmal zu umarmen. – Fahr zu, Schwager! schrie der Amtmann, und schlug mit seinem Stock auf die Pferde zu. Der Wagen fuhr fort.

Siegwart sass bei dem Officier. Ihm gegenüber der junge Kaspar, neben dem Juden. Er weinte wie ein Kind, und wollte immer aus dem Schlag gucken, um seine Mutter noch einmal zu sehen; aber der Wagen ging zu schnell, und schmiss ihn immer wieder zurück, wenn er aufstehen wollte. Der Jude, der die Geschwätzigkeit mit seiner ganzen Nation im hohen Grad gemein hatte, plauderte beständig mit dem jungen Kaspar; erzählte ihm alle seine Familienumstände, dass er einen Sohn habe, der so alt sei, wie er; dass ihm seine Rebekka vor zwei Jahren gestorben sei u.s.w. Seine Neugierde wollte aus Kaspar eine gleiche Vertraulichkeit herauslocken; aber dieser sagte immer nur: So! und Ja, und Nein. Der Offizier und der Kondukteur spotteten beständig über den Juden, fragten ihn verschiedenes; und wenn er zu erzählen anfieng, lachten sie über ihn. Der Offizier rief alle Mädchen an, die den Wagen vorbei gingen, und rief ihnen Zoten zu. Wenn ein Bettler an den Wagen kam, so stellte er sich, als ob er etwas Münze herauswürfe; die armen Leute suchten lang umsonst im Kot herum, und der Offizier lachte recht aus vollem Halse über seinen, wie er glaubte, glücklichen Einfall. Als sie auf die nächste Station kamen, und den Postillion bezahlen sollten, kannte Kaspar keine Münze, und wollte dem Schwager statt sechs Kreuzern einen Sechsbäzner geben. Siegwart nahm sich seiner an, und zahlte für ihn aus, sonst wär er in kurzer Zeit um all sein Geld gekommen. Nun setzte sich auch ein junges Mädchen von Donauwert in den Postwagen, an das sich der Offizier sogleich machte. Er brachte so grobe Zoten und Zweideutigkeiten vor, dass Siegwart die Augen zutat, als ob er schliefe, so ärgerlich war ihm das Geschwätz. Er wurde durch ein grosses Geplapper aufgeweckt, indem eine Wallfahrt, die ein halbes Dorf ausmachte, und nach Königinbild im Burgauischen ging, am Wagen vorbei kam. Der Offizier rief ihnen zu: Sie möchten doch auch für ihn beten! denn er sei ein grosser Sünder. Hierüber schlug er ein lautes Gelächter auf. Gegen Abend wurde der Jude, der sein Abendgebet verrichten wollte, von dem Offizier unaufhörlich so geneckt, dass er sich endlich, ungeachtet des ärgsten Regens, aus dem Wagen hinaussetzte, und die ganze Nacht da sitzen blieb. – In Donauwert gingen alle vom Postwagen ab, ausgenommen der junge Kaspar und der Kondukteur. Dagegen traten drei Studenten von Ingolstadt ein, die auf der Vakanz gewesen waren. Sie sprachen mehrenteils lateinisch, und Siegwart mischte sich in ihr Gesprach. Kaspar aber konnte mit dem Lateinischen nicht fortkommen. Er beklagte sich sehr über die Kälte, ungeachtet die Witterung