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stand, und sich das Blut aus dem Gesicht wischte, das ihm seine Frau, um sich zu verteidigen, zerritzt hatte. Hinter dem Ofen stand ein kleiner Knabe weinend, und zitterte, weil er seinen Vater so in Wut sah. Die Tochter, ein unschuldiges Mädchen von 16 Jahren, weinte auch in ihre Schürze, weil der Vater sie geschlagen hatte, als sie ihrer Mutter hatte zu hülfe kommen wollen. Der Bauer ward vor Schrecken schneeweiss, als er den Pater mit der Mine des Friedens und der Ruhe hereintreten sah. Er nahm die Mütze ab, fing an einen guten Abend zu stottern, um seine Verwirrung zu verbergen, und ward dadurch nur noch verwirrter.

Ei, Ei! was muss ich sehen? fing Anton endlich an; Was ist das, Michel, dass ihr so zerstreut und blutrünstig ausseht? Es scheint, da hats Händel gegeben; das ist doch nicht schön, Michel, eure Frau so unchristlich zu schlagen, wie sie mir erzält hat. – Ja, sie hat mir es auch darnach gemacht, fiel der Bauer ein; wenn Sie wüsten, ihr WohlehrwürdSo? Hast du nicht selbst angefangen, du? rief das Weib, und trat aus dem Winkel hervor.

Eins nach dem andern, lieben Kinder! sagte Anton, setzte sich auf eine Bank und winkte dem jungen Siegwart, es auch zu tunEins nach dem andern! Sonst kann ich nicht draus klug werden, wer Recht oder Unrecht hat? Ihr seid noch zu hitzig, Michel! lasst euer Weib erzälen, wie der Handel anging?

Die Frau. Ja, Ihr Wohlehrwürd, sehen Sie nur, da stunde ich da draussen vor der Tür, und nahm meiner Kinder Wäsche vom Seil' herab; kommt da ein armer Söldner vom nächsten Luterschen Dorf her, der schon drei Jahr mit der Schwindsucht zu tun hat, und keinen Menschen, der sich seiner annimmt, weil er arm ist, und ein Fremder, aus dem Salzburgerland, da von den Vertriebenen, wie Sie werden g'hört habenDer kommt, an zwei Stöcken, dass er kaum aus der Stelle kommen kann, sieht aus, wie der bittre Tod, der leibhafte Hunger gukt' ihm aus den Augen, und bittet mich um Gottes und um Jesus willen um ein Stücklein Brod, und einen halben Scherben saure Milch, weil er noch den ganzen Tag nichts gessen hab, und so kraftlos sei. Es war ein Jammer anzusehen, wie er kläglich tat, und zitterte. Ich, ohne lang mich zu bestimmen, lauf ins Haus, will ihm einen Scherben süsse Milch, und ein gut Stück Brod dazu holen; denn ich denke halt immer, was man den Armen gibt, das gibt man Gott, und unter den Luteranern gibts doch auch arme, und sind auch Menschen, wie unser eins. – Mein Mann kommt wie wütig hergelaufen, sagt, was will der Ketzer draussen? Mach, dass er sich fort schiert! – Je, Mann, sagt ich, sei doch nicht so arg! Ich wollt ihm nur ein Stücklein Brod geben. Siehst nicht, wie er aussieht? – So! das wär schön, hub er an; willst noch gar den Ketzern geben, den verfluchten Hunden! Sapperment! Du bist mir ein rechtes Weib! Beim Teufel! Man sollt dich aus dem Haus schmeissen. Wirst wohl gar noch Luterisch werden wollen; hast doch immer so Geschmeiss gnug an dir. Komm mir nur, und gib ihm was! Teilst doch immer gnug unter die Halunken unsers Glaubens aus. Und da fing er an zu fluchen, dass es schröcklich war.

Ich ward denn auch hitzig, wie's so geht, Ihr Wohlehrwürd! und geb ihm brav heraus, und sag, dass ein Ketzer auch ein Mensch sei, und auch einen Gott hab, wie wir, und einen Seeligmacher, Jesus Christus; und lang nach dem Brodmesser, und will ein Stück Brod abschneiden; da kommt er auf mich zu, nimmt mich bei der Gurgel, schmeist mir's Messer aus der Hand, und schlägt mich ins Gesicht, und wo's hingeht. Er hätt mich schier erwürgt, wär mein Mädel nicht dazwischen kommen, und da fällt er über die her, schlägt sie braun und blau, dass ich nur gnug abzuwehren hatte. Und da sprang ich endlich aus dem Haus und traf zu allem Glück Ew. Wohlehrwürden an, sonst hätt er mich gewiss umgebracht. Es ist ein Elend, bei so einem Mann zu leben; und nun fing sie an, bitterlich zu weinen.

P. Anton. Ist das wahr, Michel, ist der Handel so angegangen?

Michel. Ja, Ihr Wohlerwürd, nun will ich sehen wer recht hat! Hab ich nicht christlich gehandelt? Müssen Sie's nicht selber sagen?

P. Anton. Christlich, Michel? Ei, Ei! Das wär schlimm, wenn das christlich wäre! Wer hat euch so was gelehet? Hört mir einmal ruhig zu, wenn ihr könnt! – Seht! dass die Ketzer Menschen sind, wie ihr, und unser eins, könnt ihr ja schon daraus sehen: wenn einer davon zum katolischen Glauben üvertrit, so wird er ja nicht verwandelt; er bleibt, was er vorher war; hat Augen, Ohren, Nasen, wie wir, isst und trinkt, wie wir, und wird um kein Haar anders