. O, sie wissen nicht, wie süss das Grab ist; und sehen doch so blass aus; oder gibts noch andre Leiden, als den Schmerz trostloser Liebe?
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Am ersten Jenner.
Ihr fangt in der Welt ein neues Jahr an. Das alte gab mir Tränen; wird das neue mir den Tod geben? Ja, ich hoff ihn, Lieber; denn mein Auge wird trüb und matt; meine Kräfte schwinden, dass ich kaum mehr gehen kann ins Chor, für dich zu beten, und für mich. Meine Hand zittert, wenn ich an dich schreibe; meine Tränen sind vertrocknet. – Sei mir willkommen, Jahr des Friedens und des Todes! Sende Segen meinem Bräutigam, dass er Freuden erndte an jedem deiner Tage! O du Lieber, Auserwählter, warum bin ich heute so traurig, da ich doch den Tod erwarte, meinen Freund?
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Im Februar.
(zwei Tage vor ihrem tod.)
Endlich, endlich! Lieber, Teurer, auserwählter Bräutigam, o du, den meine Seele liebt, wie ist mir so wohl! Der Tod, mein Freund, mein Retter, der einst dir mich wieder geben soll, ist vor der Tür, und hat schon angeklopft. Ich fühls, in wenig Tagen werde ich schlummern in der Gruft der toten. – lebe wohl du Teurer! Ach, nun wird mir es schwer, die Welt zu lassen, welche du bewohnst! – Aber deine Hütte wird einst sinken, und du wirst hinübergehen in die wohnung der Gerechten, wo ich dich erwarte im Gewand des Lichts. – Verschweig, ich beschwöre dich bei Gott, zu dem ich übergehe, verschweig meine Zärtlichkeit, und alles, was ich dir geschrieben habe! Ich schäme mich nicht meiner Liebe; aber meine Mutter und mein Vater würden noch mehr trauren, wenn sies wüsten, und dir minder gut sein. – Ach, du Teurer, nimm den letzten, letzten Segen, den mein Herz dir gibt! Lebe fromm, und folg mir bald nach! – Mein Herz hat dich rein geliebt, und keusch; ich kann ruhig sterben, denn ich sehe dich bald, und weine nicht mehr. – Meine Hand wird matt ... ich kann nicht mehr schreiben .... lebe wohl, komm bald! ... ich erwarte dich ... Bin deine Braut
Sophie.
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Siegwart blieb einen halben Tag eingeschlossen, um das Tagebuch, von dem dieses nur einige abgerissne Stücke sind, zu lesen. Er las es mit ununterbrochner Rührung durch, und hörte fast niemals auf zu weinen. Nun klärte sich ihm auf Einmal so vieles auf, was ihm in Sophiens Betragen so sonderbar und unbegreiflich vorgekommen war, denn er dachte zu bescheiden von sich selbst, als dass er Liebe gegen ihn für die Ursache davon hätte halten sollen. Anfangs machte ihm sein zartes Herz Vorwürfe, dass sie seinetwillen so viel ausgestanden hatte; als er aber über sein Betragen nachdachte, fand er nichts, dass er sich vorzuwerfen hätte, und beruhigte sich von dieser Seite. Doch beschäftigte sich seine Seele lange mit den traurigsten Gedanken. Das Bild der leidenden Sophie begleitete ihn aller Orten hin, und erschien ihm manche Nacht im Traum. Er bekam aufs neue die stärkste Abneigung vor der Liebe, die so vieles Unglück auf der Welt anrichtet. Er vermied sorgfältig, viel in Grünbachs Haus zu gehen, weil ihn da alles, haft an Sophien erinnerte. Die Mutter wollte wissen, was das Packet ihrer Tochter an ihn entalten habe? Er kam über die Frage in Verlegenheit, und sagte: Es seien ein paar Bücher drinn gewesen, die er Sophien geliehen habe.
Seine meiste Zeit brachte er nun in der Einsamkeit auf seinem Zimmer, oder bei P. Philipp zu, mit dem er aber so wenig, als möglich, von Sophien sprach. Kronhelm schrieb ihm fleissig, aber traurig, und erwartete mit aller sehnsucht seine Ankunft in Ingolstadt. Terese und sein Vater schrieben ihm auch, dass er auf Ostern dahin abreisen könne, welches ihm sehr lieb war, da ihm die Einsamkeit immer trauriger und unerträglicher wurde.
Acht Tage vor Ostern bekam er von seinem Vater einen Wechsel, Reisegeld, und einen Brief an den Hofrat Fischer in Ingolstadt, dem er, als seinem alten Freunde, seinen Sohn empfahl. Siegwart brachte seine Sachen in Ordnung, um gleich nach Ostern abgehen zu können. Er schrieb auch seinem Kronhelm, dass er ihm, wo möglich, ein paar Stunden weit entgegen kommen möchte. Der Abschied wurde ihm bloss um des P. Philipps, und einigermassen um der Grünbachischen Familie willen schwer. Ein paar Tage vor der Reise ging er noch in das Nonnenkloster, wo Sophie gestorben war. Er besuchte ihr Grab, und weihte dem Andenken des unglücklichen Mädchens seine Zähren. lebe wohl, teurer Staub, sagte er bei sich, beim Weggehn! lebe wohl, Ueberrest Sophiens! Ihr Beispiel soll mich dulden lehren, wenn ich leiden muss. Ich will dir treu sein, und dein Bräutigam im Himmel werden. Hierauf ging er nach Haus, und las ihr Tagebuch wieder mit zwiefacher Rührung durch. Den andern Tag nahm er von ihren Eltern, und von ihrem Bruder Abschied. Sein Herz ward sehr bewegt, und er muste eilen, um die armen Eltern nicht zu weich zu machen. Der junge Grünbach versprach ihm, in einem Jahr nach Ingolstadt nachzukommen.
Den lezten Abend brachte er