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. Endlich ward sie ganz bettlägerig; Cäcilia war beständig um sie. Einst, in einer schlaflosen Nacht, erzählte ihr Sophie ihre ganze geschichte, und die Liebe zu Siegwart. Aber, sagte sie, verschleuss mein Vertrauen in dich, und nimms ins Grab mit! Beleidige deine tote Freundin nicht durch Untreue! Sonst können wir uns im Himmel nicht mit Freuden entgegen gehen. Hier hab ich ein versiegeltes Packet an Siegwart. Gibs meiner Mutter, wenn ich tot bin, dass sies ihm einhändige! Dank ihr in meinem Namen tausendmal für ihre Liebe, und deinige küsse; eben so heiss und brünstig! Sag ihr, dass ich glücklich werde! Sie soll sich nicht zu sehr betrüben! Noch wenig Schrittedenn was sind Jahre in diesem Leben anders? – so werden wir uns widersehn, und ohne Seufzer, ohne Tränen wiedersehn. – Auch du hast grosse Leiden, liebe Schwester! Trag sie mit Geduld! Ihre Frucht wird Freude sein. Folg mir bald nach! – Cäcilia weinte; sie erzählte Sophien auch ihre geschichte. Sie war traurig; unglückliche Liebe war ihr Inhalt. Sophie weinte viel, legte sich auf die Seite; hüllte ihr Gesicht ins Bett, schlummerte ein, und wachte den andern Morgen kraftlos auf. Ihre stimme war gebrochen; man konnte sie kaum mehr verstehen. Ein Kapuziner gab ihr die letzte Oelung. Gegen Abend ward sie noch einmal munter; betete eine halbe Stunde laut, und mit der grössten Inbrunst; dann entging ihr die Sprache wieder; ein paarmal sah sie Cäcilien an, machte einen Zug mit ihrem Finger auf das Bette, der ein S, vermutlich Siegwarts Namen, vorstellte; dann starb sie.

Cäcilia gab den andern Tag ihrer trostlosen Mutter das Packet, auf welchem Siegwarts Name stand. Er brach es mit Zittern auf. Es entielt eine Art von Tagebuch, das an ihn gerichtet war. Einige Stücke daraus wollen wir denen, die es fühlen können, mitteilen. Erst die Einleitung:

An den lieben frommen Siegwart.

Wenn das Grab mich deckt; wenn meine Seel' in Gottes Hand ist; wenn ich unter Engeln wandle, und der Leiden dieser Zeit vergesse: dann, mein Auserwählter, wirst Du diese Blätter lesen, und weinen. Lass sie Dir erzählen, was mein Herz gelitten hat, um deinetwillen, weils mein Mund nie durfte! Wein' in meine Leiden! Das Bild der Tränen, die Du mir vergiessen wirst, tröstet mich in trüben Stunden. – Betrüb Dich nicht zu sehr, Jüngling! und mach Dir keine Vorwürfe! Nicht Du bist die Ursache meines Jammers; mein zu fühlendes, zu weiches Herz ist es. Ich will Deinem Auge keine Tränen erpressen, als Tränen des Mitleids, und auch die sollen süss sein. denke, dass meine Leiden, wenn Du sie erfährst, vorüber; dass alle Tränen, die die Liebe weinte, abgetrocknet sind; dass ich ausgerungen habe jeden Kampf, und gekleidet schmückt mit Siegerpalmen. O Du Teurer! Weine nicht! blick auf! Ich bin bei Gott, und bei der hochgelobten Jungfrau. Sieh, sie nennt mich Schwester und Tochter, weil ich ausgeduldet habe meinen schweren Kampf; weil mein Mund nicht murrte, da die Last mir schwer ward. Tröste Dich, mein Auserwählter! Ich will um Dich sein bei Deinen Tränen, will Dir Ruhe herablispeln aus den Lüften, wenn Dirs trübe wird im Herzen; will im Traume Dir erscheinen, und Dir sagen, dass ich nicht mehr leide.

Vergib mir, dass ich Dich geliebt habe! Gott vergibt

mir es auch. Ich kämpfte lang, aber Du bist gar zu fromm und lieb. Wärst Du wild und leichtsinnig, wie die Jugend, ich hätte Dich nicht geliebt; aber Du bist gut, und fromm, und sanft. Mein Herz ist keusch, und rein, und kennt keine wilde Flamme. Vergib, dass ich Dich geliebt habe!

Vergib, dass ich an Dich schreibe! Ich habe lang ge

litten, und meinen Mund nicht aufgetan. Lass mich nach dem tod zu Dir reden! – Gott weis, dass ich Dich nicht kränken wollte; wie könnt ich Dich kränken. Du Geliebter? Lis und lerne Trost aus meinem Schreiben! Lerne dulden, wie einst ich tat, wenn das Unglück einbricht! Lerne, Gott Dich widmen, wie ich Ihm mich widme! blick auf zu den Sternen, und zu mir, wenn die Welt, dir öd und ekel wird! Lern aus meinem Schicksal, und du wirst mich segnen.

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Vom dritten May (als sie Abends im Garten

zusammen gewesen waren).

Ich liebe selbst nicht; wünsch auch nie zu lieben! So hast du selbst gesagt, du Teurer, den ich über alles liebe. Fasse dich, meine Seele! Er liebt nicht, wünscht auch nie zu lieben. Also sind die Hofnungen gesunken, die die Liebe baute. Also wirst du nie geliebt werden, armes, liebekrankes Herz! O ihr Heiligen, erbarmet euch mein, und tröstet mich! Nicht geliebt werden, und lieben, ach so heiss und innig liebenist ein harter Kampf, den ein armes schwaches Mädchen ohne Gott nicht kämpfen kann; Gott, du wirst mich nicht verlassen! – Komm, Gedanke des Todes! Komm, und küsse mich statt seiner! Hauche mich kalt an, dass ich hinsink und sterbe! – Ach, du liebst mich nicht, Erwählter, und