Rolle war nun ganz für unsern Siegwart gemacht, und er bekam sie auch, weil sie die stärkste und schwerste zum Singen war. Er war davon ganz bezaubert, und dachte sich, ohne viele Mühe, ganz in die Rolle, und die Lage des h. Tomas hinein. Er übte sich Tag und Nacht im Singen, und täuschte sich oft dabei so sehr, dass er nicht mehr Siegwart, sondern der h. Tomas selbst zu sein glaubte. Unter Teresen, die ihm auch einmal vom Kloster abgeraten hatte, dachte er sich die Mutter seines Helden, und wendete alle Umstände genau auf sich an. Dieser Umstand fesselte sein Herz aufs neue wieder so fest ans Kloster, dass ihm die ganze Welt zuwider und ekelhaft wurde. Oft ward er dem jungen Grünbach, der die Rolle der Mutter hatte, ganz im Ernst böse, wenn sie ihre Arien zusammen probirten.
Als das Stück selbst wirklich aufgeführt wurde, rührte er durch sein empfindungsvolles Spiel, und seinen ausdrückenden, herzlichen Gesang fast alle Zuschauer, und besonders alle Mädchen, bis zu Tränen. In allen jungen Herzen stieg der Wunsch auf, auch ins Kloster zu gehen. Sophie sass, im Innersten bewegt, da; jeder Ton drang ihr ans Herz; sie war auf dem Scheideweg zwischen Himmel und Erde; hier das Kloster, das ihr lieber Jüngling mit aller Stärke der Beredsamkeit, und dem Zauber des Gesangs abschilderte – dort die Welt und Er, der reizende und sanfte Jüngling selbst. Ihr Herz ward zerrissen; endlich hub die Stärke der Musik sie über alles weg; und als Tomas über alle Ueberredungen und Hindernisse siegte, riss auch sie sich von allem los, und flog in ihrem Geist dem Kloster und dem Himmel zu. drei oder vier Wochen darauf ging sie, ungeachtet aller Bitten ihrer Eltern als Novize ins Kloster. Den Tag vorher nahm sie noch von Siegwart Abschied. Sie hatte ein schneeweisses Kleid mit schwarzen Schleifen an. Ich bin eine Braut des himmels und des Todes, sagte sie. Ich habe Freuden von der Welt gehofft, und sie gab mir Tränen. Leben Sie wohl, mein Teurer, ewig teurer Freund! Ach, Sie wissen nicht, wie teuer sie mir sind; aber, wenn ich tot bin, sollen Sies erfahren. Siegwart war sehr gerührt bei ihrem Abschied; er beweinte sie und ihr Geschick, ohne zu wissen, dass er selbst die Ursache davon sei. Keine Seele wusste sie, als P. Philipp, der aber weiter nichts, als mutmasste. Das unglückliche Mädchen schloss sich und ihren Gram in die Zelle. Ihre Tage waren zwischen Tränen und Gebet geteilt. Der Tod war ihr einziger Freund, und die Gedanken an ihn waren ihr die süssesten. Sie wurde täglich mit ihm vertrauter, und fühlte seine nahe Ankunft täglich mehr. Ihre Klosterpflichten beobachtete sie genau; man sah sie vor Anbruch des Tages immer zuerst im Chor; oft kniete sie mit blassem, abgehärmtem Gesicht allein am Altar; ihre Tränen flossen hinter dem Schleier an den Fuss des Altars nieder; sie betete laut und brünstig, und war oft durch glühende Andacht so ermüdet, dass sie kaum allein wieder aufstehen konnte. Beim Essen sprach sie gar nichts, und sah bloss ihre Schwestern, eine nach der andern an, und bemerkte in ihren Gesichtern den verschiednen Ausdruck des mannigfachen Kummers, der in ihren Seelen wohnte. Sie hatte keine ganz vertraute Freundin; nur Cäcilia, ein zwanzigjähriges Mädchen, sass oft bei ihr auf der Zelle, denn sie hatte auch Gram im Herzen, und das Unglück sucht Gesellschaft. Es schien, dass die beiden Seelen einen gemeinschaftlichen Kummer hatten, aber sie wagten's nicht, ihn einander zu entdecken. Oft sahn sie sich Stundenlang stillschweigend an; drückten sich die hände, küssten sich, und blickten dann weg, um ihre Tränen zu verbergen. Wenn Sophie allein war, so kniete sie vor ihrem Krucifix, bat um ihren Tod, und setzte sich dann hin, um Stickereien, oder Agnus Dei zu machen. Sie stickte Blumen, aber immer nur mit blassen Farben, oder halbverwelkte. Oft zeichnete sie einen Grabhügel aufs Papier, und Cypressen drum herum. Auf den Grabstein schrieb sie ihren Namen; dann weinte sie aufs Papier, und zerriss es wieder. Siegwarts Bildnis schwebte unter tausenderlei verschiedenen Vorstellungen immer ihr vor Augen; der Gedanke an ihn mischte sich in ihre Andacht, und in alles, was sie vornahm. Oft betrübte sie sich darüber, und machte sich ein Gewissen draus, an ihn zu denken. Sie wollte ihn vergessen; aber alles, alles erinnerte sie wieder an den teuren Jüngling. In dem Augenblick, da sie Gott um Vergebung bat, dass sie noch so sehr an der Welt hänge, und so viel an Siegwart denke, in dem Augenblick stellte ihr die Liebe sein Bild wieder dar, und sie hieng sich ihm in Gedanken an seinen Arm. Unter diesen fortwährenden Kämpfen, und der unaufhörlichen Arbeit ihrer Seele zehrte sich ihr Leben ab; ihre Säfte vertrockneten, wie ein Quell in der Sonnenhitze; sie ward täglich schwächer, und musste oft auf ihrer Zelle bleiben. Oft schrieb sie ganze Stunden lang, muste dann, wegen ihrer häufig fliessenden Tränen aufhören, und schloss das Papier ein. Alle Wochen sprach sie zweimal mit ihrer Mutter und andern Verwandten am Sprachgitter. Ihre Mutter suchte sie mit Tränen zu bereden, wieder in die Welt zurückzukehren, aber alle Tränen und Bitten halfen nichts